London. Das improvisierte Mahnmal und die Blumensträuße sind verschwunden, stattdessen hängen Plakate für einen Jahrmarkt am Zaun: Auf der viel befahrenen Schnellstraße im Londoner Stadtteil Tottenham deutet nichts mehr darauf hin, dass hier vor einem Jahr Mark Duggan durch eine Polizeikugel starb. Der immer noch ungeklärte Tod des damals 29-jährigen mutmaßlichen Bandenbosses hatte die schlimmsten Ausschreitungen der Nachkriegszeit in England ausgelöst.
Auch eine halbe Meile weiter, auf der Tottenham High Road, scheint heuer kaum vorstellbar, dass der Mob hier Polizeiautos und Busse abfackelte, Häuser anzündete, Schaufenster einschlug und Geschäfte plünderte. Vor der Polizeiwache, wo die zunächst friedliche Demonstration in der Nacht auf den 7. August eskaliert war und sich in den Tagen darauf erst auf andere Stadtteile und dann auf fünf weitere Städte ausdehnte, verteilt ein Parkwächter Strafzettel. Auf dem Bürgersteig drängeln sich Passanten mit Einkaufstaschen.
Shelley (34) lehnt rauchend an einem blauen Bauzaun. Dahinter standen bis vor einem Jahr das Postamt, eine Aldi-Filiale und das einzige Fitnessstudio im Viertel. „Total ausgebrannt, mussten sie abreißen“, sagt Shelley. „Ich wohne gleich um die Ecke, wir konnten das Feuer sehen und riechen, es war furchtbar.“ Neben der Frau in der pinkfarbenen Trainingsjacke hängt ein Plakat: „I love Tottenham“ – Teil der Imagekampagne, die die Bezirksverwaltung nach den Unruhen auflegte. Doch für Shelley ist das Image von Tottenham nicht mehr zu retten: „Hier ist es furchtbar, so war es vorher und so ist es immer noch. Die Jungen haben keinen Respekt vor irgendwas, nicht vor der Polizei, nicht vor der Regierung. Ich traue mich nachts nicht allein auf die Straße.“
„Gesetze gelten nicht für mich“
Ben (24) gehört zu den jungen Leuten, vor denen Shelley Angst hat. Nicht weil der Schwarze mit der modischen Khaki-Jacke und dem freundlichen Lächeln so Furcht einflößend aussieht. Sondern wegen dem, was der junge Mann sagt: „Ich habe die Regierung nicht gewählt, ihre Gesetze gelten für mich nicht. Die Polizei kann mir gar nichts sagen.“
In den Wochen und Monaten nach den Unruhen hatten sich Soziologen, Politiker und Medien mit Erklärungsansätzen überschlagen – wahlweise wurden Banden, kaputte Familien, Rassismus und Perspektivlosigkeit verantwortlich gemacht. Völlig schlüssig scheint keine dieser Theorien: Schließlich hatten vom sozial benachteiligten Minderjährigen über den Mittelklassevater bis zur Millionärstochter Menschen aller Alters- und Gesellschaftsschichten und Ethnien mitgemacht.
Auch Anwalt Vince Reveglia hat sich zwangsweise intensiv mit Ursachen und Folgen der Unruhen beschäftigt: Als Opfer und Verteidiger der Täter. Der Mob hatte seine Kanzlei in Brand gesteckt. Einige seiner Mandanten standen seither wegen ihrer Beteiligung an den Gewaltexzessen und Plünderungen vor Gericht. „Das hat schon eine gewisse Ironie“, meint Vince mit schiefem Lächeln. In seinem temporären Büro stapeln sich die Kartons, in ein paar Wochen wird die Sozietät wieder in ihre alten Geschäftsräume zurückkehren können. Nach außen hin, meint Vince, herrsche in Tottenham wieder Normalität. Doch an den grundlegenden Problemen habe sich wenig geändert. „Die Arbeitslosigkeit unter jungen Männern ist immer noch eine der höchsten im Land. Aber das Schlimmste sind die kaputten Familien. Die Mütter müssen ihre Kinder allein großziehen, für sie Geld verdienen, auf sie aufpassen. Das funktioniert nicht.“
Premier David Cameron hatte versprochen, die 120.000 Familien mit den größten Problemen „auf den rechten Weg zu bringen“, dafür eine neue Familienbeauftragte auserkoren und fast eine halbe Million Pfund lockergemacht. Doch außer einem verstörenden Bericht über die Zustände in diesen Familien gibt es noch keine Ergebnisse.
„Moment des Wahnsinns“
Vince glaubt dennoch, neue Unruhen wird es erstmal nicht geben: „Das war ein Moment des Wahnsinns, als ein eigentlich legitimer Protest auf einmal in völliges Chaos ausartete.“ Doch das sehen in Tottenham längst nicht alle so. Shelley etwa: „Es kann jederzeit wieder passieren. Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich wegziehen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2012)
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