Wien. Wer plant, in den kommenden Monaten nach Tibet zu reisen, hat vorerst Pech gehabt: China verwehrt Österreichern seit einigen Wochen die nötigen Visa. Während Reiseveranstalter den Grund dafür im Österreich-Besuch des Dalai-Lama vergangenen Mai orten, verwehren chinesische Behörden jede Stellungnahme. Das berichtete das Ö1-„Morgenjournal“ am Mittwoch.
Laut Reiseveranstaltern mussten in den vergangenen Wochen über 70 Prozent der Tibet-Reisen wegen fehlender Visa storniert werden. Für Elisabeth Kneissl von Kneissl Touristik wurden erste Befürchtungen Anfang Juni bestätigt: Ein österreichischer Reiseleiter, der mit einer deutschen Gruppe von Nepal aus nach Tibet wollte, durfte nicht einreisen, die Deutschen wurden durchgewunken. „Wir hätten es kommen sehen sollen“, sagt Kneissl zur „Presse“. Seit Mitte Juni würden so gut wie keine Visa mehr ausgestellt. Sie habe versucht, sich entsprechende Genehmigungen über Chinas Parteiapparat zu erkaufen, aber auch das habe nichts genutzt. Nun stornierte Kneissl die Tibet-Reisen bis inklusive September. „Tibet können wir das ganze Jahr vergessen“, sagt sie. Es gebe ein Gerücht, dass Visa für Österreicher frühestens ab März 2013 wieder vergeben würden.
Für die Reiseveranstalter ist klar: Die Weigerung Chinas, Visa auszustellen, hat politische Gründe. Christoph Weidinger vom Außenministerium will das nicht bestätigen. „Wir haben die Frage in Peking und bei der chinesischen Botschaft in Wien vorgebracht“, sagt er. Offizielle Stellungnahme Chinas gebe es aber keine. Ein Sprecher der chinesischen Botschaft in Wien leugnet gegenüber der „Presse“ den Visastopp für Österreicher. Ob Anträge akzeptiert werden oder nicht, entscheide nicht die Botschaft, sondern Behörden in Tibet.
Auch Norweger und Briten betroffen
Der Dalai-Lama hatte bei seinem Besuch im Mai österreichische Spitzenpolitiker wie Bundeskanzler Werner Faymann (SP) und Vizekanzler Michael Spindelegger (VP) getroffen. China hatte dagegen protestiert und von einer schweren Einmischung in seine inneren Angelegenheiten gesprochen.
Auch Norwegen, Großbritannien und Südkorea werden Visa verwehrt. Norwegen hatte den Zorn Chinas auf sich gezogen, als das Komitee in Oslo den chinesischen Dissident Liu Xiaobo 2010 mit dem Friedens-Nobelpreis auszeichnete. Großbritannien hatte den Dalai-Lama heuer ebenfalls empfangen, und Südkorea hatte Repräsentanten Tibets zu einem buddhistischen Forum eingeladen. Laut Kneissl sind auch die Philippinen betroffen. Mit ihnen befindet sich China seit Wochen im Konflikt um eine Inselgruppe im Südchinesischen Meer.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2012)
Der American Dream platzt an der Grenze
Liu Bolin Der ''unsichtbare Künstler''
WienDie Votivkirche, eine ewige Baustelle
SpeiseplanErobern Würmer die Teller Europas?