Göttingen/Wien/Ag. Die „Süddeutsche Zeitung“ spricht vom „größten Betrugsfall in der Geschichte der deutschen Transplantationsmedizin“: Ein Universitätsarzt an der renommierten Uni-Klinik in Göttingen (Niedersachsen) soll im großen Stil Krankendaten gefälscht haben, damit seine Patienten schneller zu einer Spenderleber kamen. Laut einem Sprecher des Krankenhauses bestreitet er die Vorwürfe.
Es besteht der Verdacht, dass der ehemalige Oberarzt den Gesundheitszustand seiner Patienten bewusst schlechter dargestellt und Laborwerte gefälscht hat, damit sie von der Vermittlungsstelle Eurotransplant schneller eine Spenderleber zugeteilt bekamen. Die Rede ist dabei von mindestens 25 Fällen. Das ist bei jährlich insgesamt rund 50 Transplantationen an der Klinik eine sehr hohe Zahl. Experten halten es für wahrscheinlich, dass weitere Krankenhausmitarbeiter in den Fall verwickelt waren. Ob Patienten infolge ausgebliebener Organe starben, sei jetzt Gegenstand von weiteren Ermittlungen, sagte Hans Lilie von der deutschen Ständigen Kommission Organtransplantation.
Offen ist auch, ob illegal Geld geflossen ist. Der 45-jährige Mediziner war bereits im Juni ins Zwielicht geraten. Er soll einem russischen Patienten, der in Deutschland keinen Anspruch auf ein Organ hatte, gegen Geld eine Spenderleber verschafft haben. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt unter anderem wegen Verdachts auf Bestechlichkeit.
Der Vorstand des Klinikums zeigte sich am Freitag erschüttert und rätselte über die Hintergründe. Geld könnte eine Rolle gespielt haben, sagte Vorstandsmitglied Martin Siess. Bisher sei aber nichts erwiesen. Möglicherweise habe der Mediziner Helfer gehabt. „Es ist unwahrscheinlich, dass nur eine Person an den Manipulationen beteiligt war“, erklärte er. Dazu seien Zahl und Umfang der Manipulationen zu groß gewesen. Um die Affäre aufzuklären, hat die Bundesärztekammer eine Task Force eingerichtet.
Österreich hat anderes System
Spenderorgane werden in Österreich nach einem strengen Kriterienkatalog vergeben, dabei geht es um Dringlichkeit.
Laut dem Grazer Transplantationschirurgen Florian Iberer sei das österreichische System anders als das deutsche, bei dem ein Computer Spenderorgane vergebe: „Bei uns wird das spezifisch für den einzelnen Patienten und nach klaren Richtlinien geplant.“
In Österreich gebe es doppelt so viele Organspender wie in Deutschland, außerdem erziele man bei Transplantationen die besseren Ergebnisse, berichtete Iberer.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2012)
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