Bangkok/Hanoi. Mehrere hundert Menschen haben am Sonntagmorgen in Vietnams Hauptstadt Hanoi die erste Gay-Pride-Parade des Landes abgehalten. Um die Behörden, die auf Demonstrationen immer noch sehr empfindlich reagieren, nicht unnötig zu provozieren, hielten die Teilnehmer die Veranstaltung auf Fahrrädern und Motorrollern ab, geschmückt mit Luftballons und Regenbogenflaggen.
Auf Aufnahmen waren viele überwiegend junge Vietnamesen zu sehen, die den Teilnehmern entlang des etwa zehn Kilometer langen Protestzuges zujubelten. „Viele Vietnamesen glauben noch immer, dass es keine schwulen und lesbischen Menschen in Vietnam gibt“, sagte Nguyen Thanh Tam, die 25 Jahre alte Veranstalterin der Parade, die unter dem Namen Viet Pride 2012 abgehalten wurde. Die Botschaften Schwedens und Kanadas und das Goethe-Institut unterstützten die Parade, die von Filmvorführungen, Podiumsdiskussionen und einer Konferenz begleitet wurde.
Homosexualität ist in Vietnam zwar nicht verboten, aber immer noch ein Tabuthema. Vietnams Gesellschaft ist stark vom konfuzianischen Glauben geprägt, der Werte wie Tradition und Familie besonders stark hervorhebt. So gilt es vielerorts schon als Schande, wenn man keine Kinder – oder noch schlimmer – keinen Sohn hat. Gleichgeschlechtliche Paare haben es allein schon deswegen schwer, akzeptiert zu werden. Vor allem auf dem Land glauben immer noch viele Familien, sie könnten ihre homosexuellen Kinder „heilen“, indem sie ihnen eine spezielle Diät verordnen.
Noch vor wenigen Jahren haben auch die Medien des Landes Homosexuelle offen verspottet oder als krank bezeichnet. Auch wurden häufig Kriminelle mit Homosexualität in Verbindung gebracht. Doch das ändert sich langsam. Vietnams Gesellschaft gehe heute zunehmend offener mit dem Thema um, sagen Aktivisten.
Überraschende Unterstützung
Unterstützung haben Vietnams Schwule und Lesben unlängst von ganz oben erhalten. Ende Juli erklärte Justizminister Ha Hung Cuong überraschend, es sei an der Zeit, darüber nachzudenken, gleichgeschlechtliche Beziehungen zu legalisieren. Die Abgeordneten des Parlaments diskutierten kürzlich darüber, ob man die Heiratsgesetze ändern soll, damit schwule und lesbische Paare mehr Rechte bekommen. Sollte es dazu kommen, wäre Vietnam der erste Staat in Asien, der diesen Schritt macht.
Ein Anzeichen für eine weitergehende Öffnung des Landes ist der Vorstoß des Justizministers jedoch nicht. Noch immer verurteilen Gerichte regelmäßig Dissidenten und kritische Blogger wegen angeblicher „Propaganda“ gegen den Staat zu langen Haftstrafen. Die Organisation Human Rights Watch klagt, Vietnams Regierung unterdrücke weiterhin systematisch die Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Menschen, die sich kritisch über die Regierung äußerten, würden regelmäßig von der Polizei bedrängt, überwacht oder für lange Zeit in Gewahrsam genommen, ohne sich mit einem Rechtsbeistand beraten zu können.
In diesem Zusammenhang wird klar, warum die Veranstalter der Parade die Teilnehmer zur Vorsicht aufgerufen haben: Sie sollten ihre „persönlichen Umstände in Betracht ziehen und mögliche Risken überdenken“, hieß es auf der Website von Viet Pride 2012.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2012)
Der American Dream platzt an der Grenze
Liu Bolin Der ''unsichtbare Künstler''
WienDie Votivkirche, eine ewige Baustelle
SpeiseplanErobern Würmer die Teller Europas?