Caracas. Der Tod kam mitten in der Nacht. Hilario Valdez wurde von einem Knall aus dem Schlaf gerissen, „als hätte ein Blitz neben meinem Bett eingeschlagen.“ Der 60-jährige Mechaniker stand auf und musste feststellen, dass die Fenster seines Hauses in der Siedlung San Rafael de Punto Fijo geborsten waren. Sie konnten der gigantischen Druckwelle aus der nahegelegenen „complejo refinador de Paraguaná“ nicht standhalten. Die größte Erdölraffinerie Venezuelas explodierte am Samstag, auch hing noch eine dicke Rauchwolke über der Benzinfabrik. 39 Menschen wurden tot geborgen, mindestens 80 verletzt.
Allerdings wollten die Behörden nicht ausschließen, dass noch weitere Tote gefunden werden. Bei den meisten Opfern handelt es sich um Soldaten der Nationalgarde und ihre Familienangehörigen, deren Wohnblocks direkt neben dem Betriebsgelände aufgestellt worden waren. Weil die Soldaten ihre Dienstmarken trugen, konnte die Identifizierung schnell vonstatten gehen. Das war noch die beste Nachricht, die Venezuelas Regierung mitteilen konnte.
Angst vor Hamsterkäufen
Der Energieminister und Chef der staatlichen Ölgesellschaft PDVSA Rafael Ramirez erklärte, dass aus einem Leck Gase ausgetreten seien, die sich wegen einer tief hängenden Wolkendecke nicht verflüchtigen konnten und schließlich durch eine noch nicht identifizierte „Funkenquelle“ explodiert seien. Um Hamsterkäufe zu vermeiden, beeilte sich der Minister zu versichern, dass die unmittelbare Benzinversorgung seines Landes nicht gefährdet sei, das Treibstoffreserven für elf Tage eingelagert habe. Der beschädigte Komplex im nordwestlichen Bundesstaat Falcón werde nach zwei Tagen einen Teil seiner Produktion wieder aufnehmen können.
Schlampigkeit und kein Geld
Die Venezolaner wissen aus Erfahrung über den Wahrheitsgehalt derartiger Ankündigungen. Seit Jahren leidet der Energiesektor des Landes unter massiven Problemen, die zumeist auf schlampige Wartung, Desorganisation und vor allem mangelnde Investitionen zurückzuführen sind. Im Jahr 2010 musste der Ölstaat nach einer längeren Trockenperiode die Elektrizitätsversorgung rationieren, weil die veralteten Wasserkraftwerke – fast alle aus der Zeit vor Chávez – trocken lagen. Auch wenn die Regierung die Energiekrise für beendet erklärte, müssen viele Städte im Landesinneren bis heute immer wieder den Strom abstellen.
Der Erdölsektor – die Schlüsselindustrie des Landes mit den laut OPEC größten Ölreserven der Welt – erlebt seit Jahren eine Pannenserie: Die Explosion vom Samstag ist bereits der 19. Zwischenfall in einem PDVSA-Betrieb im Jahre 2012. Das Unternehmen selbst veröffentlicht keine Pannenstatistiken, aber die NGO „Gente de Petroleo“ hat 79 schwere Unfälle gezählt, seitdem Hugo Chávez im Jahr 2003 den Staatsbetrieb politisch säubern ließ. 10.000 der damals 18.000 gekündigten und mit Berufsverbot belegten Mitarbeiter waren Techniker. Seitdem fehlt der Firma fähiges Personal. Auch deswegen musste Venezuela zuletzt in den USA Benzin zu Weltmarktpreisen einkaufen, um es den eigenen Bürgern schließlich zum Schleuderpreis zu verkaufen. Eine Tankfüllung kostet in Caracas immer noch zwei Dollar: so viel wie eine Flasche Mineralwasser.
In seinen 14 Regierungsjahren hat Präsident Hugo Chávez in seinem Land fast alles verändert – von der Verfassung über das Staatswappen bis zur Zeitzone. Aber den Benzinpreis tastete der Comandante nicht an.
Dreitägige Staatstrauer
Angesichts der Katastrophe ordnete Chávez eine dreitägige Staatstrauer und eine rigorose Untersuchung an. In sechs Wochen will der Comandante wiedergewählt werden, seit Anfang Juli tourt er durchs Land und überrascht mit wiedererlangter Fitness nach drei Krebs-OPs. Alle Staatskanäle berichten bereitwillig über neu asphaltierte Straßen, fertiggestellte Wohnblocks und das „Weißkittelbatallion“ aus Ärzten und Pflegern in neu eröffneten Kliniken.
Doch Venezuelas Realität lässt sich eben nur schwer ausblenden. Zehn Tage vor der Explosion brach eine Brücke im Bundesstaat Miranda zusammen, ausgerechnet auf der wichtigsten Verbindungsstraße in den Osten des Landes. Kurz drauf starben bei einem Feuergefecht zwischen verfeindeten Clans im Gefängnis Yare 25 Menschen. Vor zwanzig Jahren saß dort der Putschist Hugo Chávez ein.
Der Erdölsektor – die Schlüsselindustrie des Landes mit den größten Ölreserven der Welt – erlebt seit Jahren eine Pannenserie: Die Explosion vom Wochenende ist heuer bereits der 19. Zwischenfall in einem Betrieb der staatlichen Ölfirma PDVSA. Das Unternehmen selbst veröffentlicht keine Pannenstatistiken, aber NGOs haben 79 Unfälle gezählt, seitdem Hugo Chávez 2003 den Staatsbetrieb politisch säubern ließ. 10.000 der damals 18.000 gekündigten und mit Berufsverbot belegten Mitarbeiter waren Techniker.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2012)
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