Berlin/Gau. Ein Berliner Rabbiner wird von vier Jugendlichen auf der Straße krankenhausreif geschlagen, seine Tochter mit dem Tod bedroht – es hat einer besonders spektakulären Straftat bedurft, um das Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit auf ein schlimmes Faktum zu richten: Die Gewalt gegen jüdische Mitbürger nimmt zu.
Allein im zweiten Quartal wurden 197 Straftaten mit antisemitischem Hintergrund verübt. Traditionell werden solche Verbrechen im rechtsextremen Milieu verortet. Meistens geht es um Schmierereien, Beschimpfungen oder Sachbeschädigungen. In letzter Zeit aber kommt es immer häufiger zu körperlichen Attacken. Hier sind die Täter meist junge Migranten arabischer Herkunft – so wie sehr wahrscheinlich auch im Fall des Rabbiners in Berlin. Ein bitteres Detail: Gerade er hat sich seit Jahren für den interreligiösen Dialog auch mit Muslimen engagiert.
Die zunehmende Aggression schafft ein Klima der Angst in der jüdischen Gemeinde. Ein anderer Berliner Rabbiner erzählte im Radio, auch er sei schon angriffen worden und erhalte beleidigende E-Mails. Deshalb trage er in der Öffentlichkeit die Kippa nicht mehr. Auch ein Kolleg in Potsdam, das 28 Rabbiner ausbildet, rät seinen Studenten, draußen auf die traditionelle jüdische Kopfbedeckung zu verzichten.
Ein Sprecher der Berliner FDP mahnte, man dürfe den unter „muslimischen Migranten offen vorgetragenen Antisemitismus nicht weiter ignorieren“. Der Zentralrat der Juden forderte von muslimischen Verbänden mehr Engagement „gegen den Antisemitismus in den eigenen Reihen“. Worte des Mitgefühls seien zwar schön, „aber Taten wären auch wichtig“. Maria Böhmer (CDU), die Integrationsbeauftragte der Regierung, rief die Bevölkerung zu mehr Zivilcourage auf.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2012)
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