Wien/Riad. Wie kaum ein anderer Staat ist das 28-Millionen-Einwohner-Land Saudiarabien geprägt von der durch Religion und Tradition begründeten Geschlechtertrennung: Schulen und Universitäten sind ebenso nach Geschlechtern separiert wie Büros, Restaurants und Transportmittel; in öffentlichen Gebäuden gibt es verschiedene Eingänge für Frauen und Männer. Doch damit nicht genug: Wie britische Medien berichten will das Land nun aucheigene Städtefür Frauen errichten.
Die Idee kommt allerdings nicht von Männern, sondern von einer Gruppe von Geschäftsfrauen. Als Pilotprojekt soll demnach bereits 2013 eine „Frauenstadt“ bei Hofuf im Osten des Landes gebaut werden, vier weitere sind geplant. Die Stadt soll Arbeitsplätze für 5000Frauen schaffen, angedacht werden als Branchen die Textilindustrie, Pharmazie sowie die Nahrungsmittelherstellung.
Geplant sei, dass die Unternehmen von Frauen geführt werden und nur Mitarbeiterinnen haben. Für den Bau zuständig ist die saudische Behörde „Modon“, die sich sonst um die Entwicklung von Industriestädten kümmert.
„Ich bin sicher, dass Frauen ihre Kompetenzen in vieler Hinsicht zeigen und in Berufszweigen glänzen können, die ihren Interessen, ihrem Wesen und ihren Fähigkeiten am besten entsprechen“, zitiert die britische Zeitung „Guardian“ Saleh al-Rashid, Vizechef von Modon. Das Projekt soll die finanzielle Unabhängigkeit der Frauen fördern und ihre Stellung auf dem Arbeitsmarkt verbessern, ohne die Geschlechtertrennung anzugreifen.
Kaum Jobs für Akademikerinnen
Die strikte Trennung der Geschlechter in der Golf-Monarchie hat auch wirtschaftliche Folgen, denn Frauen haben kaum Zugang zum Arbeitsmarkt. Obwohl fast 60 Prozent der Universitätsabsolventen weiblich sind, machen Frauen nur 15 Prozent der berufstätigen Bevölkerung aus.
Weil sie nicht mit Männern zusammenarbeiten dürfen, sind die meisten in Arbeitsstätten beschäftigt, zu denen Männer keinen Zugang haben. So haben Banken eigene „Frauenfilialen“, wo Kundinnen von Frauen bedient werden. Da sie nur bestimmten Berufen wie Bankkauffrau oder Lehrerin nachgehen dürfen, finden viele keinen Job – laut „al-Arabia-News“ sind 78 Prozent der Uni-Abgängerinnen, darunter 1000 Doktorinnen, arbeitslos.
Das scheint angesichts der Tatsache, dass saudische Frauen kaum Entscheidungen treffen dürfen, kaum verwunderlich. Zwar kündigte König Abdullah an, dass sie ab 2015 bei Kommunalwahlen ihre Stimme abgeben dürfen. Darüber hinaus verbietet die lokale saudische Auslegung der Scharia aber viele Gleichstellungsmaßnahmen: Frauen dürfen nicht Auto fahren und sind von hohen Positionen so gut wie ausgeschlossen.
Ohne Vormund geht nichts
Ohne ihren gesetzlichen männlichen Vormund dürfen sie sich nicht frei bewegen. Meist ist dies der Ehemann oder Vater, manchmal ein Bruder oder sogar ein Sohn. Seine Erlaubnis muss eingeholt werden, wenn es um Entschlüsse rund um Heirat, Ausbildung, Reisen und eben auch Arbeit geht. Daran werden auch die Frauenstädte nichts ändern.
Weibliche Arbeitssuchende finden in Saudiarabien selten einen Job, nur 15Prozent der Erwerbstätigen sind Frauen. Eine Gruppe von Unternehmerinnen plant nun in Zusammenarbeit mit dem Staat den Bau eigener „Frauenstädte“: Dort sollen ausschließlich weiblich geführte Firmen angesiedelt werden, die auch ausschließlich Frauen anstellen – damit will man die Frauenerwerbsquote steigern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2012)
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