Grosny/Wien. Die Menschen im inguschischen Dorf Sagopschi waren zusammengekommen, um einen Polizisten zu begraben, der am Vorabend von Unbekannten erschossen worden war. Die Trauerfeier sollte Anlass für weiteres Leid werden. Ein Selbstmordattentäter sprengte sich im Kreis der Gäste, unter ihnen viele Sicherheitskräfte, in die Luft. Außer dem Attentäter kamen sieben Polizisten ums Leben, 15 Menschen wurden verletzt.
Nur ein paar Stunden zuvor hatten Bewaffnete eine Moschee in der Nachbarrepublik Dagestan überfallen und auf die Gläubigen geschossen. Ein Mann erlag später im Krankenhaus seinen Wunden.
Dies ist die blutige Bilanz des vergangenen Wochenendes im Nordkaukasus, wo mehrere kleine Teilrepubliken Russlands gebirgige Südflanke bilden. Gewalt gehört hier zum Alltag. Nur wenn sie besonders grausam wird, erfährt die Welt davon. So wie am Sonntag.
Tagtäglich kleine Zwischenfälle
Die Menschenrechtsaktivistin Taisa Isajewa dokumentiert in ihrem E-Mail-Newsletter blutige Wochenenden genauso wie Tage, an denen lediglich kleinere Zwischenfälle passieren, von denen internationale Nachrichtenagenturen keine Notiz nehmen. Kleinere Zwischenfälle bedeutet: Entführungen, Schießereien, Bombenexplosionen mit Verletzten, Antiterroreinsätze der Polizei. Seit zehn Jahren macht sie das nun schon, mehr als 2200 Mal hat sie E-Mails an ihre Abonnenten verschickt, um über die aktuelle Lage in der Unruheregion zu informieren. In kurzen Sätzen, emotionslos, möglichst objektiv die Ereignisse schildernd. Unabhängige Information, keine Propaganda. Es ist eine Chronik der alltäglichen Gewalt, die der Empfänger im Posteingang vorfindet.
Isajewa, die in Tschetscheniens Hauptstadt Grosny lebt, ist bestens darüber informiert, wie es um die aktuelle Sicherheitslage in den drei nordkaukasischen Republiken bestellt ist. Sie weiß, dass es in Dagestan und Inguschetien beunruhigend unruhig ist, und in Tschetschenien Anschläge eher selten sind. Selten bedeutet nicht niemals: Anfang August gab es seit Langem wieder einen Selbstmordanschlag in Grosny, ein Vorfall, der den Einwohnern vor Augen führte, dass trotz des enormen Sicherheitsaufgebots von Präsident Ramsan Kadyrow Terroranschläge nicht verhindert werden können.
Trotz ihrer kritischen Haltung gesteht Isajewa der tschetschenischen Führung zu, dass Entführungen und die umstrittenen „Säuberungsaktionen“ gegen mutmaßliche Gegner Kadyrows – „Terroristen“ im behördlichen Sprachgebrauch – abgenommen haben. „Es wurde schon so viel ,gesäubert‘, es gibt nichts mehr zu säubern“, sagt sarkastisch die 41-Jährige mit dem brünetten Haar, das sie in der Öffentlichkeit nicht mit dem Kopftuch bedeckt, auch wenn dies erwünscht ist. Ja, man könne sich heute in Grosny relativ frei bewegen – gleichzeitig sei das Leben in Tschetschenien unfreier geworden: „Bewohner der Nachbarrepubliken beneiden uns, weil Tschetschenien sicherer ist. Wir beneiden sie, weil sie sagen können, was sie denken.“ Isajewa sagt, innere Freiheit bedeute ihr mehr als Sicherheit.
Ihr Arbeitstag beginnt in der Früh. Mithilfe einer Handvoll Korrespondenten, die in mehreren Republiken stationiert sind, sammelt Isajewa die Ereignisse des Vortages. Verarbeitet sie in einer kleinen Computerkoje in ihrem Apartment zu trockenen Nachrichtenmeldungen. Ununterbrochen klingelt ihr Telefon. „Wenn etwas passiert ist, erfahre ich es innerhalb von 15 Minuten“, sagt die resolute Frau, deren aufgeregte Stimme ein rhetorisches Maschinengewehr ist: Anstatt mit Munition verteidigt sie sich mit einem Schwall aus Worten. Schnell und punktgenau.
Die Arbeit von zu Hause sei relativ sicher, sagt sie. In der Vergangenheit gab es Überfälle auf Büros von Kritikern, Entführungen. Tschetschenien verlassen wolle sie nicht, auch wenn man ihr das wiederholt angeboten habe. Morgen wird Taisa Isajewa wieder auf „Senden“ drücken. Zum 2202. Mal.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2012)
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