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Hoffen auf die Welle – vor dem AKW

13.07.2012 | 18:29 |  von unserem Korrespondenten Thomas Vieregge– (Die Presse)

Die einstweilige Schließung des kalifornischen Kernkraftwerks San Onofre gibt der Anti-Atomkraft-Bewegung Auftrieb. Eine vollständige Wiederinbetriebnahme wird immer unwahrscheinlicher.

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San Onofre. Fahl steht die Sonne über den zwei antiquierten Betonkuppeln, die sich zwischen dem Asphaltband des Highway I-5 auf halbem Weg zwischen Los Angeles und San Diego und dem kräuselnden Ozean erheben. Wachtürme markieren die Eckpunkte des kaum drei Meter hohen, mit Stacheldraht bewehrten kümmerlichen Betonwalls, der das Atomkraftwerk San Onofre von der Küste trennt.

Die Posten sind verlassen, niemand hält hier Ausschau nach einer Riesenwelle – nur Dutzende Surfer liegen mit dem Gespür fürs richtige Timing auf der Lauer vor der perfekten Welle. Keiner nimmt hier Notiz von dem Strandgut, das die Brandung derzeit überall an die kalifornischen Küste spült – Treibgut, das den Pazifik überquert hat, nachdem es der Tsunami in Japan vor bald eineinhalb Jahren mit sich gerissen hat.

Zwei Männer stapfen in Gummistiefeln durch den Sand, vorbei an Seetang, dürrem Gehölz und einem verfaulten Fisch tasten sie sich mit ihren Detektoren vor. Die Geräte schlagen einstweilen nicht an. Die beiden messen nicht die Radioaktivität, wie sich herausstellt, sondern suchen nach verborgenen Schätzen – nach zurückgelassenem Schmuck oder gar nach Gold. „Zuweilen haben wir Glück“, sagt Ron augenzwinkernd.

 

„Es ist das Risiko nicht wert“

Von Glück können auch die Ingenieure des Kernkraftwerks reden. Selbst geeichte Messgeräte wären nicht in der Lage gewesen, radioaktive Wellen am Strand aufzuspüren. Seit einem halben Jahr sind die Reaktoren nämlich abgeschaltet. Ende Jänner heulten die Sirenen, rote Kontrolllampen leuchteten auf, als plötzlich eine geringfügige Dosis Radioaktivität austrat. Hunderte Röhren hatten sich verschlissen, hervorgerufen durch Risse und Vibrationen der relativ neuen Dampfgeneratoren, die 670 Mio. Dollar gekostet hatten. Die Betreibergesellschaft Edison schickte einen Großteil der 2000 Angestellten nach Hause.

Seither hat Edison das Hochfahren immer wieder hinausgeschoben, zuletzt bis zum Ende des Sommers. Eine vollständige Wiederinbetriebnahme wird immer unwahrscheinlicher, zehn Jahre vor dem Ende der Laufzeit spekulieren Anti-Atom-Aktivisten schon mit der Schließung. „Es ist das Risiko nicht wert“, meint Gary Headrick, Gründer der lokalen Umweltinitiative „San Clemente Green“. Derweil befürchten viele einen Stromengpass in Südkalifornien, gerade in den Sommermonaten, wenn die Klimaanlagen auf Hochtouren laufen. Lokalpolitiker richteten an die Bürger einen Appell zum Stromsparen. San Onofre lieferte bisher die Energie für 1,4 Millionen Einwohner.

 

Gefahr durch Erdbebenzone

Der Bau von San Onofre, einem von zwei kalifornischen Atomkraftwerken, war schon in den 1960er-Jahren umstritten. Die Nähe zum San-Andreas-Graben, der berüchtigten Bruchlinie in der prekärsten US-Erdbebenzone, rief Gegner auf den Plan. Die unterschwellige Angst vor dem „Big One“, dem großen Beben, steckt den Kaliforniern seit Generationen in den Hinterköpfen. Das Kraftwerk, versicherten die Betreiber ein ums andere Mal, könnte einem Erdbeben der Stärke sieben standhalten. Eine Katastrophe, so der Einwand, würde jedoch mehr als sieben Millionen Menschen treffen. Die 50-Meilen-Sicherheitszone stößt bis an die Stadtgrenzen von Los Angeles und San Diego.

 

Fukushima ließ die Mehrheit kalt

Nach dem Desaster in Japan waren im Süden Kaliforniens nur vereinzelt Stimmen laut geworden, die Anlage zu schließen. Fatalismus paarte sich mit schrägem Humor. George Caswell brachte den Tenor unter seinen Surferkumpeln auf den Punkt, als er sich aus dem Neoprenanzug schälte und sich eine Zigarette anzündete: „Die Gefahr, von einem Hai gebissen zu werden, ist größer als das Atomrisiko. Überhaupt machen mir die Irren im Iran mit ihrem Nuklearprogramm mehr Kopfzerbrechen.“ Eine überwiegende Mehrheit der Sportler, Strandgänger und Sonnenanbeter in dem populären Surferrevier ließ die in Europa grassierende Atomangst damals kalt.

„Es kommt, wie es kommt“, sagt ein durchtrainierter Hippie-Surfer mit fast buddhistischem Gleichmut, ehe er mit röhrendem Motor im schwarzen Käfer-Cabrio über die Sandpiste davonbraust.

Die Proteste blieben denn auch im kleinen Rahmen. Die Anti-Atom-Bewegung im grün angehauchten Kalifornien, das sich bis 2020 zu einem Drittel aus regenerativen Energien versorgen will, sieht sich aber beflügelt. Was der Atomschock von Fukushima nicht auszulösen vermochte, das schafften kleinere Lecks in San Onofre.

Die lecken Röhren firmieren neuerdings als Symbol im Kampf gegen die Nuklearenergie – ein wenig so wie 1979, als ein GAU im Atomkraftwerk Three Mile Island in Pennsylvania einen AKW-Baustopp zur Folge hatte, der mehr als 30 Jahre anhielt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2012)

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