Bratislava/Pressburg. Äußerst unangenehme Ergebnisse brachten Untersuchungen der slowakischen Lebensmittelbehörde für Billa und andere Handelsketten ans Licht: verdorbene Lebensmittel in den Regalen, Mäuse im Lager, Aufbewahrung empfindlicher Lebensmittel bei zu hohen Temperaturen. Solche Missstände finden sich in großen Supermärkten und Hypermarkets weitaus häufiger als in kleineren Läden und den wenigen verbliebenen einheimischen Handelsketten wie der Konsumgenossenschaft Jednota.
Den Blick allein auf ihre hohen Margen gerichtet, scheinen die ausländischen Riesen keine Rücksicht auf die Mägen der slowakischen Kundschaft zu nehmen. „Die Handelsketten behandeln uns wie ihren Misthaufen!“, tobte daher der slowakische Landwirtschaftsminister Lubomir Jahnatek bei der Präsentation der Ergebnisse empört. Am schlimmsten gingen die slowakischen Kontrollore mit Billa ins Gericht: Mehr als die Hälfte aller von der Behörde überprüften Billa-Filialen wies Missstände auf. Dahinter folgten Lidl, Carrefour, Tesco und Kaufland.
Fleisch in schlechter Qualität
Billa Slowakei hat in einer ersten Stellungnahme gegenüber den Medien am Freitag bereits Fehler zugegeben und Verbesserungen versprochen. Allerdings sei die Wirklichkeit bei Billa nicht ganz so schlimm wie der Eindruck, den die Kontrolleure vermittelten, widersprach das Unternehmen zumindest teilweise: „Nicht alle Missstände, die uns vorgeworfen werden, betreffen direkt die Kunden. So wurden auch technische Mängel wie beschädigte Fliesen in den Betriebsräumen aufgelistet, die nun wirklich nichts mit der Qualität der Lebensmittel zu tun haben.“
Österreichische Konsumenten kann allerdings beruhigen, worüber sich slowakische immer wieder im Internet und gegenüber der „Presse“ beklagen: Es scheint nicht ungewöhnlich zu sein, dass dieselbe Handelskette in der Slowakei schlechtere Qualität anbietet und trotzdem höhere Preise verlangt als in Österreich. Die Bankangestellte Hana Janikova nützt die Grenznähe der slowakischen Hauptstadt Bratislava (Pressburg), um für Lebensmitteleinkäufe schnell nach Hainburg und in andere österreichische Nachbargemeinden zu fahren: „Obwohl es Billa in beiden Ländern gibt, kaufe ich lieber in den österreichischen Filialen ein. Denn dort sind viele Waren wie zum Beispiel Waschpulver wesentlich billiger, obwohl die Geschäfte zur selben Handelskette gehören.“ Und gerade Brot oder Fleisch wiesen in den österreichischen Geschäften eine deutlich bessere Qualität auf. Ihr Mann Jan Janik pflichtet ihr empört bei: „Das sind zwei verschiedene Europa!“
Alles andere als ein billiger Laden
Dass der Name Billa ursprünglich einmal von „Billiger Laden“ kam, will in der Slowakei sowieso niemand glauben. Hier gilt Billa als eher teures Geschäft, das aber eben auf sein noch immer viele Menschen beeindruckendes Westimage setzt.
Der Supermarktskandal sorgte am Freitag für großes Aufsehen auf den Internetseiten der slowakischen Medien. Schließlich ist es erst ein Jahr her, dass eine von der EU finanzierte Studie ähnliche Empörung hervorrief: Sie ergab nämlich, dass westliche Lebensmittelproduzenten wie der österreichische Gewürzhersteller Kotanyi in ostmitteleuropäischen Ländern minderwertigere Ware verkauften als im Westen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2012)
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