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Festung Europa: „Sondereinheiten schießen auf Flüchtlingsboote“

25.09.2012 | 18:46 |  von Siobhán Geets (Die Presse)

Der deutsche Migrationsexperte Elias Bierdel über die katastrophale Situation an Europas Außengrenzen, Landminen an der türkisch-griechischen Grenze und warum Flüchtlinge immer gefährlichere Routen nach Norden nehmen.

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Die Presse: Sie wurden 2004 wegen „Beihilfe zur illegalen Einreise“ von der italienischen Justiz angeklagt, weil Sie afrikanische Bootsflüchtlinge gerettet und ans Festland gebracht hatten. . .

Elias Bierdel: Niemand glaubte, dass ich ein Schlepper bin, das war klar ein politisches Verfahren, die Abschreckung hat funktioniert. Handelskapitäne und Fischer riskieren sicher keinen sechseinhalb Jahre langen Prozess und all seine Folgen. Die wissen, dass Rettung unerwünscht ist, drehen ab und fahren weg. Das ist ein Teil der schauerlichen Realität da draußen.

Gibt es heute mehr Bootsdramen, weil die Menschen wegen der Kontrollen riskantere Routen nehmen?

Die Aufrüstung an den Grenzen zwingt Menschen, immer gefährlichere Routen zu nehmen. Nachdem 2006 etwa 30.000 Menschen auf den Kanaren angekommen waren, hat man die Küstenüberwachung erheblich verschärft. Menschen fahren heute vom Senegal hintenrum über die Kapverden, die Boote kommen in El Hierro an, das gab es früher nicht. Was vor kurzem eine relativ kurze Reise war, wird immer länger. Warum man ausgerechnet dort, wo es am gefährlichsten ist, so hart agiert und die Menschen dem Tod ausliefert, ist rational kaum zu erklären. Die meisten kommen ja legal mit einem Visum über Flughäfen.

Man spricht immer von dem Ansturm auf Europa, auch jetzt wieder in Zusammenhang mit Syrien.

Das appelliert an Urängste und Furcht vor Überfremdung, dabei ist der Influx nach Europa relativ konstant. Die Wenigsten sind auf dem Weg Richtung EU, die meisten flüchten in ihre Nachbarländer. Aber wenn die Handelsbedingungen so unfair bleiben wie sie sind und wir die Staaten weiter legal ausbeuten, wenn wir unseren Lebenswandel nicht ändern, dann werden mehr Menschen kommen, das ist wahr.

Sie fordern von der EU, eine gemeinsame Flüchtlingspolitik zu schaffen.

Das nimmt sich die EU selbst immer wieder vor, aber sie kriegen das nicht zustande. Die europäische Union hat unter deutscher Führung Dublin II erfunden, jeder muss in dem Land, das er als erstes betritt, seinen Asylantrag stellen. Das heißt die Menschen hängen dort fest. Ausgerechnet jetzt von den Griechen zu verlangen, dass sie das Problem gefälligst lösen sollen, das ist eiskalter Zynismus. Die politischen Folgen sind rassistischer Rechtsextremismus. Die Länder fühlen sich im Stich gelassen. Von Maltas Küstenwache wissen wir, dass sie einfach nicht mehr ausläuft, wenn Flüchtlinge in Seenot geraten. Warum man sich aber auf die gemeinsamen Abwehrmaßnahmen verständigen kann, dafür gibt es handfeste Gründe. Es ist ein milliardenschweres Geschäft entstanden, viele europäische Unternehmen wie der Airsbus-Mutterkonzern EADS verdienen sehr gut dabei.

Wie ist die Situation an den Grenzen Europas? Stimmt es, dass Boote abgeschossen werden?

Das wird gar nicht abgestritten. In der Nordost-Ägäis werden Sondereinheiten eingesetzt, die direkt dem Verteidigungsministerium unterstehen. Sie fahren nachts ohne Beleuchtung oder Nummer an den Booten hinaus und schießen auf Flüchtlingsboote. Offiziell zwar nur auf den Motor und wenn Schlepper an Bord sind, aber das ist nachts schwer festzustellen. Einmal wurde auf griechische Fischer geschossen, das hat man dann erfahren, von den anderen Fällen hört man aber nichts. Wenn insgeheim in der Politik der Binnenländer die Ansicht herrscht, dass das in Ordnung ist, solange die Flüchtlinge nicht das eigene Land erreichen, dann entsteht eine üble Kumpanei.

Die türkisch-griechische Grenze soll gar vermint sein.

Ja, ein Großteils des Grenzflusses Evros ist vermint, da liegen zwischen einer und 1,5 Millionen Landminen. Sie wurden im Ersten und Zweiten Weltkrieg gelegt und nie weg geräumt. Die UNO spricht von 263 Toten in den vergangenen 15 Jahren. Man müsste sehen, ob es noch unentdeckte Opfer auf den hunderten Kilometern gibt. Die Zahl der Verletzten ist noch viel höher, aber die wird nicht erhoben. Menschen verlieren ihre Unterschenkel, werden behandelt und wieder ausgewiesen.

Gibt es Zahlen über Todesopfer insgesamt?

Nein, wir können nur alle dokumentierten Todesfälle zusammenrechnen. Es gibt unterschiedliche Angaben, Betroffene machen andere als Behörden, nämlich viel höhere. Allein 2006 sind im Seegebiet um die Kanaren mindestens 6000 Menschen ertrunken. In bestimmten Gebieten im Kanal von Sizilien wurde die Fischerei eingestellt, weil die Fischer in ihren Netze Leichenteile fanden. Sicher ist, dass es jedes Jahr mehrere Tausend Tote gibt. Sie werden oft nicht einmal betrauert, die Familien erfahren nicht, was mit ihren Angehörigen passiert ist.

Was geschieht mit den Toten?

An den Außengrenzen gibt es stetig wachsende Friedhöfe, wo Leichen an Land gespült werden oder Menschen ankommen. Es ist allerdings auch verboten, Leichen an Land zu bringen. In vielen Teilen Spaniens werden die Flüchtlinge anonym bestattet, es entstehen regelrechte Massengräber. Es gibt große anonyme Gräberfelder auf der griechischen Seite zur türkischen Grenze. Ich habe auch ein Massengrab auf der griechischen Ägäis-Insel Lesbos untersucht.

Die Frontex (Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen) kontrolliert die Grenzgebiete.Wie kann man sich ihre Arbeit vorstellen?

Frontex ist ein verzweifelt falscher Versuch, auf heiklen Themen wie Flucht und Migration mit den Mitteln und der Logik des Militärs zu antworten. Ich habe mit deutschen und österreichischen Beamten der Frontex gesprochen, die an den Außengrenzen im Einsatz waren und selbst entsetzt waren von den Methoden: Menschen, die sich der Grenze am Evros nähern, werden durch Schüsse in die Luft verschreckt und laufen in die Minenfelder. Das beunruhigt viele Beamte. Auch jene, die diesen furchtbaren Auftrag umsetzen müssen, sind schockiert, weil er den Menschenrechten widerspricht. Wenn Boote zum Umkehren bewegt werden, ist das einer Europäischen Union, die noch etwas auf Menschenrechte gibt, völlig unwürdig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2012)

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45 Kommentare
 
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Gast: Tuw
26.09.2012 22:44
0 0

sucht Lösungen

Grenzsicherung ist nicht gleich los zu schießen - so viel Zivilisation könnte man den hochgejubelten Europäern doch eigentlich zutrauen.

Antworten Gast: LIngus
27.09.2012 12:44
0 0

Re: sucht Lösungen

DIe Sprache wird weltweit verstanden!
Da gibt's kein "nix verstehen"!

Gast: nebeL
26.09.2012 22:40
0 1

Menschen Leben Lassen

Ja seid ihr den komplet des Wahnsinns verfallen? Selbst wenn diese Menschen für euch nur Schmarotzer sind und ihr bittere Angst um eure Arbeitsplätze, Gehälter oder was immer habt. Seid ihr des Wahnsinns dafür Menschen abzuknallen? Wofür? damit ihr in eurer eingegrenzten Welt euch auch sicher das iphone5 leisten könnt oder was auch immer? Euch ist bang um eure noch tolleren Häuser und Autos? dafür knallt ihr Menschen ab? Und gleichzeitig verurteilt ihr Menschen die im Überlebenskampf sich nicht an eure Gesetze und Regeln halten?

Antworten Gast: Lingus
27.09.2012 11:51
1 0

Re: Menschen Leben Lassen

Die sind nicht im Überlebenskampf - das sind Wirtschaftsflüchtlinge, die in Europa die Sozialsysteme ausnützen wollen.
No Mercy!

Gast: AUG77
26.09.2012 19:51
2 0

Brauche diese Einheiten noch Personal?

Ich bewerb mich noch heute!

Gast: Nomenklatur
26.09.2012 16:30
5 0

Cui bono

Nicht jeder, der nach Europa will ist ein Flüchtling. Die meisten sind einfach Menschen, die besser leben wollen af unser Kosten und sich - zu recht - ein leichteres leben erhoffen, da einem in Europa das geld geschenkt wird. ich lebe in westafrika. Ich weiß wovon ich rede.

Elias Bierdel ist wieder so ein linker Fanatiker, der die wahrheit wider besseres Wissen verdreht und verbiegt. Ich frage mich immer, wer eingentlich etwas davon hat?

Gast: biermadl
26.09.2012 14:25
5 0

der lebt auch von der asylindustrie


Its the humanity, stupid

frei nach Bill Clinton.

Gast: Wasserlaeufer
26.09.2012 11:40
3 1

"Liebet und vermehret euch"

passt eben nicht mehr in religioese Buecher.

Es sollte besser heissen:

"Wenn ihr die Menschheit liebt,
dann vermehret euch nicht grenzenlos."

Wir tun das ja auch nicht auf eure Kosten.

Antworten Gast: OMG
04.10.2012 02:48
0 0

Re: "Liebet und vermehret euch"

"Wir tun das ja auch nicht auf eure Kosten"

und ob wir das tun!!!!
was glaubst du warum es ihnen in ihren ländern so geht?
bildung hilft!

Gast: Störrisch....
26.09.2012 09:38
1 11

Evolution...

....ich bin ja ein großer Fan von Evolution...wir dekadenten verlogenen diebischen Europäer sterben langsam aber sicher aus, weil zum Glück schon zu kaputt um genügend Kinder zu bekommen...ein sehr beruhigender Gedanke!

Zuerst anderen Menschen die Lebensgrundlage nehmen (wegen Rohstoffen zwecks Massenproduktion), dann die Grenzen dicht machen (wenn diese ihre Grundbedürfnisse abdecken wollen) und Flüchtlinge hinrichten...und dann noch schimpfen...es ist eine Schande!

Antworten Gast: Lingus
26.09.2012 19:49
2 0

Re: Evolution...

Da raus aus Europa mit Dir und Deiner lachhaften Einstellung!

Gast: ZARA
26.09.2012 08:47
1 13

Flüchtlinge brauchen Hilfe und nicht Abschiebegesetze

In Europa steigt der Bedarf an Arbeitskräften. Und dann kommen welche, die man nicht mit viel Geld locken muss und dann behandelt man sie so. Europa muss sich schämen!

Re: Flüchtlinge brauchen Hilfe und nicht Abschiebegesetze

Wo haben Sie den Unsinn her? In Europa steigt die Zahl der Arbeitslosen, vor allem bei Jugendlichen. Da haben wir bereits Regionen mit 25% Arbeitslosen. Dann drängen jährlich an die 100.000 junge Leute nach Europa, die keine Qualifikation haben, die Sprache nicht verstehen, und für die kulturellen Eigenheiten ebensowenig Verständnis haben. Den Leuten geht es grundsätzlich nur darum, der Armut der alten Heimat zu entfliehen, was durchaus verständlich ist. Wenn dies in der Regel auf Missbrauch der Asylgesetze beruht (Dokumentenfälschungen, falsche Angaben) ist es wohl ebenso in Ordnung, diese Leute wieder abzuschieben. Migration ist nunmal kein Gnadenrecht, sondern mit Pflichten verbunden (Nachweis einer Qualifikation). Durch naives Gutmenschentum fallen nunmal keine Jobs von den Bäumen, und diese Wohlstandsverlierer sind hier noch viel mehr zur Untätigkeit verdammt als in ihrer Heimat. Der Steuerzahler darf dann den ganzen Asylmissbrauch finanzieren, der ein widerliches Geschäft von wenigen (Schlepper und die ortsansässige Asylindustrie) ist. Die Geschleppten sind dabei ebenso die Verlierer wie die ortsansässige Bevölkerung: In diesem Sinne bitte - eine europaweite Koordination der Migrationsströme - Verstärkung des Grenzschutzes

Antworten Gast: Lingus
26.09.2012 10:27
7 2

Re: Flüchtlinge brauchen Hilfe und nicht Abschiebegesetze

Die da kommen, haben keinerlei berufliche Qualifikation und können die Sprache(n) nicht!
Zur Ausbeutung der Sozalsysteme, haben wir bereits genug "Empfänger vor Ort"!

Gast: Lingus
26.09.2012 07:31
17 1

„Sondereinheiten schießen auf Flüchtlingsboote“

Angesichts des Flüchtlingsstroms, sind das dann entweder besonders schlechte Schützen oder man hat besonders schlechte "Arbeitsgeräte".

Grenzen gibt es nicht zum Spaß und sie müssen entsprechend gegen andere Staat, Verbrecher und Wirtschaftsflüchlinge geschützt werden.

Antworten Gast: Störrisch...
26.09.2012 09:40
1 5

Grenzen...

...aha, wie erklären Sie dann die Kolonialzeit der Europöer? Die haben Grenzen erst beachtet, als das Diebesgut (Menschen und Rohstoffe) in Sicherheit waren, gell?


Antworten Antworten Gast: Lingus
27.09.2012 11:52
0 0

Re: Grenzen...

Gebe cougar völlig recht!

Weiters ist anzumerken, dass Ö niemals Kolonialmacht war!

7 1

Re: Grenzen...

Daraus lässt sich schließen: Grenzen schützen sonst wird man bestohlen (Menschen und Rohstoffe). Danke für dieses gute Argument pro schärferer Grenzkontrollen.

Und die Kolonialzeit erkläre ich damit, dass, anders als in den feuchten Träumen von Gutmenschen, der Mensch (und das gilt nicht nur für Mitteleuropäer, wie sie hier andeuten wollen) nicht von Grund auf gut ist und das Leben kein Ponyhof.

In einer enger zusammengeschlossenen EU

könnten die Flüchtlinge endlich nach Deutschland weiterziehen. ..Mal sehen, ob das Merkel dann gefällt.

wenn der herr meint, man koenne durch grenzenlose oeffnung europas

die probleme von entwicklungslaendern mildern, dann hat er wohl ueberhaupt keine ahnung wovon er spricht.
weiters zeigt sein spruch "Aber wenn die Handelsbedingungen so unfair bleiben wie sie sind und wir die Staaten weiter legal ausbeuten, wenn wir unseren Lebenswandel nicht ändern, dann werden mehr Menschen kommen, das ist wahr." von erschreckender unbedarfheit in wirtschaftlichen entwicklungspolitischen fragen.

als naechstes wird die forderung nach einem faehrdients fuer wirtschaftsfluechtlinge kommen, da die ueberfahrt in schlepperboten zu gefaehrlich ist.

Gast: Garst
26.09.2012 03:01
9 1

Frontex vor noch ein Tor!


Gast: karlkraus
25.09.2012 23:38
4 31

empathie

an alle Kommentatore: stellen Sie sich vor, Sie muessten ihre Heimat verlassen, weil in Ihrem Land furchtbare Zustaende herrschen.

kein Mensch verlaesst zum Spass sein Land.

"Wie eine Gesellschaft mit den Schwaechsten umgeht, zeigt ihren Grad an Zivilisation."

nicht sehr zivilisiert, wenn man einige Kommentare liest...

Re: empathie

Wir sind bitte nicht die Heilsarmee fuer Afrika und den Orient.

Antworten Gast: Lingus
26.09.2012 07:32
15 0

Re: empathie

Die Masse dieser Menschen ist nicht auf der Flucht vor Verfolgung - es sind reine Wirtschaftsflüchtlinge!

Antworten Gast: Was erwartest du?
26.09.2012 07:07
0 12

Re: empathie

Die Gesellschaft kauft ja auch fleißig Produkte aus diversen Ländern die mit Kinderblut besudelt ist und schreit dann noch, ach wie Toll!

Da darf man sich nicht wundern wenn hier Jubelgesang ausbricht, wird wieder mal ein Boot versenkt mit Kindern, die dann zum Fraß von Haifischen werden!

Aber klar, es herrscht Meinungsfreiheit, eine hohes Gut, das diePresse.com nachgeht, auch wenn der Inhalt und deren Wertungen noch so schwachsinnig ist, allerdings ist das Forum auch kein Therapieort für Gärhirngeschädigte und an Schwachsinn leidende USER!

 
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