Ein britischer Tourist war mit seinem Fahrrad auf einem Waldweg bei Chevaline auf einer Anhöhe südlich von Annecy in den französischen Alpen vorbeigekommen. Was er dort am Mittwochnachmittag entdeckte und bei seinem Anruf bei der Polizei beschrieb, war grauenhaft.
In einem geparkten BMW mit britischer Nummer und laufendem Motor befanden sich drei erschossene Erwachsene: zwei Frauen, ein Mann. Daneben lag ein schwer verletztes siebenjähriges Mädchen und etwas weiter weg ein erschossener Radfahrer. Er stammte aus der Gegend, angeblich ein 40-jähriger Vater, der eben auf Väterkarenz war, er war wohl zufällig Zeuge und von den Killern mit Kopfschüssen aus einer automatischen Waffe gezielt getötet geworden.
Neben dem Fahrzeug lagen zahlreiche Patronenhülsen. Bei den Toten im Auto handelt es sich um den Vater, die Mutter und die Großmutter einer in Großbritannien lebenden Familie, die auf einem noblen Zeltplatz in Saint-Jorioz am Ufer des Sees von Annecy Ferien machte. Das siebenjährige Mädchen wurde anscheinend nicht durch Schüsse, sondern durch Schläge verletzt und soll nicht mehr in Lebensgefahr schweben.
Kind lag stundenlang unter Leiche
Die Meldung vom Massaker hatte Frankreich und Großbritannien bereits am Mittwochabend schockiert, erst recht perplex war man, als am Donnerstagmorgen die Polizei bekannt gab, dass sie kurz nach Mitternacht, rund acht Stunden nach dem Eintreffen am Tatort, ein zweites Mädchen entdeckt habe. Es sei hinter den Beinen seiner toten Mutter versteckt gewesen und unverletzt, aber völlig verstört gewesen und habe Englisch gesprochen. Der Staatsanwalt von Annecy, Eric Maillaud, teilte mit: „Das Kind hat Lärm und Schreie gehört, konnte aber nicht mehr sagen. Es ist erst vier Jahre alt.“
In Zeitungen wird gefragt, wie es kommen konnte, dass man die Kleine so spät fand. Kriminalexperten erklärten, zuerst sei die Feuerwehr eingetroffen und habe den Tod der Erwachsenen festgestellt und die Siebenjährige weggebracht. Danach sei der Tatort abgesichert worden, für die Spurensicherung habe man vorschriftsgemäß auf die Spezialisten aus Paris gewartet. Die Polizei wusste bereits, dass die Familie eine zweite Tochter hatte, sie suchte diese überall – nur nicht im Auto.
Wie ihre siebenjährige Schwester steht die Vierjährige jetzt unter starkem Polizeischutz im Spital von Grenoble. Von den Mädchen erhofft man sich Hinweise auf den Hergang der Tat; hinsichtlich des Motivs tappen die Ermittler im Dunkeln. Bisher weiß man, dass die Familie in einem Vorort Londons ihren Wohnsitz hatte. Der Vater sei ein 50-jähriger Iraker gewesen, die ältere Frau hatte einen schwedischen Pass.
Informationen erwarten die Behörden des Départements Haute-Savoie von ihren britischen Kollegen, die das Haus inspizierten. Britische Medien spekulieren, die Tat könnte Folge eines misslungenen Überfalls oder von Blutrache gewesen sein. Britischen Nachbarn auf dem Zeltplatz war nichts Verdächtiges aufgefallen. Einen Hinweis erhielt die Polizei von dem Radler, der sie alarmiert hatte. Er will ein weißes Auto gesehen haben, das vom Tatort wegraste.
Historische Parallele
Das Verbrechen hat eine unheimliche historische Parallele: Am 4. August 1952 wurde eine britische Familie, die in derselben Region campierte, umgebracht. Die Eltern hat man erschossen, der zehnjährigen Tochter den Schädel zertrümmert. Tatverdächtig war bald die Bauernfamilie Dominici, die in der Nähe einen Hof hatte, ihr 75-jähriges Oberhaupt wurde zum Tod durch die Guillotine verurteilt, aber von Präsident Charles de Gaulle begnadigt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2012)

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