Caracas/Buenos aires. Es dauerte fast zwei Monate, bis sich die venzolanische Justiz bewegte. Erst jetzt, nachdem Berichte über ein angebliches Massaker an Indigenen in der internationalen Presse auftauchten, hat die Staatsanwaltschaft im Urwaldstädtchen Puerto Ayacucho eine Kommission berufen, die klären soll, ob es an der Südgrenze des Landes tatsächlich zu Massenmord gekommen ist.
Anfang Juli waren drei Angehörige des Yanomami-Volkes in Puerto Ayacucho aufgetaucht und zeigten an, dass Eindringlinge eine Urwaldsiedlung namens Irothateri verwüstet und alle Bewohner – Männer, Frauen und Kinder – umgebracht hätten. Die drei Männer, die mehrere Tage und Nächte zu Fuß marschiert waren, um in die Stadt zu gelangen, gaben an, sie hätten überlebt, weil sie zum Zeitpunkt des Angriffs im Wald auf der Jagd gewesen seien.
Die Yanomamis leben in Gruppen von üblicherweise etwa 80 Personen zusammen und wohnen in ringförmigen Gemeinschaftsbauten, den sogenannten „Shabonos“. Weil also angeblich nur drei Männer der Siedlung Irothateri überlebten, müssen die Behörden mit etwa 80 Toten rechnen.
„Glücksritter“ aus Brasilien
Nach Angaben der Zeugen waren die mörderischen Eindringlinge sogenannte „Garimpeiros“ aus Brasilien – Glücksritter, die in immer abgelegeneren Gegenden des Amazonas nach Gold schürfen, ohne dabei irgendwelche Rücksichten zu nehmen auf Flora, Fauna und Urbevölkerung. Immer wieder kommt es zu gewaltsamen Begegnungen zwischen den illegalen Goldsuchern und den Indigenen, schon seit den 1980ern dringen brasilianische Goldsucher nach Venezuela ein. 1993 starben bei einem Massaker 16 Indigene.
Der venezolanische Staat versuchte zu reagieren und gründete mehrere Militärbasen entlang der Grenze im Urwald. Doch in der grünen Unendlichkeit des Alto Orinoco ist eine effektive Grenzkontrolle kaum möglich.
Der massive Anstieg der Goldpreise in den vergangenen Jahren hat das Problem deutlich verschärft. Im Vorjahr verstaatlichte Venezuelas Regierung den gesamten Goldhandel. Doch auch das konnte die Exzesse im Regenwald nicht eindämmen. „Aufgrund des Goldbooms kommen immer mehr illegale Goldsucher in das Gebiet, und das zieht alle möglichen Formen von organisierter Kriminalität nach sich“, sagt ein Anwalt, der die Rechte indigener Gruppen im Süden Venezuelas vertritt. Er möchte aus Angst vor Repressalien seinen Namen nicht nennen. „Das ist eine Realität im gesamten venezolanischen Bundesstaat Amazonas und betrifft nicht nur die Yanomami.“
Urvolk auf modernen Schätzen
Dieses Volk umfasst in Venezuela derzeit etwa 15.000 Menschen, die in rund 200 Siedlungen leben, in den Urwäldern der Bundesstaaten Amazonas und Bolívar. Ihre traditionelle Lebensweise – jagen, fischen und sammeln – ist massiv bedroht, weil unter dem Boden, den sie als den ihren ansehen, erhebliche Schätze vermutet werden. Im südlichen Orinoco-Becken lagert nicht nur Gold, sondern auch Diamanten und das äußerst seltene Metall Coltan, das in der Herstellung von hochwertigen Elektronikprodukten verwendet wird. Venezuelas Präsident Hugo Chávez taxierte vor der Nationalversammlung seines Landes den Wert der venezolanischen Coltan-Vorkommen auf „mindestens 100 Milliarden Dollar“.
Ausbeutung und Vertrieb dieser teuren schwarzen Steine sind fest in Händen von illegalen Gruppen: von Drogenhändlern, korrupten Militärs und – so behaupten US-Geheimdienste – auch der kolumbianischen Farc-Guerilla. Das sind übermächtige Gegner für die Urvölker des Amazonas.
Die Yanomami sind ein indigenes Volk in den Urwäldern im Grenzgebiet zwischen Brasilien und Venezuela. Ihre Zahl soll in beiden Ländern etwa 20.000 bis 30.000 betragen, ihre Kultur wird als recht kriegerisch beschrieben. [ddp.de]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2012)
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