„Kinder haben das Recht, gesund zu leben, Geborgenheit zu finden und keine Not zu leiden.“ Am 20. November 1989 verabschiedete die UNO die Kinderrechtskonvention. 23 Jahre später leben weltweit immer noch 33 Millionen Kinder und Jugendliche auf der Straße, so Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation.
„Mein Vater hat zu uns Kindern gesagt: Wenn wir im Leben etwas erreichen wollen, dann müssen wir lernen zu arbeiten. Deshalb habe ich schon mit acht Jahren begonnen, Alkohol zu verkaufen“, erzählt Byron Vera. Der junge Ecuadorianer ist einer von jenen, die es von der Straße weg in eine bessere Zukunft geschafft haben. Vor wenigen Jahren noch obdachlos, arbeitet der gelernte Tischler heute als Erzieher im von Österreich unterstützten Straßenkinderprojekt Don Bosco in der ecuadorianischen Millionenmetropole Guayaquil.
Begonnen hat alles mit der Arbeit auf der Straße: „Nach dem Alkohol haben wir Kokosnüsse und dann Bonbons verkauft.“ Alles in allem hat Vera an einem Zwölf-Stunden-Arbeitstag umgerechnet 20 Euro für den Vater nach Hause gebracht, von dem er dann und wann geschlagen wurde. „Einmal habe ich mich im Alter von elf mit meinen Freunden getroffen, und wir haben den Tageslohn in Spielautomaten verspielt. Das ist der Startpunkt meines Lebens auf der Straße gewesen“, erinnert er sich heute. Sein heutiger Vorgesetzter im Projekt Don Bosco heißt Rubens Palacio. Der 39-Jährige ist seit acht Jahren Erzieher und kennt Vera noch als Straßenkind: „Das sind die schönsten Momente für uns, wenn wir die Früchte unserer Arbeit ernten dürfen und erleben, wie aus ehemaligen Problemkindern Vorbilder werden, und sie sich schließlich sogar als Erzieher engagieren.“
Berufswunsch Pfarrer. In den ersten Jahren im Don-Bosco-Projekt wollte Vera noch Pfarrer werden, der Berufswunsch hat sich mit der Zeit aber verändert. Stattdessen habe er sich durch die Arbeit der österreichischen Freiwilligen inspiriert gefühlt und ist selbst zunächst Volontär geworden, später zum Erzieher aufgestiegen.
Jedes Jahr werden vom Hilfswerk „Jugend Eine Welt“ vier junge Männer und Frauen nach Guayaquil entsandt, die sich für zwölf Monate freiwillig im Straßenkinderprojekt engagieren.
Raphael Krausgruber aus Mödling ist einer von ihnen und hat sich entschieden, statt Bundesheer oder Zivildienst in Ecuador mit Straßenkindern zu arbeiten. „Die Welt und ihre Armut kennenzulernen und zu verstehen, das ist mein Ansporn für den Sozialdienst in Lateinamerika gewesen“, sagt er. Er wohnt und arbeitet mit Vera in der ersten von drei zusammenhängenden Etappen des Projekts: „Byron und ich versuchen, direkt auf der Straße obdachlose Kinder auf die Anlaufstelle ,Mein Kumpel‘ aufmerksam zu machen und sie zu motivieren, sich alles zumindest anzusehen“, erzählt der 19-Jährige.
Die Kinder bekommen hier regelmäßige Mahlzeiten und einen Schlafplatz. Krausgruber: „Wir sind sechs Tage die Woche für die Burschen im Alter zwischen neun und 15 Jahren da, versuchen ihnen Grundwerte zu vermitteln, achten darauf, dass sie sich waschen, im Haushalt helfen und zeitig schlafen gehen, damit sie sich wieder auf einen geordneten Tagesablauf einstellen können.“
Für Vera ist sein heutiger Arbeitsplatz ein besonders emotionaler Ort: „Als mein Vater nur einen Tag, nachdem er mich wieder zu sich genommen hat, an einem Herzinfarkt gestorben ist, habe ich wieder von vorn beginnen müssen.“ Schließlich habe den damals Zwölfjährigen die Polizei aufgegriffen und ihn in eben jene Anlaustelle gebracht, in der er heute arbeitet.
Einer der aktuellen Schützlinge von Byron Vera und Raphael Krausgruber wird Alexandre genannt. Er ist ungefähr 15 Jahre alt. Wie er wirklich heißt und wann er genau geboren wurde, das weiß hier niemand – außer vielleicht seine Eltern, die ihn noch als Kleinkind weggeben haben.
„Ich bin im Heim aufgewachsen und habe anschließend viel Zeit auf der Straße verbracht. Jetzt habe ich dieses Leben satt und will nur eines: eine Familie, die mich liebt, und einen Nachnamen“, sagt Alexandre.
Sinnvoll beschäftigen. Eine weitere Freiwillige, die über „Jugend Eine Welt“ gerade in Guayaquil arbeitet, ist die Steirerin Mirjam Körbler. „Am wichtigsten ist es, mit den Kindern Zeit zu verbringen. Deswegen bin ich rund um die Uhr für sie da, wecke sie auf, schaue, dass sie sich waschen und anziehen, koche für die Kleinen und versuche, sie in der Freizeit so sinnvoll wie möglich zu beschäftigen“, sagt die 21-Jährige zu ihren Aufgaben in der zweiten Etappe, die die Kinder nach der Eingewöhnungsphase durchlaufen.
Wenn die Kinder ausreichend lesen, schreiben und rechnen können und ein gewisses Alter erreicht haben, steigen sie in die dritte und letzte Etappe auf. Die schulische Ausbildung wird weitergeführt, bis die ehemaligen Straßenkinder einen Schulabschluss machen können; und parallel dazu erhalten sie eine Ausbildung zu einem Handwerksberuf, sagt der Oberösterreicher Aaron Petrasch, der mit Körbler in der zweiten Etappe arbeitet.
Ziel sei es, die jungen Erwachsenen im Alter von 18 Jahren mit einer abgeschlossenen schulischen Ausbildung und einem handwerklichen Beruf aus dem Projekt entlassen zu können. „Im Wissen, dass sie dann die Chance haben, etwas aus ihrem Leben zu machen“, beschreibt Petrasch sein Ziel.
Der Chef der österreichischen Volontäre, der ecuadorianischen Erzieher und des gesamten Don-Bosco-Projekts in Guayaquil heißt Pfarrer Francisco, wird aber von den Kindern und Mitarbeitern nur Padre Paco gerufen. „Unser Straßenkinderprojekt würde ohne die Freiwilligen aus Österreich und anderen Ländern gar nicht funktionieren“, sagt der 59-Jährige.
Von der Straße an die Uni. Auch für Vera hat sich die Welt verändert: Vergangenes Jahr hat er neben seinem Job als Erzieher das Abendgymnasium erfolgreich abgeschlossen, nachdem er im Alter von zwölf nochmal neu beginnen musste, lesen und schreiben zu lernen. Im Augenblick bereitet er sich auf die Universität vor, möchte Spanisch und Literatur studieren und Straßenkindern, wie er selbst eines war, etwas beibringen.
Der größte Traum für Vera ist, einmal seine zahlreichen Freunde in Österreich zu besuchen: „Durch die jahrelange Zusammenarbeit mit österreichischen Freiwilligen kenne ich in jedem Bundesland jemanden. Leider ist es für uns Latinos extrem schwierig, Europa zu besuchen – aber vor schwierigen Herausforderungen bin ich in meinem Leben schon oft gestanden.“
Jedes Jahr engagieren sich rund 20 junge Österreicherinnen und Österreicher in Don-Bosco-Jugendzentren, in Straßenkinder- und Bildungsprojekten für Kinder und Jugendliche aus schwierigsten sozialen Verhältnissen. Seit Bestehen des Vereins haben mehr als 400 junge Menschen einen Einsatz mit „Jugend Eine Welt“ absolviert.
www.jugendeinewelt.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2012)
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