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London: Die Nase voll von Olympia

14.07.2012 | 18:07 |  von Julia Kastein (Die Presse)

London bereitet sich auf den größten Militäreinsatz in Friedenszeiten vor. Die auf Häusern postierten Raketen und andere Sicherheitsmaßnahmen stoßen aber auf immer mehr Unmut.

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Der Fred Wigg Tower am östlichen Rand des Londoner East End liegt nur knapp drei Kilometer vom Olympiagelände entfernt. Aber zwischen dem tristen 17-stöckigen Hochhaus im ärmlichen Stadtteil Leytonstone und dem nagelneuen olympischen Dorf und seinen hypermodernen Sportstätten samt gigantischem Luxuseinkaufszentrum liegen Welten. Trotzdem spielt der 45 Meter hohe Block, der mit seinem verwitterten beige-grün-blauen Anstrich den Charme der späten 1960er versprüht, bei diesen Sommerspielen eine tragende Rolle: Das Verteidigungsministerium stationiert auf dem Gebäude und fünf weiteren Hochhäusern in Ost- und Südlondon Luftabwehrraketen, um mögliche Terrorangriffe aus der Luft abzuwehren.

„Eine Schande ist das. Das ist schließlich jemandes Zuhause und nicht irgendeine Militärbasis“, empört sich Simon Rayner (26), der als Kind hier wohnte und am Donnerstag kurz zuschauen wollte, wie die Soldaten die Raketen auf dem Dach installieren. Viel zu sehen gibt es nicht: Eine Handvoll Uniformierter eilt geschäftig zwischen dem abgesperrten Hof und dem Eingang hin und her. Ein Polizeimannschaftswagen steht an der gegenüberliegenden Straßenecke, ein Kamerateam der BBC wartet auf Action.

Doch nur wenige Bewohner, viele von ihnen Sozialhilfeempfänger, lassen sich blicken. Mohammed Akram lebt mit seiner Familie schon mehr als zehn Jahre im ersten Stock. „Natürlich haben wir Angst, zur Zielscheibe zu werden“, sagt der 45-Jährige mit dem gepflegten Kinnbart, während er misstrauisch die Soldaten in seinem Hof beäugt. „Der Hauptzweck dieser Anlage ist doch, dem Rest der Welt zu zeigen, wie gut gerüstet Großbritannien ist. Aber wenn jemand böse Absichten hat, wird er versuchen, sie zu sabotieren. Oder vielleicht dreht auch einer von den Soldaten durch. Wer weiß?“ Mohammed klingt resigniert: Er und seine Nachbarn sind mit ihren Protesten gegen die Raketen auf ihrem Dach gescheitert. Am vergangenen Dienstag hat der Londoner „High Court“ ihre Klage abgewiesen – die Maßnahme sei gerechtfertigt, die Anwohner seien vorab ausreichend informiert worden.

Die Erleichterung bei der Regierung dürfte dagegen groß gewesen sein – denn im olympischen Sicherheitskonzept herrscht knapp zwei Wochen vor der Eröffnungsfeier ein heilloses Durcheinander: Die private Sicherheitsfirma G4S, die für 300 Mio. Pfund 13.000 Sicherheitskräfte stellen sollte, musste vergangene Woche einräumen, dass erst 4000 dieser zivilen Kräfte einsatzbereit sind. Laut Medienberichten soll die Firma bei den notwendigen Sicherheitsüberprüfungen und der Ausbildung ihrer Rekruten, viele von ihnen Schulabsolventen, hoffnungslos hinter dem Zeitplan sein. Zwar versicherte das Unternehmen, die noch fehlenden Kräfte „seien in der Pipeline“. Doch darauf mochte sich Innenministerin Teresa May nicht verlassen: Sie forderte eilig weitere 3500 Soldaten an. Insgesamt marschieren beim größten Einsatz des britischen Militärs in Friedenszeiten nun 17.000 Soldaten auf – fast doppelt so viele, wie derzeit in Afghanistan stationiert sind.


Schwäne statt Terroristen. Immerhin: Der Londoner Einsatzort ist deutlich geruhsamer, jedenfalls für die beiden Soldaten, die an diesem Vormittag am Ufer des Lee River Wache schieben. Der Fluss begrenzt das Olympiagelände im Westen. Direkt hinter dem sechs Meter hohen Elektrozaun ragt das hangarähnliche Medienzentrum in den ausnahmsweise blauen Himmel. Einer der Soldaten hat sich in das improvisierte Zelt zurückgezogen, der andere beobachtet ein Schwanenpaar, das mit seinen drei grau gefiederten Jungen einen Ausflug macht.

„Mir ist es lieber, die Soldaten passen auf uns auf, als Leute von irgendeiner Privatfirma. Die wissen wenigstens, was sie tun“, sagt Kfz-Mechaniker Kevin Coots (53), der sich im Hof des Lebensmittelgroßhandels „Essex Grain & Flour Company“ auf der anderen Uferseite ein Stück flussaufwärts eine kleine Pause gönnt. „Natürlich mache ich mir Sorgen vor einem Anschlag, wir sind hier so dicht dran. Ich kann nicht fassen, dass sie zwei Wochen vor Beginn nicht genug Sicherheitskräfte haben. Wenn sie nicht mal das schaffen, was geht dann noch schief?“

Wie viele Londoner hat Coots kein grundsätzliches Problem mit dem militärischen Großaufgebot. Aber wie viele seiner Nachbarn im East End fürchtet er die Auswirkungen der Sicherheitsvorkehrungen: Um den zusätzlichen Verkehr in diesem stets verstopften Teil Londons halbwegs zu verkraften, wollen die Behörden einige Straßen sperren – darunter auch die Lkw-Zufahrt zum Hof des Großhändlers, für den Coots arbeitet: „Wir sollen uns auf die Spiele freuen, wissen aber nicht, ob wir am Ende noch Arbeit haben.“


Lästig. Auch Ruth-Anne Macqueen (28) aus Clapton hat schon vor Beginn der Spiele die Nase voll von Olympia: In „Friedenszeiten“ radelt die angehende Ärztin über den Uferziehweg am Lee River zur Arbeit – doch einer der wichtigsten Fahrradwege der Stadt wurde schon Anfang Juli bis Ende September aus „Sicherheitsgründen“ überraschend gesperrt. „Um wessen Sicherheit geht es da eigentlich?“, empört sich Macqueen. „Ich habe kein Auto. Für mich ist das so, als würde man eine vierspurige Schnellstraße einfach mal sperren.“ Dass Londons Oberbürgermeister Boris Johnson seine Bürger animiert, aufs Fahrrad umzusteigen, um dem drohenden Verkehrskollaps bei Olympia zu entgehen, hält Macqueen daher für einen schlechten Scherz: „Als wir gehört haben, dass die Spiele hier stattfinden, haben wir uns so gefreut. Aber mittlerweile denke ich, dass das alles einfach nur lästig ist.“

 

12.000 Polizisten
stehen bereit, um die olympischen Veranstaltungen abzusichern, davon 9000 in London.

17.000 Soldaten sind zur Unterstützung der Polizei abgestellt, darunter Suchhundestaffeln und Bombenentschärfungsteams.

13.000 private Sicherheitsleute sind neben den staatlichen im Dienst.

Typhoon-Kampfjets sichern den Luftraum. Auf der Themse liegt das Amphibienangriffsschiff HMS Ocean; die Segelbewerbe überwacht das Landungsschiff HMS Bulwark.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2012)

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31 Kommentare
 
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Gast: Demokratius
18.07.2012 11:02
2 0


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Warum schreibt die Presse nicht über die rigorose Durchsetzung von Markenrechten?

Wenn nicht mal Wörter wie "Sommer, London, Gold, Silber, Bronze" nicht erlaubt sind.

Die Markenpolizei (private Firma) hat das Recht Büros und Geschäfte zu durchsuchen.

Diese Typen sind einfach nur mehr krank.

Passt eventuell solche Berichterstattung nicht in die Blattlinie?

Gast: smilefile
16.07.2012 09:00
1 0

Tja,...



sieht nach einer britischen Manöververanstaltung,- ...

und nicht nach Olympischen Spielen aus,...

Auch eine Demonstration der Stärke für die Bevölkerung,...(oder auch gegen diese,..)...

Re: Tja,...

komisch, dass in Amerika Panzer in St. Louis durch die Gegend fahren...davon hört man hier nix - das wird doch nicht irgendwas mit London zu tun haben...http://www.prisonplanet.com/military-rolls-tanks-onto-st-louis-streets-but-why.html

Gast: Mr.
15.07.2012 17:48
4 1

Das ist halt das

Ergebnis wenn man sich Welt weit ständig Feinde macht und mit den "50 anderen Bundesstaaten" etwas weiter westlich vom Atlantik ein Land nach dem anderen angreift.

Eigentlich sollten die Olympischen Spiele eine Friedensveranstaltung sein wo Streitkräfte nichts verloren haben.

42.000 Personen für Sicherheit abstellen zu müssen sollte den Britischen Politiker zum Nachdenken geben.

Britannien im Fieber der Angst

An den starken Sicherheitsvorkehrungen in London ist britisches Bewusstsein und Realitätssinn erkennbar: Die Furcht vor Anschlägen in der City geht einher mit der Kenntnis um die eigenen Schandtaten und Verbrechen. Gewalt sät Gewalt, und nicht immer kann ihr Ziel berechnet werden.

Gast: Finsy
15.07.2012 15:41
6 1

Olymipa

bei den olympischen spielen handelt es sich um eine gelddruckmaschine eines eher korrupten "vereins" in der schweiz - für den die steuerzahler bzw. gebührenzahler im tv aufkommen müssen und die sportler eigentlich nur lästig weil notweniges bei beiwerk sind.

Gast: b754
15.07.2012 14:51
8 2

ein probelauf für europa um das volk in schach zu halten


Gast: E.T.
15.07.2012 14:51
1 0

London ist überwacht wie keine andere Stadt

Wer London in den letzten Jahren erlebt hat, wird so wie ich, bemerkt haben, dass die Überwachungskameras nur so aus dem Boden wachsen. Ich habe keine Ahnung, aber es werden x-tausende sein. Also selbst ohne Olympia wird jeder in allen Ecken und Enden, zumindest filmisch dokumentiert.
Ich möchte lieber gar nicht wissen, was die nun für die olympischen Spiele aufziehen werden.
Aber immerhin - London hat sich freiwillig beworben.
Dass solch ein Ereignis immer auch Verrückte und Terroristen anzieht ist logisch - die suchen doch eine öffentliche Bühne und wo wäre es eindrucksvoller, als bei einem Großereignis.
Noch bin ich ein Fan von London und übrigens London hat tolle Restaurants und auch gute Hotels, wenn auch etwas überteuert.


Antworten Gast: bärle
15.07.2012 17:15
1 0

Re: London ist überwacht wie keine andere Stadt

London: für mich noch immer die schönste und interessanteste Stadt. Wo leben sonst so viele Kulturen auf engstem Raum relativ friedlich nebeneinander. London ist ja eigentlich aus einer grösseren Zahl einzelner Dörfer entstanden, die heute Stadtbezirke bilden.
Und zu den Überwachungskameras: wären auch bei uns mehr nötig. Jeder gibt auf den sozialen Netzwerken über Internet und Smartphone seine persönlichsten Daten bekannt, aber eine Überwachung kritischer Plätze und Strassen wird unter dem "Deckmantel" Datenschutz verhindert. Soll sich noch einer auskennen.

Re: Re: London ist überwacht wie keine andere Stadt

Fragen Sie mal die Londoner, was die davon halten, dass so viele Kulturen auf engstem Raum zusammenleben.

Wer sichs gefallen lässt!

Die Regierungen führen Krieg gegen das eigene Volk.

Gast: Herrin der Mäuse
15.07.2012 10:25
7 0

nicht umsonst möchte ich dorthin

Ein Militärcamp. 2 Stunden Wartezeit bei der Passkontrolle. Grausliche Hotels. Nicht geschenkt.

Antworten Gast: Hacklwerfer
15.07.2012 12:39
1 3

Re: nicht umsonst möchte ich dorthin

Geschweige denn das schreckliche Essen, das die Armen dort essen müssen....

Re: Re: nicht umsonst möchte ich dorthin

waren Sie schonmal dort?

Re: Re: Re: nicht umsonst möchte ich dorthin

Der Äußerung nach zu schließen, nehme ich an nein ;).

die Illuminati

stimmen uns schon auf flächendeckende Militärpräsenz in Europa und Drohnenüberwachung aus der Luft ein!Nachdem es in Amerika schon überall Militärcheckpunkte gibt werden unsere EU-Diktatoren vielleicht sowas für Europa auch anordnen!

Friedensfest?

Die größte Stadt Europas ist weder vom politischen Umfeld, der Infrastruktur noch vom Projektmanagement her für Megaveranstaltungen geeignet. Da sich die Olympischen Spiele zudem von einer grossartigen Sportveranstaltung ambitionierter Amateure zu einem Geldzirkus gedopter Werbeträger gewandelt haben, sollte man darüber nachdenken sie grundlegend zu reformieren. Nur ein Fest von Menschen, für Menschen sollte das Recht haben einen derart Breiten Zugang zu den Medien zu erhalten.

Das ist eine Übung

die dank der Olympischen Spiele "unerkannt" durchgeführt werden kann.

Re: Das ist eine Übung

vielleicht wird bald beim Hahnenkammrennen in Kitzbühel auch Militär eingesetzt um Anschlägen von bösen Terroristen vorzubeugen!

Gast: Der Anfang vom Ende...
14.07.2012 22:34
4 0

Das schlimmste ist schon erreicht, die Menschen die Olympia negativ sehen ist keine Randgruppe mehr!

Ich frag mich nur was passiert wenn Rio de Janeiro für 2016 seine Bewerbung angesichts des Desasters von Peking und London zurückzieht und/oder sich für 2020 kein vernünftiger Austragungsort mehr findet?

Olympia ist sehr intensiv dabei sich selbst abzuschaffen, genannt sei unter anderem auch die Kriminalisierung des Sports durch Doping, von verdammt vielen anderen Argumenten die gegen eine Weiterführung in dieser Art sprechen!

Auch das Thema Sponsoring wird wohl überdacht werden, spätestens dann wenn die offizielle Unterstützung mehr Nachteile als Vorteile bringt, für mich sind Firmen die damit Werben bereits ein rotes Tuch das ich so weit es geht nicht mehr aktiv durch den kauf der Produkte unterstütze!

die eurogendfor

braucht eine Spielwiese vor dem grossen angriff auf die demokratischen Bürger ...

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Vorgeschmack

auf den Ausnahmezustand, wenn wir eine Arbeitslosenquote von 70% erreicht haben.

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Fürchten die einen Anschlag oder eine Invasion?


Re: Fürchten die einen Anschlag oder eine Invasion?

es wird ein massiver Terroranschlag inszeniert werden um die masse für weitere repressive Überwachung gefügig zu machen um die neue Weltordnung durchzudrücken.

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Re: Re: Fürchten die einen Anschlag oder eine Invasion?

Abgesehen davon würde ein Anschlag bei derartigen Vorkehrungen die Sicherheitsmaßnahmen stark in verruf bringen.
Man muss die Leute an Soldaten in Städten gewöhnen und nicht zeigen, dass sie nichts bringen.

 
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