Ein vermummter Motorradfahrer müht sich durchs Geröll, Sandsäcke liegen verloren im Wassergraben, ein Wächter döst vor sich hin. Aneinandergereihte Container zeugen noch heute von den verzweifelten Versuchen der Behörden, die Wassermassen aufzuhalten.
Doch es nützte alles nichts. Am 17. Oktober wurde das Industriegebiet Navanakhon – rund 30 Kilometer nördlich von Bangkok gelegen – komplett überflutet. Täglich strömten 400 Millionen Kubikmeter Wasser in die Industriezone und überschwemmten 200 Fabriken. Aber nicht nur Navanakhon war von der größten Hochwasserkatastrophe seit 50 Jahren betroffen: Rund um die thailändische Hauptstadt verursachten die Wassermassen insgesamt 11,8 Milliarden Euro Schaden, mehr als 600 Menschen starben.
Um solche Katastrophen in Zukunft zu verhindern, wird in Navanakhon eine zwanzig Kilometer lange Mauer rund um das Industriegebiet aus dem Boden gestampft. Im nahegelegenen Rojana-Industriepark in Ayutthaya werden es sogar 65 Kilometer sein, und auch anderswo im Land werden eifrig Dämme gebaut, um die Wassermassen abzuhalten – denn die nächste Flut, die kommt bestimmt.
„Bauwerke wie Dämme und Mauern, die jetzt entstehen, sind als direkte Folge des Klimawandels zu sehen“, sagt Royol Chitadron, Leiter des Instituts für Hydro- und Agroinformatik des thailändischen Wissenschafts- und Technologieministeriums (siehe unten stehendes Interview).
Er glaubt, dass es in den nächsten Jahren zu immer extremeren Umweltkatastrophen kommen wird: „Früher kam der Wind aus Osten oder Nordosten, mittlerweile hat sich die Achse verschoben – jetzt weht er aus dem Südwesten“, erklärt der Hydrologe. Extremere Temperaturunterschiede und stärkere Winde werden in Zukunft eine immer größere Herausforderung für die gesamte Region darstellen. „Um uns genau dagegen zu wappnen, brauchen wir die neuesten Technologien und bestens ausgebildete Fachkräfte“, drängt Chitadron.
Investoren beunruhigt. Dass sie auf einem guten Weg dorthin ist, genau davon will die Regierung von Yingluck Shinawatra, der Schwester des umstrittenen, 2006 gestürzten Ex-Premiers Thaksin, nicht nur die thailändische Bevölkerung, sondern auch ausländische Investoren überzeugen.
Laut Verapong Chaiperm, Gouverneur der Industriegebietbehörde Thailands, planen zwar nur rund fünf Prozent der ansässigen ausländischen Firmen, ihre Produktionsstätten in andere – weniger risikoreiche – Regionen Thailands zu verlagern, doch könne auch er nicht ausschließen, dass es in Zukunft zu einer größeren Abwanderung ausländischer Investoren kommen werde.
„Die jetzige Situation ähnelt dem ersten Streit zwischen Ehemann und Ehefrau“, sagt Chaiperm. „Wenn es zu weiteren Auseinandersetzungen kommt, wird die Frau wohl aus dem Haus ausziehen.“ Um es nicht zu einem weiteren „Streit“ – also einer zweiten Flutkatastrophe – kommen zu lassen, müsse die thailändische Regierung, die zuletzt heftig für ihr chaotisches Krisenmanagement kritisiert wurde, vor allem ihre Informationspolitik in den Griff bekommen.
Alte-Donau-Modell für Bangkok. „Wir brauchen unbedingt flexiblere Strukturen, um besser auf drohende Überschwemmungen reagieren zu können“, meint auch der Hydrologe Royol Chitadron. In diesem Bereich könne man sich so einiges von den Niederlanden, aber auch Österreich abschauen, findet der Wasserexperte.
Schon vor rund dreißig Jahren blickte die thailändische Regierung nach Österreich. Damals hatte ein österreichisches Architekturbüro vorgeschlagen, eine Art Donauinsel für Bangkok zu bauen. Karl Reichstetter, damals österreichischer Handelsdelegierter in Bangkok, erinnert sich an das Projekt: „Ich weiß, dass es solche Pläne gab, aber leider wurde nichts daraus.“ Warum, daran könne er sich heute nicht mehr erinnern. „Das ist schon so lange her.“ Heute sei die Alte Donau ein attraktives Modell für Bangkok, so Chitadron, der über diesen Ansatz auch in einem Diskussionsprozess mit einer Gruppe österreichischer Forscher steht.
Der kurzfristige Aktionsplan der Regierung steht zumindest fest. Von den insgesamt 9,6 Milliarden US-Dollar, die in bessere Wassermanagementpläne investiert werden sollen, sind etwa 3,9 Milliarden für den Bau von Flutkanälen vorgesehen.
Zwei Milliarden Dollar Baukosten. Zusätzlich soll eine 324.000 Hektar umfassende Ackerfläche nördlich von Bangkok in ein Wasserauffangbecken mit einer Kapazität von bis zu zehn Milliarden Kubikmetern umfunktioniert werden. Bei künftigen Regenfällen soll dieses Becken Überschwemmungen in flussabwärts gelegenen Gebieten verhindern. Fast zwei Milliarden US-Dollar lässt sich die Regierung dieses Projekt kosten.
Auch Chaiperm hält solcherlei Wasserrückhaltesysteme für eine zukunftsträchtige Lösung: „Wir müssen versuchen, die Wasserauffangkapazitäten dieser Becken zu erhöhen, um dann das Wasser während der Trockenzeit besser verwenden zu können“, sagt der Gouverneur.
„Durch ihre Lage sind einige Industriegebiete rund um Bangkok natürlich besonders von den jährlichen Überschwemmungen gefährdet“, erläutert Chaiperm. Deswegen soll in den sechs größten Industriegebieten Thailands in den Bau von Dämmen investiert werden. Noch heuer sollen neben den bereits existierenden Dämmen und Schleusen auch die Abfluss- und Kanalsysteme verbessert werden, um zukünftige Flutkatastrophen zu verhindern.
Hektischer Bau von Dämmen. Im Industriegebiet Navanakhon, in dem die thailändische Baufirma Italian-Thai den Auftrag zum Bau der Schutzmauer erhalten hat, rollen bereits die Bagger an – und wirbeln dabei ordentlich Staub auf.
„Immer wieder rufen mich die Manager der ansässigen Betriebe an und wollen ganz genau wissen, wie die Bauarbeiten laufen“, so der Projektleiter Apinan Jawang. „Alle wollen auf Nummer sicher gehen.“
Neben Nestlé, Tostem und Western Digital haben hier auch Nidec-Copal und Toshiba ihre Produktionsstätten. Von den 227 Fabriken auf dem Gelände konnten 140 die Produktion wieder aufnehmen, 59 befinden sich in einer „Vorbereitungsphase“. Wie viele Konzerne ihre Produktionsanlagen in andere Regionen oder gar Länder verlagern werden, ist noch unklar. Der Projektleiter ist trotzdem guter Dinge. Entspannt lehnt er sich zurück, setzt ein Zahnpastalächeln auf und beäugt zufrieden seinen Goldring.
Dann breitet er die Baupläne für Navanakhon vor sich aus: Die Anlage ist in sieben Zonen unterteilt. Während die Bauarbeiten im Norden schon voll angelaufen sind, werden sie im Süden erst in einigen Wochen beginnen. Derzeit sind 200 Arbeiter mit dem Bau beschäftigt, um die hundert werden in den kommenden Wochen folgen.
Wenn die Baufirma das Megaprojekt Ende August plangemäß abschließt, wird die gesamte Stadt von einer 20 Kilometer langen Mauer umgeben sein. Schon jetzt sieht es eher wie die Befestigung in einem Kriegsgebiet aus: Im nördlichen Teil von Navanakhon ragt der graue Schutzwall bereits einige Meter aus dem Boden. Vermummte Arbeiterinnen – Hut, Handschuhe und lange Ärmel sollen vor dem UV-Licht der prallen Sonne schützen – sind damit beschäftigt, mit Mörtel die Öffnungen zwischen den Betonwänden zu verputzen. „Die Mauer wird aber noch um einiges höher“, erklärt eine von ihnen, bevor sie sich wieder ihrer Spachtel zuwendet.

Schutz vor Naturgewalten. Auch das Militär hilft beim Wiederaufbau mit. In Navanakhon reiht sich ein olivgrüner Lastwagen an den anderen. Einige Soldaten sind damit beschäftigt, Löcher in den Boden zu bohren, um die Straßen wieder befahrbar zu machen. Projektleiter Jawang arbeitet eng mit dem Militär zusammen. Jeden Tag muss er den Pionieren der Armee einen detaillierten Fortschrittsbericht abliefern.
Heute, so scheint es, dient der Bau einer Mauer nicht mehr dem Schutz vor kriegerischen Völkern, sondern vor noch zerstörerischeren Naturgewalten. Die 200.000 Einwohner des Industriegebiets dürfte der Schutzwall jedenfalls wenig stören – im Gegenteil: Er wird den Wert ihrer Wohnungen in die Höhe schnellen lassen, denn ihre Häuser sind in Zukunft sicher vor der Flut. Ob der Bau von immer höheren Mauern langfristig eine Lösung sein kann? Chitadron ist skeptisch: „Wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie wir in Zukunft mit dem Wasser leben.“
Die wirtschaftlichen Folgen waren weit über die Grenzen des südostasiatischen Landes zu spüren: Computerfestplatten etwa (Thailand ist weltweit der wichtigste Hersteller) verteuerten sich wegen der Überschwemmungen empfindlich.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2012)
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