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Costa Concordia: Badespaß beim Todeswrack

01.09.2012 | 18:16 |  von paul kreiner (Die Presse)

Nach der Havarie des Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia im Jänner vor dem Hafen der toskanischen Insel Giglio fürchtete man im Ort das Ausbleiben der Touristen. Jetzt kommen allzu viele.

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Dass die hellbraunen Granitklippen zum Liegen sonderlich bequem wären, hat noch niemand behauptet. Die Urlauber schreckt es dennoch nicht ab. Viele kommen, breiten ihre Badetücher aus, sonnen sich, springen ins türkisblaue Wasser, schnorcheln Fischen hinterher oder schauen einfach aufs Meer, wo Motorboote Schaumspuren über die Wellen ziehen und weiße Segelboote still vorübergleiten. Fröhliche Szenen vor der toskanischen Insel Giglio, ein Amalgam aus Spätsommer, Ferien und Mittelmeer.

Gleich neben dem Hafen ist zum ruhigen Planschen sogar ein eigener Pool entstanden. Große Wellen kommen hier nicht rein, dafür sorgen gelbrote Ölsperren, die sich kilometerweit in einem Bogen durchs Wasser ziehen. Denn draußen, keine 100 Meter vor der Badebucht, liegt, in immer noch blendendem Traumschiffweiß, das Wrack des Jahres: die „Costa Concordia“.

Erste Rostspuren. Aber wie klein sie jetzt ist! Sieben Monate, seit sie hier am 13.Jänner gestrandet ist, hat der Kreuzfahrtriese mit seinen 290 Meter Länge bei Hochhaushöhe das Bild der Insel beherrscht. Jetzt ist eine bullige Arbeitsplattform vor dem Schiff aufgefahren, mehr als 100 Meter lang, mit turmhohen Kränen, die das Wrack überragen. Daneben wirkt das Schiff wie Spielzeug. Erste Rostspuren sind zu sehen.

Die Bergung beginnt also definitiv. „Gut geht's voran“, sagt Ingenieur Alessandro Vettori, der im aufgeknöpften weißen Hemd vor der Bar „Fausto“ an der Hafenpromenade sitzt. Auf Vettori stößt, wer sich beim Bergeunternehmen „Titan-Micoperi“ nach dem Stand der Dinge erkundigt. Vettori gehört zur Reederei Costa, daher versichert er in jedem dritten Satz, seine Firma scheue keine Kosten, der Insel ihre Unberührtheit zurückzugeben. Die Bergung, das berechnete ein TV-Sender, werde locker so teuer werden wie ein neues Kreuzfahrtschiff: etwa ab 400 Millionen Euro aufwärts. Aber Vettori sagt: „Das Geld war das letzte aller Kriterien.“

Die Bergearbeiten sind allerdings in Verzug: Ende Juli, hieß es anfangs, sollten an Land Betonpfähle in den Boden gerammt und das Wrack mit Stahlseilen an ihnen gesichert sein, dass es nicht weiter ins Meer rutschen könne. Die Bohrungen begannen aber erst dieser Tage, denn die Sondierungen hätten eine „ingenieurtechnische Verfeinerung“ der Pläne erzwungen. Und immerhin, so Vettori, sei es die größte Bergeaktion der Seefahrtsgeschichte.

Das Abschleppen der Concordia bis zum Jahrestag der Havarie im Jänner geht sich nicht aus. „Ende Frühjahr 2013“ lautet der neue Termin, und selbst wenn das Schiff, aufgerichtet und umgeben von einem Schwimmreifen aus Containern, entschwindet, soll es vier Monate dauern, bis der Meeresboden aufgeräumt und mit Seegras begrünt ist. Auf Giglio sieht man schon die zweite Touristensaison gefährdet.

Alle kommen Wrackschauen. Aber was heißt „gefährdet“? „So viele Tagestouristen hatten wir noch nie“, sagt eine Verkäuferin am Hafen. „So richtig trauen sie's sich nicht zu sagen, aber alle kommen, um das Schiff zu sehen.“ Die Ausflüge vom Festland auf die 15 Kilometer vorgelagerte Insel seien „ein richtiges Business“ geworden, sagt die gebürtige Wienerin Gertraud Lang-Schildberger, die seit Jahrzehnten hier Wohnungen und Häuser vermittelt. „Früher war Giglio sehr elegant, ruhig, etwas für Einzeltouristen, für Dauermieter, die vier Wochen blieben. Giglio war auch immer teurer als Rimini oder Riccione drüben an der Adria. Heute kommen die Leute gruppenweise, für einen halben Tag, nur wegen der Concordia.“

Anfangs hatten die „Gigliesi“ befürchtet, der Blick auf ein Wrack – eine Erinnerung an eine Katastrophe mit 32 Todesopfern und Todesangst für mehr als 4200 Reisende – könnte Gäste abschrecken. Heute, erzählt Lang-Schildberger, seien die Stammkunden wegen des Wracks nicht besorgt, und schon gar nicht wegen einer möglichen Umweltverschmutzung, sondern darüber, dass die Insel überlaufen würde.

„Womit wir das verdient haben, weiß ich nicht“, sagt Samantha Brizzi, die hochgewachsene, rothaarige Präsidentin des Tourismusverbandes. „Was wir früher zu wenig an Publizität hatten, haben wir jetzt im Übermaß. Jüngst rief mich ein Professor aus Oxford an; ihm hatten Bewohner der Falklandinseln im Südatlantik auf der Weltkarte gezeigt, wo Giglio liegt.“ 2000 bis 3000 Besucher kämen pro Tag, ausgerüstet nur mit dem Nötigsten, das man zum Baden braucht. Hoteliers und Geschäftsleute hätten nichts davon: „Die Leute bringen ihr Picknick mit, kaufen höchstens eine Pizza und kaum Souvenirs.“

Ein Euro Eintritt pro Tagesgast.
Seit Juli nimmt die Gemeinde einen Euro Eintritt pro Tagesgast – auch, wie Bürgermeister Sergio Ortelli sagt, um Wracktouristen abzuschrecken. Das wirkt aber nicht. Umgekehrt, so Brizzi, werden heuer die 15.000 Betten erstmals nicht ausgelastet sein. Doch mit dem Wrack habe das nichts zu tun, eher mit der Wirtschaftskrise. Man bewahrte aber Charakter: Die lokalen Postkarten zeigen lauschige Buchten, Giglio vor dem Sonnenuntergang und mit Schnee im Winter. Die Costa Concordia als Motiv fehlt. „Keiner von uns wollte sich an Wracksouvenirs bereichern. Das ist geschmacklos“, erklären die Geschäftsleute.

Auf den Klippen sitzen drei Frauen und schauen zum Wrack. Es sind Tagesgäste, die aus Ostdeutschland stammen. Ihre Männer schwämmen im Wasser, sagen sie, sie selbst wollten nicht hinein, weil sie es „etwas komisch“ fänden, hier zu baden, wegen der Toten von damals.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2012)

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