Berlin/Gau. Daniel Alter lässt sich nicht unterkriegen. Erst vor wenigen Tagen haben ihm muslimische Jugendliche das Jochbein zertrümmert und seine siebenjährige Tochter mit sexueller Gewalt bedroht. Doch kaum aus dem Spital entlassen, erhebt der Berliner Rabbiner das Wort. Die Situation sei „hochdramatisch“, erklärte er der Auslandspresse.
Auf dem Spiel stehe die Demokratie in Deutschland: „Es gibt Gegenden und Stadtteile, in denen Cliquen und Subkulturen das Grundgesetz außer Kraft setzen.“ Diese Gruppen „haben dort gewaltbereiten Hass an die Macht gebracht“. Nicht nur Kippa tragenden Juden, auch Schwarzen oder Angehörigen anderer Minderheiten würden „die Grundrechte verweigert“. Das empfindet der 53-Jährige als viel bedrohlicher als den latenten Antisemitismus, den laut soziologischem Befund ein Viertel aller Deutschen hegen und pflegen. Einen bösen Blick einfangen, ein dummes Wort aufschnappen, geschnitten werden: Solche Animositäten müssen Juden seit jeher erdulden. Das sei „nervtötend, aber nicht bedrohlich“. Bildung und Aufklärung könnten helfen, die Vorurteile abzubauen.
Jüdische Gemeinde wächst
Ganz anders bei muslimischen Jugendlichen aus Neukölln oder Moabit, die verbal und jetzt auch physisch attackieren. Bei ihnen „bleiben Aufklärungskampagnen völlig wirkungslos“, weil sie „von salafistischen Hasspredigern oder Hisbollah-Sendern manipuliert und aufgehetzt werden“.
Alter kann sich an keinen einzigen antisemitischen Konflikt in Kindheit oder Schule erinnern. Doch die Zeiten hätten sich geändert: „Verbale Attacken gehören heute zum Alltag aller Juden in Berlin.“ Gegen die „rohen und primitiven“ Beschimpfungen stumpfe er ab, „sonst wird du meschugge“.
Die jüdische Gemeinde in Deutschland ist in den letzten 20 Jahren stark gewachsen, von 27.000 auf über 100.000 Mitglieder. Es gibt wieder zwei Rabbinerseminare. „Wir sind wieder präsenter“, sagt Alter, „und das ist auch gut so.“ Aber sollte die Gewalt weiter zunehmen, wäre es wohl für viele Juden „richtig zu fragen: Ist das noch mein Platz?“ Der Rabbiner selbst beteuert stolz: „Ich habe keine Angst.“ Die „stumpfsinnigen Schläger“ würden ihr Ziel nicht erreichen. Was ihm extrem helfe, sei „die wundervolle Welle an Solidarität aus der Mitte der Gesellschaft“.
Am Wochenende fand ein „Kippa-Flashmob“ mit über 1000 Teilnehmern statt. Auch Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit trug demonstrativ die traditionelle jüdische Kopfbedeckung. Besonders gefreut hat sich Alter über den starken Rückhalt in seiner Nachbarschaft. Vor Kurzem besorgte sich ein Mann seine Telefonnummer, um ihm mit warmherzigen Worten sein Bedauern auszudrücken. Der Rabbi kennt den Mann, er betreibt in der Nähe einen Sushi-Laden. Und er ist Türke.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2012)
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