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Schweden: Ein Möchtegern-Kannibale und acht ungeklärte Morde

09.08.2012 | 17:41 |  Von unserem Korrespondenten Hannes Gamillscheg (Die Presse)

Ein Psychiatriepatient gestand aus Geltungssucht Taten, die er vermutlich nie begangen hat. Die Ermittler glaubten ihm trotz vieler Widersprüche zunächst alles. Polizei und Justiz stehen nun vor einem Scherbenhaufen.

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Kopenhagen/Stockholm. Vor 24 Jahren wurde in der schwedischen Provinz Dalarna der israelische Tourist Yenon Levi ermordet. Jetzt rollt die Polizei den Fall wieder auf. Sie lässt die Kleidung des Opfers auf eventuelle DNA-Spuren untersuchen, analysiert Zigarettenstummel vom Tatort und eine Brille, die wohl einem Mann gehört, den man schon 1988 verdächtigte.

Warum er nie angeklagt wurde, und warum die Polizei erst jetzt auf Spurensuche geht? Weil ein anderer die Schuld auf sich nahm und verurteilt wurde, obwohl Verhöre und die Rekonstruktion dokumentierten, dass er keine Ahnung hatte, was auf der Waldlichtung damals geschehen war. Dieser andere ist der 62-jährige Thomas Quick, der sich nun Sture Bergwall nennt. Er ist Hauptfigur des wohl übelsten Skandals der schwedischen Kriminalgeschichte, ein psychopathischer Lustlügner, der wegen acht Morden verurteilt wurde, von denen er vermutlich keinen beging. Was nicht nur heißt, dass Schwedens Justiz einen Unschuldigen bestraft hat, sondern auch, dass die acht Täter, die die Morde tatsächlich begingen, unbehelligt blieben.

Ermittler, Staatsanwälte, Richter: Sie alle glaubten den Hirngespinsten des Thomas Quick, der vorgab, er sei einer wie „Hannibal the Cannibal“ – die Figur aus dem Thriller „Das Schweigen der Lämmer“ – und der genüsslich erzählte, wie er seine Opfer folterte, tötete, zerstückelte und verzehrte. 33 Morde gestand der wegen Bankraubs und Sexualvergehen in der Psychiatrie verwahrte Patient in einer „Therapie“, und die Verhörsleiter wurden nicht einmal stutzig, wenn er behauptete, er habe zwei Flüchtlingskinder umgebracht, die verschollen gemeldet wurden, aber lebend zurückkehrten.

Quick hatte sich sein Wissen über ungeklärte Kriminalfälle in Bibliotheken angelesen, wenn er auf Ausgang war. Dann tischte er im Verhör auf, was er sich gemerkt hatte. Doch von vielen Details ahnte er nichts, und die Protokolle belegen, wie oft ihn die Beamten korrigieren mussten, bis er endlich die richtige Antwort wusste. Ob es um Aussehen und Kleidung der Opfer ging, die Tötungsmethoden, es war ein großes Ratespiel. Auch bei den Rekonstruktionen machte er „Fehler auf Fehler“, wie sich der ehemalige Kriminalkommissar Jan Olsson erinnert, der aus Protest gegen die Ermittlungen den Job aufgab. Quick behauptete, er habe die Leichen vergraben, und wenn er die Stellen nicht wiederfand, sagte er plötzlich, er habe sie verbrannt.

„Was, wenn ich es nicht war?“

Dem Gericht präsentierten die Ankläger die Ungereimtheiten als Beweis dafür, wie ungern sich der Täter an seine Untaten erinnere, und der Verteidiger opponierte nicht: Sein Klient wollte ja verurteilt werden. Noch 2006 nannte Schwedens höchster Justizbeamter die Urteile hieb- und stichfest. Dass die Missstände bekannt wurden, ist dem Journalisten Hannes Råstam zu verdanken, der kürzlich an Krebs verstarb, wenige Tage, nachdem er das akribisch recherchierte Manuskript für sein Buch „Wie man einen Serienmörder macht“ fertig hatte. Darin weist er nach, dass Quick unter schwerem Drogeneinfluss stand, als er verhört wurde, und dass er als Belohnung für seine Geständnisse all die Medizin bekommen konnte, die er wollte.

Råstam war es auch, der Jahre nach den zwischen 1994 und 2001 gefällten Schuldsprüchen dem entgifteten Psychiatriepatienten gegenübersaß, der ihn nach langen Gesprächen fragte: „Und was, wenn ich das alles nicht getan habe?“ Er habe gestanden, weil er genoss, im Blickpunkt zu stehen. „Ich wurde jemand. Eine wichtige Person für die Ärzte und die anderen Insassen.“ Mit einem neuen Anwalt forderte er eine Revision der Urteile, die hauptsächlich auf seinen Geständnissen beruht hatten. Drei Schuldsprüche sind inzwischen aufgehoben, in den fünf anderen Fällen ist der Prozess in Gang. Die Familien der Hinterbliebenen fordern, dass jemand die Verantwortung übernimmt. Acht Mordfälle, die die Polizei für gelöst hielt, sind wieder ungeklärt. Acht Mörder auf freiem Fuß.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2012)

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1 Kommentare
Gast: Blankensteiner Husar
09.08.2012 21:59
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Wenn ich der Polizei und der Justiz erzähle wie dämlich sie sind, dann glaubens das nicht!

Obwohl es die Wahrheit ist............