Spaniens Besitzungen an der Küste Marokkos drohen zum Fluch zu werden: Menschenschlepper haben in jüngster Zeit mehrere winzige Felseninseln dort als Einfallstor für die illegale Einwanderung nach Europa entdeckt. Spanien versucht, durch eine harte Abschiebepolitik den Sturm auf seine Außenposten zu stoppen.
Der jüngste Vorfall begann vorige Woche, als etwa 80 Afrikaner auf die Isla de Tierra übersetzten – was nicht schwer ist, denn diese nur 1,7 Hektar große, baumlose, unbewohnte Erhebung (s. Karte) liegt nur etwa 110 Meter vom marokkanischen Strand entfernt, die Grenze im Wasser ist in der Mitte. Sie hofften, von diesem unwirtlichen Flecken aufs spanische Festland gerettet zu werden, doch in der Nacht auf Dienstag landeten Polizisten und brachten die meisten nach Marokko. Nur 16 Personen – Frauen und Kinder – kamen in ein Lager in der nahen Exklave Melilla. Die Räumung sei ohne Probleme verlaufen, hieß es.
Eine Insel wie eine Burg
Tierra gehört zur Inselgruppe Alhucemas, die in Sichtweite der marokkanischen 200.000-Einwohner-Stadt Al Hoceima liegt. Der Archipel zählt drei Inseln, wovon nur eine, Alhucemas selbst, besiedelt ist, nämlich von einer kleinen Garnison. Die wie eine Burg anmutende Insel sieht bei Nacht aus wie ein hell beleuchteter Flugzeugträger.
Ähnliche Landungen gab es in den vergangenen Wochen auf weiteren solchen Inseln. Mindestens fünf Boote mit insgesamt 250 Afrikanern erreichten Alborán rund 50 Kilometer vor Marokko, dort gibt es nur einen Leuchtturm und ein Flugfeld. Weitere Kähne landeten auf den nahen Islas Chafarinas, wo es nur eine Garnison gibt.
Mit der raschen Abschiebung der meisten Flüchtlinge setzte Spanien, das seit Jahren gegen illegale Migration kämpft, auf Abschreckung. Nachahmer sollen sehen, dass auch der Weg über diese Felsen zu ist. „Wir können uns nicht erpressen lassen“, begründete ein Sprecher der Regierung den Kurswechsel: Frühere Inselflüchtlinge konnten nämlich damit rechnen, in Lager auf dem Festland oder in den Städten Ceuta und Melilla an Marokkos Küste aufgenommen zu werden. Madrid hatte aber auch Glück, dass Marokkos König Mohammed VI. mitspielte: Ihm sind die spanischen Besitzungen ein Dorn im Auge, schon lange fordert er deren „Rückgabe“ an Marokko.
Inseln kaum zu sichern
Der Strom von Afrikanern, von denen Tausende in Marokko auf eine Fluchtchance nach Europa warten, diente ihm diesbezüglich schon oft, wenngleich erfolglos, als Druckmittel. Spanien fürchtet, dass weitere Flüchtlinge auf die Mini-Inseln drängen; eine aufwendige Grenzsicherung wie in Ceuta und Melilla wäre aber kaum möglich, denn die Hafenstädte mit je rund 80.000 Bewohnern, die als Exklaven landseitig von Marokko umgeben sind, werden mit Stacheldraht und Mauern abgeschirmt. Dennoch überwinden jedes Jahr hunderte Migranten den Wall oder schwimmen in die Städte – 2011 kamen mehr als 3300 nach Ceuta und Melilla. Beide sowie alle Mini-Inseln mit Ausnahme von Alborán und Isla de Perejil sind „Plazas de Soberanía“ (Hoheitsplätze) und unterstehen der Regierung in Madrid. Melilla ist seit 1497 spanisch, Ceuta gehörte ab 1415 zu Portugal, ab 1580 zu Spanien, Marokkos Herrscher arrangierten sich damit.
Die Inselchen kamen auf verschiedenen Wegen zu Spanien: Alhucemas wurde 1560 von Marokkos Sultan abgetreten, aus Dank für Spaniens Hilfe gegen die Türken; die Chafarinas wurden 1848 besetzt, um den Franzosen zuvorzukommen; der Peñón de Vélez de la Gomera wurde 1508 Piraten entrissen – auch hier steht nur eine Militärbasis, wobei der Flecken eine Halbinsel mit einer kaum 100 Meter breiten Landbrücke zu Marokko ist.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2012)

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