Ist es die Erfüllung eines lang gehegten Traums einer Nation? Der Bauplan für eine Zukunft in Wohlstand? Oder ist es nur ein politisches Beruhigungsmanöver in Krisenzeiten? Noch sind sich die Menschen in Nicaragua nicht im Klaren über das Ausmaß jenes Beschlusses, den ihr Parlament Anfang des Monats ohne Gegenstimme getroffen hat: Das Land soll endlich seine Wasserstraße bekommen, über die seit mehr als 400 Jahren fantasiert wird.
Schon im Jahre 1567 gab der spanische König Philip II. erstmals den Auftrag, einen Kanal von der Karibik über den riesigen Cocibolca-See bis in den nur 30 km vom westlichen Seeufer gelegenen Pazifik zu graben. Das Vorhaben verlief im Sande, wie einige andere, die über die Jahrhunderte folgen sollten. 1890 begann eine US-Firma schon mit Aushubarbeiten, doch diese wurden abgebrochen, nachdem lancierte Falschmeldungen in US-Zeitungen über angebliche Vulkanausbrüche und Erdbeben in Nicaragua nordamerikanische Geldgeber lieber in den Panamakanal investieren ließen.
Zwischen 1914 und 1971 sicherte ein Knebelabkommen den USA die Kontrolle über alle möglichen Kanalbaupläne in Nicaragua, was dazu führte, dass der US-kontrollierte Panamakanal keine Konkurrenz bekam. Das soll sich nun ändern. Die neue Rinne soll doppelt so breit werden wie der bald 100 Jahre alte Panamakanal.
„Das ist eine großartige Idee“, wirbt Nicaraguas Präsident Daniel Ortega. Er hat eigentlich ganz gute Argumente: Der Panamakanal wird auch nach dem Ende der bis 2014 dauernden Ausbauarbeiten ein teurer „Engpass“ für den Welthandel sein. Vor allem Chinas Rohstoffhunger verlangt nach immer größeren Schiffen und einer zweiten Verbindung, um venezolanisches Erdöl, brasilianische Erze und argentinisches Soja in seine Häfen zu bringen.
China im Wettstreit mit den USA
China ist Brasiliens größter Handelspartner, und es ist der Zukunftsmarkt für das immer noch vom USA-Handel abhängige Venezuela. Außerdem wäre für die Chinesen ein Kanal, der nicht unter US-Einfluss steht, von strategischer Bedeutung im Wettstreit mit den USA. Seitdem Präsident Barack Obama das „pazifische Jahrhundert“ ausgerufen hat und US-Diplomaten auch lateinamerikanische Pazifikstaaten wie Mexiko, Kolumbien, Peru und Chile in ihre „pazifische Allianz“ einbinden, muss China unbedingt dafür sorgen, seine Rohstoffversorgung von der atlantischen Seite Südamerikas sicherzustellen.
Deswegen rechnet die Regierung in Managua mit Investitionen aus dem Reich der Mitte. Als Finanziers kommen sowohl Privatfirmen als auch Staaten infrage. Auch aus Venezuela, Brasilien, Russland, Japan und Südkorea hätten sich Interessenten gemeldet, sagte der Ortega-Vertraute Edén Pastora.
Dabei ist überhaupt noch nicht abzusehen, was der Kanal kosten soll. Ortega versichert, dass zehn Jahre Bauzeit und 30 Milliarden Dollar reichen. Doch das ist eine gigantische Summe für das nach Haiti zweitärmste Land Amerikas, dessen Bruttoinlandsprodukt nach Angaben der Zentralbank im Vorjahr sieben Milliarden Dollar umfasste. Außerdem ist nicht einmal klar, auf welcher der sechs möglichen Routen gegraben werden soll. Zunächst hat die Regierung Machbarkeitsstudien in Auftrag gegeben.
Die einfachste Verbindung, die schon die spanischen Kolonisatoren im 16. Jahrhundert anvisiert haben, führt vom Pazifik in den nur etwa 30 Kilometer entfernten Cocibolca-See, aus dem der Rio San Juan bis in die Karibik fließt. Aber ein Teil des Südufers des Flusses gehört zu Costa Rica, mit dem Nicaragua seit Jahren einen Grenzstreit ausficht. Sollte deshalb die Entscheidung also für eine der weiter nördlich gelegenen Routen fallen, die schmalere Flüsse als Ausgangsgewässer hätten, werden die notwendigen Aushubarbeiten sicher teurer. Weil der Kongressbeschluss zudem vorsieht, dass 51 Prozent der Anteile der künftigen Kanalgesellschaft dem nicaraguanischen Staat gehören sollen, keimen Zweifel, ob sich genug private Geldgeber finden werden. „Wer zahlt schon 100 Prozent des Baus, um dafür 49 Prozent des Aktienkapitals zu bekommen?“, fragt der Oppositionsabgeordnete Pedro Joaquín Chamorro.
„Wir sind konkurrenzfähig“
Zudem gibt der Zustand der Weltwirtschaft nicht unbedingt Anlass zur Euphorie. „Europa ist in der Rezession, Japan auch. Chinas Wirtschaft wächst langsamer, und Russland geht es schlecht“, sagt der Ex-Abgeordnete José Pallais. Der Kanal sei nur „ein Traum“. In Panama kann man beruhigt der Hundertjahrfeier entgegengraben. 2014 soll die Verbreiterung des dortigen Kanals abgeschlossen sein. „Wir sind nicht beunruhigt, wir sind konkurrenzfähig“, sagt Panamakanal-Chef Alberto Alemán. Und: „Jedes Infrastrukturprojekt in der Region ist positiv.“

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