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VatiLeaks-Affäre: "Hunderttausende Dokumente"

04.10.2012 | 18:38 |  Von unserem Korrespondenten PAUL KREINER (VATIKANSTADT) (Die Presse)

Papst Benedikts Butler Paolo Gabriele hat offenbar viel mehr entwendet als bisher bekannt. Das Urteil im vatikanischen Strafprozess dürfte am Freitag gefällt werden.

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Schuldig im Sinne der Anklage fühlt er sich nicht; den geliebten Papst und dessen „väterliches Vertrauen“ zu ihm aber hat er verraten: Paolo Gabriele, der suspendierte italienische Butler Benedikts XVI., der sich wegen Diebstahls teils geheimer Dokumente verantworten muss, versuchte bei den jüngsten Verhandlungstagen im Strafgericht des Vatikans sein Delikt auf eine „menschliche Ebene“ zu ziehen – wohl aufgrund der berechtigten Aussicht auf päpstliche Milde in Form einer Begnadigung nach dem drohenden Schuldspruch am Samstag?

 

Papiere mit „Vernichten!“-Vermerk

Allerdings kam nun zum Vorschein, dass der 46-jährige Kammerdiener und Familienvater Gabriele weit mehr als nur ein paar Dokumente oder einige Ordner voll Akten entwendet hatte: Recht bildhaft erzählten vier Vatikan-Gendarmen dem Gericht, was sie nach Gabrieles Verhaftung im Mai bei der Durchsuchung seiner Wohnung gefunden hatten. „Hunderttausende von Papieren, Internetrecherchen zu Freimaurerei, Esoterik, Vatikanbank, Geheimdiensten, Berlusconi und so weiter.“ Als „ermittlungsrelevant“ hätten sich mehr als 1000 gut versteckte Schriftstücke herausgestellt: Fotokopien oder Originale päpstlicher Dokumente, und zwar sehr viel mehr, als nachher im Buch des italienischen Journalisten Gianluigi Nuzzi veröffentlicht worden seien.

Darunter, so die Gendarmen, seien tatsächlich auch hoch geheime vatikanische Schriftstücke gewesen – und sogar solche, auf denen (in deutscher Sprache) die Anweisung „Vernichten!“ geschrieben stand.

 

„Der Papst wurde manipuliert“

Entwendet habe er, Gabriele, die Dokumente aus eigenem Antrieb – um sich „direkten Einblick“ in die finanziellen und personellen Missstände im Vatikan zu verschaffen, von denen er gehört habe und die im Kirchenstaat eine „weithin unerträgliche Situation“ geschaffen hätten, „nicht nur für mich“. Der Papst, meint Gabriele, sei gar „manipuliert“ worden: „Er hat mich zu Dingen befragt, über die er informiert sein sollte.“ Und da habe er, der Butler, in „persönlichen Bemerkungen“ dem Papst vorgetragen, was man diesem vorenthalten habe.

Aufgefallen sind die Umtriebe Gabrieles offenbar über sechs Jahre hinweg niemandem. Im Büro der beiden Privatsekretäre Benedikts XVI., wo auch der Butler „für einfache Aufgaben“ seinen Schreibtisch hatte, konnte er fotokopieren, was er wollte. Georg Gänswein, der aus Baden-Württemberg stammende päpstliche Privatsekretär, hatte zuletzt am Dienstag als Zeuge vor Gericht ausgesagt, Gabriele habe keinerlei Anlass zu Verdacht gegeben. Und auch wenn sich Gänswein dem Gericht als „genauer, ja sogar sehr genauer Mensch“ vorgestellt hatte: Dass auch geheime Originaldokumente abhandengekommen sind, das will selbst er nicht bemerkt haben.

 

Umstände der U-Haft werden untersucht

Erst als im heurigen Mai Nuzzis Buch „Sua santità“ mit drei Briefen erschien, die nur von Gänsweins Schreibtisch stammen konnten, habe er Verdacht geschöpft. Und von da bis zu Gabrieles Verhaftung waren es nur noch zwei Tage. Im Übrigen betonte Gabriele, dass er bei seinen Aktionen keine Gehilfen gehabt habe – womit er freilich frühere Aussagen vor den Ermittlern zurücknahm: Diese Ermittler, vor allem die Gendarmen, hätten seine Darstellungen aber sinnentstellend verdreht.

Die sechzigtägige Untersuchungshaft übrigens hat der vatikanischen Justiz gleich neue Arbeit eingetragen: Gabriele behauptet, die Zelle sei so winzig gewesen, dass er nicht einmal die Arme habe ausstrecken können; außerdem habe das Licht 24 Stunden am Tag gebrannt. Der im Gerichtssaal anwesende Chefgendarm des Vatikans errötete sichtlich; der Vorsitzende Richter ordnete eine Untersuchung an.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2012)

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