Die Prager Burg, die Karlsbrücke und der Wenzelsplatz sind gewöhnliche Fotomotive für Touristen. Seit eineinhalb Wochen gibt es auch Motive, die man in Tschechien selten vor die Linse bekommt: Alkoholverbotstafeln an Geschäftstüren, leere Schnapsregale in Supermärkten, große Lücken in den Flaschenreihen der Kneipen, mürrische Wirte und ständig präsente Polizisten und Zöllner bei Kontrollen. Es herrscht „Prohibition“ bei Hochprozentigem in Tschechien, nachdem hier durch gepanschte Schnäpse mit hohem Gehalt an giftigem Methanol in den vergangenen zwei Wochen mindestens 23Menschen gestorben sind.
„Es gibt Touristen, die extra ins Geschäft kommen, um die leeren Regale zu fotografieren“, sagt eine Verkäuferin in einem Supermarkt in der U-Bahn-Station Mustek. Sie nimmt jede Flasche mit geringem Alkoholgehalt (verboten ist vorerst der Verkauf von Getränken mit mehr als 20 Prozent Alkohol) und wischt den Staub ab. Die Dinger sind sonst Ladenhüter, da kein „Ersatz“ für „richtigen“ Rum, Obstschnaps oder Wodka.
„Schädelweh“ bei Erzeugern
Doch obwohl man nicht weiß, wo die Quelle der mit gefälschten Etiketten versehenen Giftschnäpse ist, wird die Regierung das Verbot nicht lange aufrechterhalten können. Nicht, weil Trinker zu stark an Entzugserscheinungen litten: Das Alkoholverbot, das am Freitag auf Drängen der EU durch ein Exportverbot ergänzt wurde, trifft jene hart, die von der Herstellung und dem Handel mit Hochgeistigem leben. Vor allem den Karlsbader Erzeuger des „Becherovka“-Kräuterlikörs, welcher 40Prozent der Schnapsexporte ausmacht.
Das Gros des Export-Becherovkas geht in die Slowakei. An der slowakischen Grenze machen Zöllner Kontrollen bei aus Tschechien kommenden Pkw. In dem Land hatte sich eine Hochzeitsgesellschaft mit tschechischen Bränden vergiftet, kam aber mit dem Leben davon. In Polen starben fünf Menschen, wobei aber nicht bei allen die Spuren nach Tschechien führen. In Deutschland und Österreich gibt es bisher keine Vorfälle. Die betroffenen neun Schnapsmarken kommen regulär nicht in den Export und werden höchstens von Reisenden mitgenommen.
Verbot soll diese Woche fallen
Das Verbot trifft auch den Staat, es gibt merkliche Steuerausfälle. Präsident Václav Klaus hält das Verbot für „unverständlich“. Die Regierung werde „große Probleme bekommen, sich da herauszuwinden“. Das will sie bis Ende der Woche tun: Ab dann soll jede Charge heimischer Erzeuger von Labors überprüft und jede danach zugelassene Flasche ein rotes Gütesiegel erhalten. „Jede Flasche bekommt eine Art Geburtsurkunde“, drückte es Premier Petr Nečas aus. „Jede muss klar zu identifizieren sein.“
Beim Handelschef von Becherovka, Erik Cizek, stößt das auf Widerspruch: „Große Hilfe ist das nicht. Es wird keinen Einfluss auf den Schwarzmarkt haben, sondern uns nur noch mehr administrative Aufgaben aufbürden. Auch löst es nicht das Problem der 20 Millionen Flaschen in den Lagern.“
Was mit dieser Ware passieren soll, ist unklar. Hier wird es schwierig: Eine Verkäuferin in einem Geschäft nahe Prag sagt: „Wenn wir das wegschütten, gehen wir bankrott. Der Staat will uns auch nicht entschädigen. Wenn wir zumachen müssen, haben die Anwohner keine Alternative zum Einkaufen. Sie müssten mindestens fünf Kilometer in den nächsten Ort oder nach Prag fahren. Das ist mit dem Auto eine halbe Stunde. Und was tun die ohne Auto? Der Bus nach Prag fährt nicht so wahnsinnig oft.“
Vielleicht lässt die Regierung die alten Flaschen wieder in den Handel – falls ihre Herkunft „geklärt“ sei. Sie würden mit neuen Banderolen versehen. Bei den Kontrollen fand man nur „kleine Fische“, die in Garagen und Scheunen Kanister mit „verdächtigem“ Inhalt lagerten; Methanolschnaps war nicht dabei. Ärgerlich wird es für die, bei denen man gefälschte Etiketten und Steuermarken fand.
„Schwarzer Markt“ ist ein Stichwort: Wie groß dieser ist, weiß niemand. Das Finanzministerium sagt, zehn Prozent des Alkohols in Tschechien kämen von dort. Manche Unternehmer sagen 20Prozent. Laut Berechnungen entgehen dem Staat bei einem Schwarzbrandanteil von zehn Prozent jährlich umgerechnet 40 Mio. Euro.
Ein Ex-Manager einer Likörfabrik erklärt: „Es gibt in Tschechien eine Parallelwelt bei Erzeugung, Vertrieb und Verkauf harten Alkohols.“ Wegen Untätigkeit von Zoll und Polizei müssten offizielle Erzeuger mit kleinen Firmen kämpfen, die minderwertigen, wenngleich nicht giftigen Schnaps in fremde Flaschen füllten. Zu seiner Zeit seien 35 Prozent der Schnäpse „seiner“ Marke in Wahrheit von fremden Erzeugern gewesen.
Selbermachen ist am sichersten
Gut dran ist, wer auf Selbstgebrannten zurückgreifen kann. Überall liefern Leute derzeit ihr Obst in offiziellen Brennereien ab – oder brennen selbst. Da ist dann nichts gepanscht. Mein Nachbar aus Mähren lud mich ein: „Wenn der Spuk vorbei ist, trinken wir anständigen Zwetschkenschnaps. Von meinem kriegt man keinen Kater.“ Vielleicht sollte die Regierung verordnen, dass nur noch Selbstgebrannter getrunken werden darf. Die Leute wissen, was sie da brennen. Aber da hätte der Finanzminister etwas dagegen.
In Tschechien starben in den vergangenen Wochen mindestens 23, in Polen fünf Menschen, die Schnäpse mit einem gefährlich hohen Anteil an giftigem Methanol getrunken hatten. Dutzende Menschen liegen immer noch in Spitälern. Die Quelle der Schnäpse (diverse Sorten Wodka, Rum, Marillenschnaps, Gin) ist noch immer unbekannt, da die Panscher fremde Etiketten benutzt haben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2012)
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