Die Welle an Vergiftungen nach dem Konsum methanolhaltiger hochprozentiger Getränke, die Tschechien seit zwei Wochen in Atem hält, hat erste Nachbarländer erreicht: Polens Oberster Sanitätsdirektor, Marek Posobkiewicz, bestätigte am Montagabend den Tod von vier Menschen nach dem Genuss von Giftschnaps. In der Slowakei wurden mindestens zehn Personen mit Vergiftungen ins Spital eingeliefert: Sie waren zuvor bei einer Hochzeitsfeier, deren Gastgeber sich hochgeistige Drinks per Internet aus Tschechien bestellt hatte.
Die polnischen Opfer stammten alle aus Zentral- und Südpolen, allerdings würde laut Posobkiewicz nur bei zweien eine direkte Spur nach Tschechien führen, sprich, sie dürften die Drinks dort gekauft oder bestellt haben. Das deutsche Bundesland Sachsen, das an den Nordwesten Tschechiens grenzt, hat inzwischen vor dem beliebten Schnaps-Internethandel mit tschechischen Anbietern gewarnt. In Österreich wurde bisher noch von keinen Problemen berichtet.
In Tschechien stieg die Zahl der Toten derweil bis Dienstag auf 22, Dutzende Menschen werden in Krankenhäusern behandelt. Zuletzt starben in Südmähren zwei Männer (29 und 42 Jahre), beide hatten Schnäpse getrunken, die Panscher mit Methanol gestreckt hatten. Methanol ist ein enger Verwandter des Trinkalkohols Ethanol und riecht und schmeckt ähnlich – freilich schärfer und irgendwie nach Klebstoff, etwa wie „Uhu“.
Wodkatrinken als Therapie
Methanol hat in der Industrie viele Anwendungen und wird in großen Mengen billig hergestellt. In der Leber wird es zu sehr aggressiven Substanzen, etwa Ameisensäure, abgebaut, die Organe und Nerven oft irreversibel schädigen; typisch ist Erblindung. Methanol ist schon in Mengen von einem Gramm pro Kilogramm Körpergewicht lebensgefährlich. Die Therapie besteht in der meist tagelangen Gabe von Trinkalkohol, etwa Wodka, weil die Leber Ethanol vor Methanol abbaut und dadurch quasi blockiert ist; das Methanol wird dann nur langsam und in tolerablen Dosen abgebaut und im Übrigen großteils im Harn oder in der Atemluft ausgeschieden.
„Nur wer keinen Schnaps trinkt, ist sicher“, warnte Tschechiens Gesundheitsminister Leos Heger. Im Land wurde vor Tagen der Verkauf sämtlicher Getränke mit mehr als 20 Prozent Alkoholgehalt verboten, betroffen sind auch alle derartigen Produkte aus dem Ausland wie schottischer Whisky, Cognac oder Grappa. Das Gesundheitsministerium stellte zudem eine Liste mit Bildern jener Produkte ins Internet, in denen man gefährliche Methanolmengen fand: Es handelt sich um tschechische Marken, nämlich drei Rumsorten (Tuzemák), vier Wodkas, einen Marillenschnaps (Meruňka) und einen Gin (Albánská Borovička, siehe Internethinweis unten).
Quelle weiter unbekannt
Wo genau das Methanol in die Brände gefüllt wird, ist indes weiter unbekannt. Das Gesundheitsministerium dementierte auch Berichte, wonach die Quelle in Polen sein könnte. Die Spur hatte ein älteres Ehepaar „gelegt“, das sich in der zwischen Polen und Tschechien geteilten Stadt Těšín/Czieszyn (Teschen) mit Schnaps eingedeckt hatte. Später im Spital konnte es sich nicht mehr erinnern, wo genau es den Fusel herhatte.
Auffallend viele Vergiftungsopfer gibt es bisher in Nordmähren nahe der Grenze zu Polen, wo die Hälfte des Schnapses angeblich „schwarz“ erzeugt wird.
WEITERE INFORMATIONEN UNTER
www.diepresse.com/schnapsliste
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2012)
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