Wien/Melbourne. Für manche ist er ein Volksheld, ein Kämpfer gegen die autoritäre Kolonialmacht. Andere sehen in Ned Kelly einen kaltblütigen Mörder und Banditen, der ausschließlich im Sinne seiner eigenen Interessen gehandelt hat. Fast 132 Jahre sind vergangen, seit der australisch-irische Räuber und Widerstandskämpfer Ned Kelly wegen Mordes gehenkt wurde. Nun werden seine sterblichen Überreste – die meisten Knochen sind erhalten, der Kopf bleibt aber nach wie vor verschwunden – den Nachkommen übergeben, die Kelly endgültig beerdigen wollen.
Widerstand gegen Kolonialisten
Edward „Ned“ Kelly, geboren 1855 in Beveridge, Victoria, wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und kam schon als junger Mann in Konflikt mit der Polizei. Bereits als Teenager war er mehrere Monate wegen Überfällen inhaftiert. Als die Polizei ihn 1879 erneut festnehmen wollte, erschossen Kelly und seine Kollegen drei Polizisten und flohen. Die folgenden Jahre streifte die „Kelly Gang“ durch den australischen Busch, raubte Banken aus und lieferte sich Schlachten mit Polizei und Militär.
In einem öffentlichen Brief beschrieb Kelly den brutalen Umgang der Polizei mit seiner Familie und die schlechte Behandlung der irischen Katholiken durch die protestantischen Landbesetzer. Das Schreiben ist nicht nur ein historisches Dokument, sondern wurde auch zu einem berühmten Stück australischer Literatur. 1880 gelang es schließlich, Kelly zu fassen, er wurde zum Tode verurteilt und gehenkt, seine Leiche in ein Massengrab geworfen.
Auch während seiner letzten Schlacht mit der Polizei trug Kelly seine selbst gemachte Rüstung aus altem Blech. Sie diente als Vorlage für die Kostüme, die bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2000 in Sydney zum Einsatz kamen. In Australien wird Kelly als Held gefeiert, als eine Art australischer Robin Hood. Weil er auf der Seite der irischen (katholischen) Arbeiterklasse Widerstand gegen die britischen Kolonialisten geleistet hatte, wurde er nach seiner Hinrichtung zur Symbolfigur für die typisch australische, antiautoritäre Haltung. Seine Taten dienten als Vorlage für zahlreiche Filme, Fernsehserien und Publikationen, das Gebiet seiner Herkunft wurde in „Kellyland“ umbenannt.
Dass es Forensikern im vergangenen Jahr gelungen ist, Kellys Überreste unter Dutzenden anderen zu identifizieren, grenzt an ein Wunder. Den endgültigen Beweis lieferte ein DNA-Vergleich mit dem Urenkel seiner Schwester.
Kopf als Briefbeschwerer?
Kellys Überreste wurden 1929 umgebettet und 2009 erneut exhumiert, der Schädel aber fehlte. Was damit passiert war, ist ein Mysterium, sein Verbleib nach wie vor unklar. Polizisten sollen den Kopf eine Zeit lang als Briefbeschwerer benutzt haben, später wurde er mehrmals gestohlen: bei der Exhumierung aus dem Gefängnisfriedhof in Melbourne 1929 und noch einmal 1978, als der Schädel bereits ausgestellt war. Eine Verwandte Kellys, die gerade dabei ist, die Beerdigung vorzubereiten, appellierte nun an den Besitzer des Kopfes, ihn zurückzugeben: „Damit Neds Gebeine, wenn er zur Ruhe gebettet wird, vollständig sind.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2012)
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