Der frühere Contergan-Hersteller Grünenthal hat sich erstmals bei den Opfern des Arzneimittelskandals entschuldigt. Bei der Einweihungsfeier für das wohl erste Denkmal für die Opfer sagte Grünenthal-Geschäftsführer Harald Stock am Freitag in Stolberg bei Aachen, es sei bedauerlich, dass Grünenthal nicht früher auf die Opfer zugegangen sei. "Darüber hinaus bitten wir um Entschuldigung, dass wir 50 Jahre lang nicht den Weg zu Ihnen, von Mensch zu Mensch, gefunden haben. Stattdessen haben wir geschwiegen."
Das Schlafmittel Contergan, das Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre verkauft wurde, führte dazu, dass tausende Frauen schwer missgebildete Kinder zur Welt brachten. Denn vor allem viele Schwangere nahmen das Medikament ein, weil es gegen Übelkeit in der Schwangerschaft half. Contergan enthält den Wirkstoff Thalidomid, der in den Wachstumsprozess Ungeborener eingreift.
Opfer als "soziale Bittsteller"
Anerkannte Opfer erhalten bis heute finanzielle Leistungen von der 1972 gegründeten Conterganstiftung. Viele Betroffene sind jedoch eigenen Angaben zufolge trotzdem auf Sozialhilfe angewiesen. Es sei "unerträglich", dass Menschen, die tägliche Hilfe beim An-und Ausziehen, bei der Arbeit oder beim Toilettengang bräuchten, vor den Behörden als "soziale Bittsteller" dastünden, sagte Gernot Stracke, der Vorsitzende des Hilfswerks für Contergan-Geschädigte in Hamburg, vor einem Jahr anlässlich der 50-jährigen Marktrücknahme des Medikaments im Deutschlandradio Kultur.
Menschen, die wegen Contergan mit Behinderungen - etwa ohne Arme oder Beine - geboren wurden, erhalten laut Stracke derzeit eine monatliche Ausgleichszahlung der Conterganstiftung von etwa 300 bis maximal 1127 Euro. Bis 2008 habe der Höchstbetrag etwa 540 Euro betragen, sagte er dem Sender. Erst nach der Ausstrahlung des WDR-Films "Eine einzige Tablette" seien die Zahlungen des Bundes und Grünenthals erhöht worden.
Weltweit rund 10.000 Opfer
Weltweit schätzt man die Zahl der mit Schädigungen geborenen Kinder auf rund 10.000. In der BRD waren es zwischen 3000 und 4000, manche Quellen sprechen von 5000. Aus Österreich sind neun Fälle bekannt. Dass man in Österreich mit einem "blauen Auge" davonkam, wurde von auf die damals sehr restriktive Handhabung der Rezeptpflicht in Österreich zurückgeführt. "Softenon" - dieser Name wurde für das Produkt in Österreich verwendet - war im Gegensatz zur BRD in der Alpenrepublik immer rezeptpflichtig.
(APA/Red.)
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