Brüssel. Die Belgier kochen vor Wut: Michelle Martin darf das Gefängnis verlassen. Die Exfrau und Komplizin des belgischen Kinderschänders und mehrfachen Kindermörders wurde am Dienstag von einem Brüsseler Gericht nach nur 16 Jahren Haft freigesprochen. In Belgien ist eine vorzeitige Entlassung möglich, wenn mindestens ein Drittel der Strafe verbüßt ist.
„Sie ist keine schlechte Frau“
Die 52-Jährige war 1996 zu 20 Jahren Haft wegen Beihilfe zum Mord, Entführung und Vergewaltigung von sechs belgischen Mädchen verurteilt worden. Nur zwei Kinder überlebten die sexuellen Misshandlungen und Peinigungen durch Marc Dutroux. Die Frau hat zwei Mädchen, die im geheimen Kellerverlies ihres Mannes eingesperrt waren, einfach verhungern lassen. Die ehemalige Lehrerin versperrte eigenhändig die Tür, hinter der die beiden achtjährigen Mädchen qualvoll starben, wie sie im Prozess aussagte. Damals saß Dutroux, von dem sich Martin 2003 scheiden ließ, bereits hinter Gittern. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.
Michelle Martin ist selbst Mutter – sie hat drei Kinder mit Marc Dutroux. Ihr 28-jähriger Sohn Frédéric sagt: „Sie ist keine schlechte Frau. Jetzt hat sie ihre Strafe abgesessen.“ Mit dieser Meinung steht er ziemlich allein da. Die meisten Belgier sind empört über den Richterspruch: Ebenso wie die Eltern der vier Mädchen, die Dutroux und Martin auf dem Gewissen haben, fordern sie, dass Martin die gesamte Strafe aussitzt. Nach der Entscheidung zur Freilassung Martins im Juli hatte es bereits zahlreiche Demonstrationen gegeben.
Die Freilassung ist an ein Dutzend Auflagen zum Aufenthaltsort, dem Verbot von Reisen und eine Psychotherapie geknüpft. Vor allem darf Martin keinen Kontakt zu den Familien ihrer Opfer aufnehmen. Die Frau hatte in den vergangenen Jahren mehrfach Anträge auf vorzeitige Haftentlassung gestellt. Erst jetzt genehmigte die belgische Justiz den Antrag, weil der Resozialisierungsplan vorsieht, dass sie künftig im Kloster lebt.
Michelle Martin wird sich nach der Haftentlassung also in das Kloster der Armen Klarissen in Malonne bei Namur zurückziehen. Der Umzug wird schon lange vorbereitet: „Ich habe bereits im Jahr 2001 Möbel meiner Tante ins Kloster von Malonne gebracht“, sagte Martins Neffe der französischen Zeitschrift „Paris Match“.
„Wir fackeln das Kloster ab“
In Belgien ist die Empörung darüber groß. Aus Angst vor Angriffen wütender Bürger riegelte die Polizei am Dienstag Michelle Martins neuen Wohnsitz ab: Das Kloster verwandelte sich in eine Festung. Die Außenmauern sind bereits mit Anti-Michelle-Martin-Slogans besprayt. „Non, non, M.M.“, steht da. Bereits mehrmals wurden die Nonnen bedroht. In anonymen Telefonaten wurden die Schwestern gewarnt: „Wir fackeln das Kloster ab.“ Die Feuerwehr von Malonne ist in höchster Alarmbereitschaft.
Der Bischof von Lüttich stellte sich inzwischen hinter die elf Nonnen des Klarissenklosters: „Es entspricht der christlichen Nächstenliebe, Frau Martin im Kloster aufzunehmen. Auch nach allem, was sie getan hat, ist sie ein Mensch.“
Der Anwalt zweier Opferfamilien kündigte an, vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg zu klagen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2012)
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