Moskau. In dunklen, unterirdischen Kellergängen, ohne Heizung, ohne Strom hatten die 70 Sektenmitglieder jahrelang gelebt. Unter ihnen waren 20 Kinder, das jüngste nur 18 Monate alt. Die Kleinen wurden hier geboren, Sonnenlicht haben sie noch nie gesehen. Ein Dieselgenerator und ein eigener Brunnen gewährleisteten die Minimalversorgung.
Wie es kommen konnte, dass niemand auf das Horrordasein der muslimischen Sekte aufmerksam geworden war, fragten sich am Donnerstag in Russland viele. Denn unbekannt waren die „Faisrachmanisten“ in der an der Wolga gelegenen tatarischen Stadt Kasan, etwa 800 Kilometer östlich der Hauptstadt Moskau, nicht gewesen. Viele hatten gewusst, dass sich in dem einstöckigen Ziegelhaus die Anhänger des Sektengründers Faisrachman Sattarov versammelten, berichten russische Medien.
„Sie trugen Lumpen“
Und vielen war das Treiben verdächtig gewesen. Niemand jedoch hatte eine Ahnung davon gehabt, was sich im Haus selbst und vor allem in den Gängen unter dem Haus zutrug: „Auf einem Quadratmeter lebten drei Menschen“, sagte eines der Sektenmitglieder. Der Kontakt zur Außenwelt war bis auf wenige Ausnahmen allen Anhängern untersagt. Den Kindern war der Schulbesuch verboten. Kranke wurden von den Sektenmitgliedern selbst versorgt. „Sie waren schmutzig, trugen Lumpen und wurden nie von Ärzten untersucht“, erklärte ein Sprecher der Polizei am Donnerstag, nachdem das Bunkersystem entdeckt worden war.
Dass man die unterirdischen Gänge unter dem Grundstück, das der Sektenführer im Jahr 1996 erworben hatte, überhaupt fand, verdankt sich einem Zufall. Genauer: einem anderen Verbrechen. Vor Kurzem nämlich war in der bis dahin friedlichen Republik Tatarstan, die als Zentrum des russischen Islam gilt, ein Mordanschlag auf die Vorsteher der muslimischen Gemeinde verübt worden. Im Zuge der Ermittlungen stießen die Behörden auch auf das Bunkersystem.
83-Jähriger Sektenführer
Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Anklage in vier Punkten gegen den 83-jährigen Sektenführer Sattarov erhoben. Auch den Eltern drohen Verfahren wegen der Misshandlung Minderjähriger. Die Kinder selbst wurden in ein Spital gebracht, werden psychologisch betreut und sollten nach Angaben der Behörden bald in Kinderheimen untergebracht werden. Dagegen laufen nun die Eltern Sturm. Sie drohen damit, „den Weltuntergang heraufzubeschwören“, sollten sie ihre Kinder nicht zurückerhalten.
Die muslimische Sekte der Faisrachmanisten ist nicht die erste religiöse Gruppierung, die sich in Russland von der Außenwelt isolierte: Ende 2007 zogen sich in der russischen Stadt Pensa, 650 Kilometer südöstlich von Moskau, etwa 30 Mitglieder einer russisch-orthodoxen Sekte in ein unterirdisches Tunnelsystem zurück, um dort auf die Apokalypse zu warten. Auch damals waren Kinder in Mitleidenschaft gezogen, ehe die Behörden dem Spuk ein Ende bereiteten. Der Sektenführer landete in der Psychiatrie und gab später zu, sich bei der Errechnung des Weltuntergangs „geirrt zu haben“.
Opfer „zum Leben erwecken“
Sektenführer und Scharlatane fanden vor allem im religiösen Vakuum nach dem Zerfall der Sowjetunion regen Zulauf. Berühmtheit erlangte 1989/1990 Anatolij Kaschpirowski, der als Wunderheiler Hypnose-Sessionen über das landesweite Fernsehen veranstaltete und später für die ultrarechte Partei LDPR im Parlament saß. Als großer Scharlatan erwies sich später der Geistheiler Grigorij Grabowoj. Nach dem Geiseldrama 2004 in der nordossetischen Schule von Beslan, bei dem 331 Menschen, vorwiegend Kinder, ums Leben gekommen waren, versprach er, die Kinder gegen Bezahlung von 1000 Euro wieder zum Leben zu erwecken. Im Jahr 2006 wurde er verhaftet und zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, ging aber nach vier Jahren wegen guter Führung vorzeitig frei.
In Russland breiten sich gefährliche Sekten immer mehr aus: Sogar die russische Regierung und die russisch-orthodoxe Kirche haben jetzt eindringlich davor gewarnt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2012)


Der American Dream platzt an der Grenze
Liu Bolin Der ''unsichtbare Künstler''
WienDie Votivkirche, eine ewige Baustelle
SpeiseplanErobern Würmer die Teller Europas?