Hasankeyf. Die Tourismussaison in Hasankeyf ist kurz, verteilt auf Frühjahr und Herbst. In den Sommermonaten klettert die Temperatur auf bis zu 55 Grad Celsius – zu heiß für die meisten Besucher.
Doch der geplante Ilisu-Staudamm lässt viele Menschen die antike Stadt noch einmal besuchen, eine Art Untergangstourismus, bevor die Wassermassen die Stätte fluten. Der Entwicklungsplan der Türkei für das rückständige Südostanatolien, kurz GAP genannt, sieht eine Kette von Staudämmen entlang von Euphrat und Tigris vor. Sie sollen den wirtschaftlichen Aufschwung der Region beschleunigen und günstigen Strom für ein energiehungriges Land erzeugen. Nach inoffiziellen Angaben sind die Tunnel für den Staudamm bereits fertiggestellt, der Tunnelbau und die Turbinen werden vom österreichischen Unternehmen Andritz geliefert.
Viele Schätze noch unentdeckt
Im Basarviertel entlang der Straße zur antiken Stadtfestung, vorbei an der 600 Jahre alten El-Rizk-Moschee mit ihrem hohen schlanken Minarett, von dem nach der Flutung nur noch die Spitze aus dem Wasser ragen soll, werden neben der üblichen Handelsware – Teppichen und Tüchern – auch antike Fundstücke, persische Silber- sowie römische und byzantinische Kupfermünzen unter dem Ladentisch verkauft. Es sei illegal, aber wenn dies alles mit dem Staudamm versinke, seien sie unwiederbringlich verloren, erklärt ein Händler, der anonym bleiben will. Zudem sei es eine Schande, dass ein Großteil des Geländes noch nicht einmal ausreichend archäologisch gesichtet wurde, schimpft er, seine noch unentdeckten Schätze würden der Politik geopfert.
Das an der Seidenstraße gelegene Hasankeyf wurde bereits bei den Assyrern als Handelszentrum erwähnt. Meder und Perser siedelten hier, im Byzantinischen Reich war Hasankeyf Bischofssitz. Die Stadt dürfte bereits christlich gewesen sein, als in Konstantinopel Christen noch verfolgt wurden. Die mehr als 4000 Kalksteinhöhlen an den Felshängen des Tigris dienten den verschiedenen Völkern und Religionen, die sich hier im Laufe der Jahrtausende ansiedelten, als Wohn- und Kultstätten.
Noch 1970 sollen rund 7000 Menschen in den Kalksteinhöhlen gelebt haben. Für das damals entstandene moderne Dorf wurden jedoch Teile der jahrtausendealten mesopotamischen Siedlung eingeebnet. Zudem nutzten PKK-Rebellen die Kalksteinhöhlen lange Jahre als Unterschlupf.
Auf staatliche Hilfe angewiesen
Als Konsequenz haben viele den Ort verlassen und sind in die Städte gezogen, nach Batman, Diyarbakir oder in die Metropole Istanbul. Die Kämpfe sind mittlerweile abgeflaut, aber die miese ökonomische Lage hat sich nicht grundlegend geändert. Rund die Hälfte der Einwohner von Hasankeyf ist auf staatliche Hilfe angewiesen, auf Einkaufsgutscheine, Kohle für den Winter und auf die „green card“, die es armen Familien ermöglicht, gratis ärztlich behandelt zu werden.
Eine Tourismusentwicklung findet so gut wie nicht statt. Zum einen darf in Hasankeyf „ohne Genehmigung kein Nagel eingeschlagen werden“, da die Umgebung laut Kataster als „Sit Bölgesi“ geführt wird – eine Kategorie, die den Schutz der Natur zum Ziel hat und strenge Bauvorschriften vorsieht –, zum anderen wagt niemand, in eine Zukunft zu investieren, die mit großer Wahrscheinlichkeit in den Fluten des Tigris endet.
Insgeheim hoffen viele der Bewohner auf ein Wunder, das den Ilisu-Staudamm in letzter Minute doch noch verhindert. Sie wollen nicht glauben, dass das geschichtsträchtige Hasankeyf dem Wasser überlassen werden soll, und mit ihm rund 190 Dörfer sowie Täler und Schluchten, die als Viehweiden dienen. Bisher wurde zwar nur ein einziges Dorf evakuiert, aber der drohende Untergang von Hasankeyf schwebt weiter wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Einwohner.
Unbeliebte Musterhäuser
Staudammbefürworter sind in Hasankeyf rar. Einzig Familien mit Landbesitz seien dafür, wird hinter vorgehaltener Hand erzählt. Für die Übrigen bleibt als Alternative, für umgerechnet 27.000 bis 30.000 Euro ein Haus in der Neustadt am Ramanberg auf der gegenüberliegenden Seite des Tigris zu kaufen, einer Siedlung, die sich nach Fertigstellung des Damms an seinem neuen Seeufer befinden wird. Die ersten fünf Jahre könnten die Menschen ohne Zahlungen in ihren neuen Wohnungen leben. Nach fünf Jahren allerdings müssen die Besitzer ihre neue Bleibe in Raten im Zeitraum von 15 bis 20 Jahren abzahlen. Es gibt sogenannte Musterhäuser, die bereits fertiggestellt wurden, bisher jedoch auf wenig Gegenliebe bei den Einwohnern stießen. Sie seien nicht besonders stabil gebaut, heißt es.
Hasankeyfs Bürgermeister Vahap Kusen von der islamisch-konservativen AKP kommentiert die Lage lakonisch: „Solange Hasankeyf noch nicht unter Wasser ist, gibt es Hoffnung.“ Derzeit seien drei Gerichtsverfahren wegen des Staudamms anhängig. Er selbst plädiert für einen Kompromiss, der darin besteht, den Staudamm zu bauen, ihn aber nicht komplett zu füllen, sodass Hasankeyf weiter existieren kann: „Wir sind gegen den Staudamm, aber wir können das nicht laut aussprechen, da Wasser ein viel zu heikles Thema in der Türkei ist.“ Für die Einwohner Hasankeyfs geht das zermürbende Warten auf das Wasser weiter. Visionen für die eigene Zukunft haben nur wenige.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2012)

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