Majestätische Gebilde sind's, die träge auf dem Meer treiben und blauweiß schimmern. Tausende Jahre alt ist das Wasser, das in ihnen gefroren ist, für seine kristallene Reinheit ist es bekannt. Daher sieht eine kleine Brauerei in der ostkanadischen Provinz Neufundland jene Eisberge, die en masse vor der Küste vorbeitreiben, als mehr als bloß Naturschauspiele an: Sie macht Bier aus ihnen.
Quidi Vidi heißt die Firma, die in dem gleichnamigen Dorf bei St. John's, der Hauptstadt von Neufundland und Labrador, liegt. „Iceberg Beer“ ist eines ihrer Erzeugnisse: „Wir sind weltweit die einzige Brauerei, die Bier aus Eisbergeis macht“, sagt David Rees, Chef von Quidi Vidi.
Quidi Vidi Village ist ein malerisches Fischerdörfchen, der von Felsen umrahmte Naturhafen ist durch eine wenige Meter breite Öffnung mit dem Atlantik verbunden. Boots- und Fischerhäuser schmiegen sich an einer Seite der Bucht an die Felsen, auf der anderen steht die Brauerei. Der seltsame Name stammt aus einer Zeit, als Kapitäne ihre Notizen noch in Latein abfassten, erzählt Rees: „Einer beschrieb, wie er die Bucht entdeckte und ,was ich gesehen habe‘“. „Quid vidi“ oder eben „quidi vidi“ soll er notiert haben, was dem Ort, dessen Geschichte ins 16. Jahrhundert zurückreicht, den Namen gab.
Vom Ölingenieur zum Brauer
Aufmerksam blickt der 63-Jährige seinen Gesprächspartnern ins Gesicht, denn er ist seit seinem 30. Lebensjahr schwerhörig – ein Freund hatte versehentlich in der Nähe ein Gewehr abgefeuert. Bis Anfang der 1990er-Jahre waren der Neufundländer und sein Geschäftspartner David Fong Ingenieure in der Ölindustrie, dann suchten sie neue Ufer und verfolgten den Boom von Mikrobrauereien in Nordamerika. Dann kam das für ganz Ostkanada schicksalhafte Jahr 1992: Da brachen wegen Überfischung die Kabeljaubestände völlig und dauerhaft ein, tausende Fischereibeschäftigte wurden arbeitslos.
In Quidi Vidi baute man damals gerade eine neue Fischfabrik, die sogleich zur Ruine wurde. Rees sah, welch großartige Umgebung dies für eine Brauerei war. 1995 gründeten er und Fong die Brauerei, kauften das Fischfabriksgebäude und bauten es um. 1996 kam das erste Bier heraus, die Marke „1892“, nach dem Jahr, aus dem die Rezeptur stammt, und in dem das damals weitgehend aus Holzhäusern bestehende Zentrum von St. John's fast total abbrannte.
Es herrscht das deutsche Reinheitsgebot
Gebraut wird nach dem deutschen Reinheitsgebot – dafür sorgt auch der aus Deutschland stammende Bierbrauer Martin Rohwedder. Die Idee mit dem Eisbergbier kam Rees vor vier Jahren: Immer wieder blockieren die Eiskolosse, die auf der „Eisbergallee“ an der Küste Labradors und Neufundlands nach Süden treiben (darunter einst jener, der vor 100 Jahren die „Titanic“ versenkte), die Hafeneinfahrt von Quidi Vidi, oft über Wochen. Wieso sollte man ihr klares Wasser nicht nützen? „Es gab schon Wodka aus Eisbergeis, aber kein Bier aus Eisbergen“, erzählt der Brauereichef.
Also wurde ein Unternehmen beauftragt, Eis zu „ernten“: Schiffe fahren zu den Eisbergen, brechen Eis von ihnen ab und fangen kleinere Eistrümmer ein. Jährlich werden etwa 2000 Tonnen Eis gewonnen und in Tanks gelagert. Die Eisberge, die meist von Grönlands Gletschern abbrechen, wandern zwei Jahre, bis sie Neufundland erreichen. 10.000 bis 50.000 Jahre seien sie alt, sagt Rees, auf dem Weg verlieren sie ihre äußeren Schichten, und so dürfte das aus ihnen gewonnene Brauwasser um die 25.000 Jahre alt sein. Mit der Jahreszahl wirbt man natürlich.
Zunächst wurde „Iceberg Beer“ in klaren Flaschen abgefüllt, aber das überzeugte Rees nicht: „Wenn man auf Eisberge blickt, sieht man im Sonnenlicht blaue Adern. Das brachte uns auf die Idee, das Bier in blaue Flaschen zu füllen.“ 2011 wurde die Produktion auf blaue 341-Milliliterflaschen mit einem Eisberg auf dem Etikett umgestellt. Sie enthalten ein leichtes, erfrischendes Lagerbier mit 4,5 Prozent Alkoholgehalt, leichter Hopfennote und ohne Nachgeschmack.
„Wir werden heuer insgesamt 130.000 Gebinde zu je zwölf Flaschen abfüllen, 30.000 Gebinde davon ,Iceberg Beer‘“, sagt Rees. Wegen der Kosten für die Eisernte ist das Eisbergbier etwas teurer: Ein Sechserkarton kostet 18 kanadische Dollar (ca. 14,7 Euro), die anderen Biere um die 11,50 Euro.
Bier reist halt nicht so gern
„Gerade, als wir erstmals unser Eisbergbier herausbrachten, steckte wieder ein Eisberg im Hafen, als sei es geplant gewesen“, sagt der Brauer. Leider wird das Bier fast nur lokal verkauft, Bier reist bekanntlich auch nicht gern, man kriegt es sonst nur in der westkanadischen Provinz Alberta. Das hat einen Grund: Tausende Neufundländer leben als Beschäftige in der Ölindustrie in dieser Prärieregion und fördern so den Absatz neufundländischen Bieres. „Mit unserem Eisbergbier haben sie ein Stück von den Eisbergen, die sie von der Küste unserer Felseninsel kennen“, sagt Rees und grinst.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2012)
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