18.05.2013 16:03 Merkliste 0

Russland: Sekte hielt Kinder jahrelang unter der Erde gefangen

09.08.2012 | 17:44 |  von unserem Korrespondenten Eduard Steiner (Die Presse)

In Kasan haben sich religiöse Fanatiker einer muslimischen Sekte jahrelang in einem unterirdischen Verlies ohne Heizung und ohne Strom versteckt. Unter ihnen waren 20 Kinder, das jüngste nur 18 Monate alt.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Moskau. In dunklen, unterirdischen Kellergängen, ohne Heizung, ohne Strom hatten die 70 Sektenmitglieder jahrelang gelebt. Unter ihnen waren 20 Kinder, das jüngste nur 18 Monate alt. Die Kleinen wurden hier geboren, Sonnenlicht haben sie noch nie gesehen. Ein Dieselgenerator und ein eigener Brunnen gewährleisteten die Minimalversorgung.

Wie es kommen konnte, dass niemand auf das Horrordasein der muslimischen Sekte aufmerksam geworden war, fragten sich am Donnerstag in Russland viele. Denn unbekannt waren die „Faisrachmanisten“ in der an der Wolga gelegenen tatarischen Stadt Kasan, etwa 800 Kilometer östlich der Hauptstadt Moskau, nicht gewesen. Viele hatten gewusst, dass sich in dem einstöckigen Ziegelhaus die Anhänger des Sektengründers Faisrachman Sattarov versammelten, berichten russische Medien.

VIDEO: Sekte lebt jahrelang unter der Erde

Bild: (c) RCA

An die 10 Jahre hat eine russische Sekte nahe der Stadt Kasan in einem unterirdischen Bunkersystem gelebt - ohne Heizung, Sonnenlicht und Strom. Jetzt wurde die 70 köpfige Religionsgruppe entdeckt - unter ihnen auch 20 Kinder.

„Sie trugen Lumpen“

Und vielen war das Treiben verdächtig gewesen. Niemand jedoch hatte eine Ahnung davon gehabt, was sich im Haus selbst und vor allem in den Gängen unter dem Haus zutrug: „Auf einem Quadratmeter lebten drei Menschen“, sagte eines der Sektenmitglieder. Der Kontakt zur Außenwelt war bis auf wenige Ausnahmen allen Anhängern untersagt. Den Kindern war der Schulbesuch verboten. Kranke wurden von den Sektenmitgliedern selbst versorgt. „Sie waren schmutzig, trugen Lumpen und wurden nie von Ärzten untersucht“, erklärte ein Sprecher der Polizei am Donnerstag, nachdem das Bunkersystem entdeckt worden war.

Dass man die unterirdischen Gänge unter dem Grundstück, das der Sektenführer im Jahr 1996 erworben hatte, überhaupt fand, verdankt sich einem Zufall. Genauer: einem anderen Verbrechen. Vor Kurzem nämlich war in der bis dahin friedlichen Republik Tatarstan, die als Zentrum des russischen Islam gilt, ein Mordanschlag auf die Vorsteher der muslimischen Gemeinde verübt worden. Im Zuge der Ermittlungen stießen die Behörden auch auf das Bunkersystem.

83-Jähriger Sektenführer

Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Anklage in vier Punkten gegen den 83-jährigen Sektenführer Sattarov erhoben. Auch den Eltern drohen Verfahren wegen der Misshandlung Minderjähriger. Die Kinder selbst wurden in ein Spital gebracht, werden psychologisch betreut und sollten nach Angaben der Behörden bald in Kinderheimen untergebracht werden. Dagegen laufen nun die Eltern Sturm. Sie drohen damit, „den Weltuntergang heraufzubeschwören“, sollten sie ihre Kinder nicht zurückerhalten.

Die muslimische Sekte der Faisrachmanisten ist nicht die erste religiöse Gruppierung, die sich in Russland von der Außenwelt isolierte: Ende 2007 zogen sich in der russischen Stadt Pensa, 650 Kilometer südöstlich von Moskau, etwa 30 Mitglieder einer russisch-orthodoxen Sekte in ein unterirdisches Tunnelsystem zurück, um dort auf die Apokalypse zu warten. Auch damals waren Kinder in Mitleidenschaft gezogen, ehe die Behörden dem Spuk ein Ende bereiteten. Der Sektenführer landete in der Psychiatrie und gab später zu, sich bei der Errechnung des Weltuntergangs „geirrt zu haben“.

Opfer „zum Leben erwecken“

Sektenführer und Scharlatane fanden vor allem im religiösen Vakuum nach dem Zerfall der Sowjetunion regen Zulauf. Berühmtheit erlangte 1989/1990 Anatolij Kaschpirowski, der als Wunderheiler Hypnose-Sessionen über das landesweite Fernsehen veranstaltete und später für die ultrarechte Partei LDPR im Parlament saß.  Als großer Scharlatan erwies sich später der Geistheiler Grigorij Grabowoj. Nach dem Geiseldrama 2004 in der nordossetischen Schule von Beslan, bei dem 331 Menschen, vorwiegend Kinder, ums Leben gekommen waren, versprach er, die Kinder gegen Bezahlung von 1000 Euro wieder zum Leben zu erwecken. Im Jahr 2006 wurde er verhaftet und zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, ging aber nach vier Jahren wegen guter Führung vorzeitig frei.

In Russland breiten sich gefährliche Sekten immer mehr aus: Sogar die russische Regierung und die russisch-orthodoxe Kirche haben jetzt eindringlich davor gewarnt.

Auf einen Blick
Im russischen Kasan haben sich Dutzende religiöse Fanatiker jahrelang in einem unterirdischen Verlies versteckt - angeblich aus Angst vor dem Weltuntergang. Unter den 70 Mitglieder der moslemischen Sekte waren auch 20 Kinder, darunter ein nur 18 Monate altes Baby. Die Polizei entdeckte den Bunker zufällig: Eigentlich ermittelte sie gegen Islamisten in der Region.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

6 Kommentare
Gast: Gerne nur Gast
09.08.2012 19:54
6 5

Ich sehe hier keine Sekte



sondern Muslime, die genauso aussehen wie Salafisten in Deutschland oder in Ottakring.

Antworten Gast: Zenzine
09.08.2012 22:06
4 0

Re: Ich sehe hier keine Sekte

Nur weil sie so aussehen, müssen sie noch lange keine sein.
Verbrecher oder Verrückte erkennt man leider nicht immer am Aussehen.

Gast: Bank12
09.08.2012 11:27
8 2

Riten und Bräuche

vielleicht gehört das aber zwingend zur Identität dieser Religion und zeigt die Verbindung zum Gott :-)
Andere religionen - andere Riten und Bräuche. Wo sind diesmal die Vertreter der Weltreligion die das verteidigen?

Gast: Gegenseitenhörerwunsch
09.08.2012 11:23
0 11

Russland und religiöse Minderheiten

so unduldsam wie sich russische Behörden und Gerichte in den letzten Jahren gegenüber religiösen Minderheiten verhalten, die der orthodoxen Kirche nicht genehm sind, frage ich mich, wie zuverlässig von dort kommende reisserische Meldungen über "gefährliche Sekten" sind.

Antworten Gast: gehtdasdurchdiezensur?ichglaubnicht
09.08.2012 13:41
2 0

Re: Russland und religiöse Minderheiten

Am 1.3 gab eswährend der 3sat Themenwoche zu Russland die Doku:
Sibiriens Schicksalsstrom - Der Jenissei

Dabei auch ein kurzes Interview mit einem russischen Imam, wobei er seine Vorstellung von Russlands Zukunft darstellte. Sehr interessant, nicht nur für Russland!

Gast: AP
09.08.2012 08:41
4 8

Uiuiui

Sind ja Zustände wie in Amstetten!