Washington Marvin Lee Wilson konnte schlechter lesen als ein Volksschüler, vom Nobelpreisträger John Steinbeck hat er sicher nie etwas gehört: Aber der 54-jährige Texaner, der im November 1992 einen Mord begangen haben soll, wurde am Dienstag exekutiert, weil er nach Ansicht der Richter dem von Steinbeck erfundenen „Lennie Small“ nicht genügend ähnelte. Denn auch der kräftige, gutmütige Lennie – der in der Novelle „Von Mäusen und Menschen“ von einer Kaninchenfarm träumt – begeht einen Mord. Er ist geistig behindert.
Auch Marvin Wilson war nach Aussage eines Gutachters „geistig behindert“. Der Afroamerikaner kam 2004 in einem Test des vom Gericht seit 22 Jahren als Sachverständigen herangezogenen Doktor Donald Trahan auf einen IQ von 61. Unterhalb von 70 Punkten gilt man in den USA als „geistig behindert“. Das Oberste Gericht hatte 2002 beschlossen, dass diese Menschen nicht hingerichtet werden dürfen. Der 1,80 Meter große Straßendealer, vorbestraft wegen Raubes, wurde 1992 beobachtet, als er mit seinem Kumpan Andrew Lewis in Beaumont, in der Nähe von Houston, auf Jerry Williams einprügelte. Einige Tage zuvor hatte die Polizei bei einer Razzia in Wilsons Appartement 24 Gramm Kokain gefunden. Wilson beschuldigte Williams, er habe der Polizei den Tipp gegeben.
Die beiden Männer sollen den 21-Jährigen in einem Auto entführt haben. Kurz danach hörten Anwohner einen Schuss. Am nächsten Tag wurde Williams Leiche am Rand einer Straße gefunden.
„Andrew hat das nicht getan“
Der am selben Tag verhaftete Wilson bestritt die Tat. Es gab keine Beweise gegen ihn. Aber vor Gericht sagte die Frau seines Komplizen aus, Wilson habe ihr gegenübergestanden. „Sei nicht sauer auf Andrew, Andrew hat das nicht getan“, soll Wilson gesagt haben. „Ich war das.“ Lewis wurde zu lebenslänglicher Haft verurteilt, Wilson selbst 1998 zum Tod.
Der Verurteilte äußert sich seit geraumer Zeit nicht mehr zu dem Verbrechen. Aber auf einer Webpage des Gefängnisses im texanischen Livingston, in dem er einsaß, schrieb Wilson: „Ich versuche nicht mehr, irgendwen zu überzeugen, dass ich nicht schuldig bin im Sinne der Anklage, weil ich begreife, dass ich nicht in diese Situation geraten wäre, wenn ich nicht mit Crack gehandelt hätte.“
Das Oberste Gericht begründete seine Entscheidung, dass Behinderte nicht hingerichtet werden dürfen, mit ihrer eingeschränkten Schuldfähigkeit und ihrem mangelnden Vermögen, sich angemessen zu verteidigen. Zudem bestehe die Gefahr, dass bei einem von mehreren Tätern begangenen Verbrechen ein geistig Zurückgebliebener von den Komplizen die Hauptverantwortung in die Schuhe geschoben bekommt.
Laut dem Psychiater Trahan war Wilson nicht in der Lage, Telefonbücher zu nutzen oder Banküberweisungen auszuführen. Verwandte und Freunde sagten im Prozess aus, der Angeklagte sei schon in Kinderjahren als „Idiot“ verspottet worden. Er konnte lange Zeit nicht seine Schuhe binden und habe bis in die Volljährigkeit hinein nachts den Daumen gelutscht. Wilson besuchte Klassen für Lernschwache, blieb trotzdem der schwächste Schüler, musste die siebte Klasse wiederholen und verließ die Schule nach zehn Jahren. Er konnte als Kind nicht einmal mit simplen Dingen wie Murmeln oder Kreiseln spielen, sagten Weggefährten von damals aus.
Intelligent genug für Führerschein
485 Exekutionen haben in Texas seit 1976 stattgefunden, fast jedes dritte Todesurteil wird im südlichen US-Bundesstaat vollzogen. Die texanischen Gerichte haben einen Interpretationsfreiraum bei der Beurteilung der Entscheidung des Supreme Court: Sie zweifelten das Gutachten an, das Wilsons IQ mit 61 maß, und verwiesen auf frühere Intelligenztests. Dabei soll Wilson 1971 immerhin 73 und 1987 gar 75 Punkte erreicht haben. Beim letzten Test war Wilson 19 Jahre alt.
Das genügte den Richtern: Einen weiteren Intelligenztest führten sie darum nicht durch. Sie argumentierten, Wilson sei immerhin intelligent genug gewesen, den Führerschein zu machen und zu heiraten. Der Vater eines Kindes sei „bauernschlau“ genug gewesen, um sich als Drogendealer auf der Straße Geld zu verdienen.
Zudem verwies das Gericht auf eine Entscheidung des texanischen Berufungsgerichts, des höchsten Gerichts des Bundesstaates. Darin wird auf jenen naiv-gutmütigen Lennie aus John Steinbecks Novelle verwiesen. Kindliche Naturen wie diese fiktive Gestalt, der versehentlich eine Frau tötet, sollten in der Tat von der Exekution ausgenommen werden. Aber auf Wilson treffe das nicht zu.
„Umarmt Mutter und sagt ihr, dass ich sie liebe“, sagte ein weinender Wilson vor seinem Tod zu Angehörigen, die der Hinrichtung in Huntsville beiwohnten. Dann rief er: „Hol' mich heim, Jesus. Hol' mich heim, Lord. Ich bin noch nicht verlassen, das muss ein Wunder sein. Ich bin ein Wunder.“
Am Dienstagabend um 18.27 Uhr Ortszeit wurde Marvin Wilson für tot erklärt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2012)
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