„Aurea Libertas“ und „Liberum Veto“ – diese zwei Begriffe sind die Quintessenz dessen, was den polnischen Adelsstand definiert hat. Die erstgenannte „Goldene Freiheit“ war die Summe aller Privilegien, die der Adel in Anspruch nehmen konnte – unter anderem das Recht, den König zu wählen und beim Beschluss neuer Gesetze mitzureden. Und das Veto war das Werkzeug, mit dem diese Privilegien abgesichert wurden – denn es bedurfte nur einer Gegenstimme, um ein Gesetzesvorhaben im Sejm, dem Adelsparlament, zu kippen.
Dass diese Geschichte nicht gut ausging, ist hinlänglich bekannt. Der aus dem „Liberum Veto“ resultierende Reformstau führte zum Niedergang Polens und gipfelte in der Teilung des Landes. Was wohl mit ein Grund dafür ist, dass Vertreter der „Szlachta“ in der Literatur oft als engstirnige Traditionalisten dargestellt wurden, die ihr Wohlergehen über das Wohl des Landes stellten.
Ohne Titel. Dass heutzutage der Abstammung kaum Beachtung geschenkt wird, hat mehrere Gründe. Erstens die Tatsache, dass es im polnischen Adel keine Titel gab, denn laut Gesetz waren alle Adeligen einander ebenbürtig. Es gibt weiters keine sprachlichen Indikatoren à la „von und zu“, die einen Adeligen von einem „Normalo“ unterscheiden würden – wer wissen will, ob sein Gegenüber blaublütig ist oder nicht, muss historisch versiert sein und den Nachnamen richtig deuten können.
Ein weiteres egalisierendes Element war die Periode des real existierenden Sozialismus, während der es „Selbstmord“ gewesen wäre, seine Abstammung zu verraten, wie es Bogusław Dybaś von der Polnischen Akademie der Wissenschaften formuliert. Und nachdem der Anteil Adeliger an der Gesamtbevölkerung in Polen ohnehin hoch ist (die Schätzungen liegen zwischen fünf und zehn Prozent, was in etwa dem Fünffachen der westeuropäischen Norm entspricht), kann so gut wie jede Familie auf aristokratische Wurzeln verweisen, sofern sie das auch will. Was allerdings nicht so oft vorkommt. Dybaś: „Derartige Dinge werden eher belächelt.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2012)
Der American Dream platzt an der Grenze
Liu Bolin Der ''unsichtbare Künstler''
WienDie Votivkirche, eine ewige Baustelle
SpeiseplanErobern Würmer die Teller Europas?