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Die geheimen Tonbänder der IRA

09.09.2012 | 18:16 |  von Siobhán Geets (Die Presse)

Ein Exmitglied der Irisch Republican Army interviewte ehemalige Kämpfer. Die britische Regierung versucht nun, eine Herausgabe der Tonbänder zu erzwingen.

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Dublin. Die Geschichte liest sich wie der Plot eines Politkrimis, sie erzählt vom Tod einer zehnfachen Mutter, von ehemaligen Kämpfern der IRA, und von einem der bisher größten Angriffe auf den wissenschaftlichen Quellenschutz.

Alles begann mit dem „Belfast Project“ der irischen Zweigstelle der US-Universität Boston College: Unter der Leitung des irischen Journalisten Ed Moloney interviewte Ex-IRA-Mann Anthony McIntyre von 2001 bis 2006 ehemalige Kämpfer der katholischen und protestantischen Paramilitärs. „Wir wollten mehr über Moral und Perspektiven jener erfahren, die sich am bewaffneten Kampf in Irland beteiligten“, sagt McIntyre im Gespräch mit der „Presse“. „Die Briten haben den Krieg gewonnen und die Geschichte geschrieben. Wir wollten einen alternativen Diskurs aufzeigen, andere Narrative.“

 

Infos zu Mordfall vor 30 Jahren

Das Boston College garantierte den Befragten, die Tonbänder bis zu ihrem Tod unter Verschluss zu halten. 2010 veröffentliche Moloney das Buch „Voices from the Grave“, es beruht auf McIntyres Interviews mit dem 2008 verstorbenen IRA-Mann Brendan Hughes sowie dem protestantischen Kämpfer und späteren Politiker David Ervine. Vor seinem Tod verriet Hughes Details über Menschen, die noch am Leben sind, darunter Ex-IRA-Mann Gerry Adams, heute Sinn-Féin-Abgeordneter des nordirischen Unterhauses.

Das Buch erregte die Aufmerksamkeit der britischen Behörden: Seit März 2011 versucht die nordirische Polizei, eine Übergabe der Tonbänder zu erzwingen. Die britische Regierung erhofft sich dadurch Informationen zum Mord an der zehnfachen Mutter Jean McConville. Sie soll Informantin des britischen Geheimdiensts gewesen und 1972 von der IRA getötet worden sein. McConvilles Leiche wurde erst 2003 gefunden, der Fall nie restlos geklärt. Besonders die Interviews mit Dolours Price sollen hier Klarheit schaffen. Die ehemalige IRA-Kämpferin hat behauptet, McConville nach ihrer Entführung zum Ort ihrer Ermordung gefahren zu haben. Pice erhob schwere Vorwürfe gegen Sinn-Féin-Politiker Gerry Adams: Er sei damals befehlshabender IRA-Offizier gewesen und habe McConvilles Erschießung höchstpersönlich angeordnet. Adams bestreitet die Geschichte.

 

Fall vor US-Supreme Court

Die Affäre zieht sich bis in die amerikanische Politik: Weil das Boston College seinen Sitz in Massachusetts hat, wurde der Fall auch dort verhandelt. 2011 entschied das Bezirksgericht im Sinn der Polizei und forderte das Boston College auf, die Bänder herauszugeben. Einige Politiker, darunter Massachusetts' Senator John Kerry und der Kongressabgeordnete Joseph Crowley, baten Außenministerin Hillary Clinton einzugreifen und die Strafanordnungen zurückzunehmen – bisher ohne Erfolg. Moloney und McIntyre wollen den Fall nun vor den Obersten Gerichtshof der USA bringen. Seit vergangenen Freitag wird auch in Belfast verhandelt, ob die nordirische Polizei überhaupt das Recht hat, die Herausgabe der Bänder zu erzwingen. „Immerhin bringen sie dadurch nicht nur uns Forscher in Gefahr, sondern auch die Interviewten“, sagt McIntyre. Gewinnt die Polizei den Fall, würden ehemalige Kämpfer festgenommen und vor Gericht gestellt werden. Außerdem hätte es Folgen für den Journalismus: „Wenn der Quellenschutz nicht besteht, wer würde noch Insiderinformationen preisgeben? Es hätte eine abschreckende Wirkung.“

 

Todesdrohungen an „Verräter“

McIntyre befürchtet auch, dass sich der Ärger gegen ihn verschärfen würde. Schon nach der Veröffentlichung des Buches schrieben Zeitungen, dass in republikanischen Kreisen die Rede davon sei, ihn zu töten: „Sie werfen mir vor, ein Informant der Briten zu sein.“ McIntyre befürchtet, dass ihm dasselbe Schicksal drohen könnte wie dem IRA-Mann Denis Donaldson: Er wurde 2006 von der IRA ermordet, weil er sie verraten hatte.

Was McIntyre besonders ärgert ist, dass die Polizei es ablehnt, ihre eigenen Dokumente zu den Fällen herauszugeben: „Sie sagen, dass es ihre eigene Sicherheit gefährden würde. Das ist pure Heuchelei.“

Zur Person

Anthony McIntyre, Jg. 1957, trat als 16Jähriger der IRA bei und saß insgesamt 18 Jahre im Gefängnis. Er verließ die IRA, als ihr politischer Arm Sinn Féin 1998 dem Karfreitagsabkommen zustimmte. 1999 machte er seinen Doktor in Geschichte und Politik. Heute ist McIntyre Journalist und schreibt unter anderem für den britischen „Guardian“ und seinen eigenen Blog www.thepensivequill.am

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2012)

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