Marseille. Wo geht es also zur Front? Von einem „Bandenkrieg“ im Norden von Marseille war im französischen TV die Rede: Hinrichtungen auf offener Straße, verbrannte Leichen, schweigende Zeugen. Der Konflikt zwischen Drogenbanden eskaliert, 14 Menschen starben seit Jahresbeginn.
Der fast 70-jährige Taxifahrer, der sich „Monsieur Josi“ nennt, lacht nicht. Er schimpft über die Polizei, die nie dort sei, wo man sie brauche. Er bestätigt gern, es gebe da ein paar „Cités“, Hochhaussiedlungen mit Sozialwohnungen, zu denen er auch am Tage nicht gern und nachts „ganz sicher nicht“ hinfahre. Er sei nicht der Einzige. Auch Ärzte, Sozialhelfer, die Feuerwehr und selbst die Polizei meide gewisse Gegenden. Auf dem vom Fremdenverkehrsamt verteilten Stadtplan fehlen diese Quartiere, als könnte so ihre Existenz geleugnet werden.
Drogenhandel als größter Arbeitgeber
Eine „unsichtbare Mauer“ trenne den Norden vom Rest der Stadt , erklärt Samia Ghali. Sie ist Senatorin und Bezirksbürgermeisterin des 15. und des 16. Arrondissement, die zu dieser gemiedenen Zone gehören. Noch schlimmer sei es, dass diese Grenze in den Köpfen existiert. „Wenn die Leute von hier ins Zentrum an der historischen Geschäftsstraße Cannebière und rund um den Alten Hafen fahren, sagen sie: Wir gehen nach Marseille runter, als würden sie selbst nicht zu dieser Stadt gehören.“
Das Rathaus des Außenbezirks, in dem Ghali empfängt, liegt am Rande eines Parks und hat einen hübschen Innenhof, der von der spätsommerlichen Sonne in das für die Provence so typische milde Licht getaucht wird. Das stimmt Ghali nicht versöhnlicher. Sie bedaure es, dass ihre Stadt Marseille wegen einer Serie von blutigen Abrechnungen traurige Berühmtheit erlangt hat, aber sie räumt ein: „Die Wahrheit ist, dass der Drogenhandel heute der größte Arbeitgeber der Jungen in diesen Quartieren im Norden von Marseille ist und indirekt ganze Familien ernährt. Aber Dealen ist kein Beruf und hat keine Zukunft.“ In diesem Sommer ist der Sohn ihrer besten Schulfreundin auf offener Straße erschossen worden.
Provokation für Parteikollegen
In einem Interview mit der Lokalzeitung „La Provence“ hat Ghali unlängst den Einsatz der Armee angefordert und so Schlagzeilen gemacht. Das Militär solle Dealer entwaffnen und den Zugang zu diesen „Supermärkten des Drogenhandels“ blockieren. „Ohne Nachfrage kein Angebot“, lautet ihre Logik zur Bekämpfung der Untergrundökonomie.
„Soll ich dir etwa die zweite Panzerdivision schicken?“, habe sie der Innenminister, ihr sozialistischer Parteikollege Manuel Valls, am Telefon spitz und spöttisch gefragt. „Die Provokation ist mir jedenfalls gelungen, und das war natürlich auch der Zweck der Übung“, gesteht sie mit unverhohlener Genugtuung. Seit ihrem Aufschrei der Empörung über die eskalierende Gewalt wird die 44-jährige dunkelhaarige Frau zu Talkshows eingeladen und interviewt. Viele Bewohner der betroffenen Quartiere bleiben der Meinung, so abwegig sei ihr Vorschlag nicht, Soldaten einzusetzen, um einen „Bandenkrieg“ zu beenden. „Immerhin, wir sind doch nicht in Chicago“, relativiert Aurélie Masset, eine Vereinsverantwortliche aus dem Quartier Bassens, in dem auch ihre Freundin Ghali aufgewachsen ist. Statt der Armee bekommt Marseille vorerst „nur“ 205 zusätzliche Ordnungshüter und einen neuen Polizeichef. Dabei soll es nicht bleiben, versprach Premier Jean-Marc Ayrault bei seinem Besuch vergangene Woche.
Ruf nach „Marshallplan“
Karima Berriche (50) ist seit vielen Jahren Leiterin des Sozialhilfezentrums „Agora“ im Quartier La Busserine, das als erste „Zone urbaine prioritaire“ Frankreichs längst zum sozialen Notstandsgebiet erklärt worden ist. Berriche kennt alle Facetten der Misere und die Geschichte der Häuserblocks, in denen rund 16.000 Menschen leben. Ein Drittel der 3900 Haushalte entfalle auf alleinerziehende Mütter. Schon die Frage, ob die Eltern nicht wegen mangelnder Autorität mitverantwortlich seien für die kriminellen Fehltritte ihrer Kinder, bringt sie in Rage.
Wer so rede, kenne überhaupt nichts von der Realität. Sie hält ein Plädoyer gegen die Politik der letzten fünf Jahre – Sarkozys Präsidentschaft –, die die Lage drastisch verschlimmert habe. Was diese Quartiere im Norden bräuchten, sei nicht die Armee, sondern eine Art „Marshallplan“, um einen „akkumulierten Rückstand von dreißig Jahren“ aufzuholen. Doch ob die neue Regierung in Paris bereit ist, einen solch maßgeblichen Plan zu schmieden, ist ebenfalls fraglich.
14 Tote seit Jahresbeginn forderte der Bandenkrieg in Marseille bisher. Das vorläufig letzte Opfer hieß Walid M. Er war 25-jährig, der Polizei bekannt wegen diverser Vorstrafen. Eine Salve aus einer Kalaschnikow setzte seiner Laufbahn im Untergrundmilieu am 30. August ein brutales Ende. Angeblich zirkulieren hunderte Kalaschnikows in Marseille. Sie stammen meist aus Restbeständen aus Ex-Jugoslawien. Auf dem Schwarzmarkt soll eine AK-47 samt Munition für weniger als 3000 Euro zu haben sein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2012)
Der American Dream platzt an der Grenze
Liu Bolin Der ''unsichtbare Künstler''
WienDie Votivkirche, eine ewige Baustelle
SpeiseplanErobern Würmer die Teller Europas?