Peking. Die Ursache ist geklärt: Jene Noroviren, die vorige Woche bei mehr als 11.000 Kindern und Jugendlichen in Deutschland Brechdurchfall ausgelöst haben, waren in tiefgekühlten Erdbeeren des Catering-Unternehmens Sodexo. Die Herkunft der Beeren hat man auch ermittelt: China. Und es dürfte bei diesem Vorkommnis nicht bleiben: Aus China werden nämlich immer mehr Nahrungsmittel importiert, deren Hygiene in Zweifel gezogen werden kann.
Wieso die roten Früchtchen, die auch in Europa in Massen angebaut werden, überhaupt aus Fernost bezogen werden müssen, ist einfach zu beantworten: wegen der geringen Kosten. Nach Angaben eines Mitarbeiters eines bekannten deutschen Marmeladeherstellers ist eine Tonne China-Erdbeeren bereits für rund 600 Euro zu bekommen (also für lächerliche 60 Cent pro Kilogramm). Deutsche Erdbeeren würden hingegen mehr als das Dreifache kosten. Und selbst günstige spanische Erdbeeren kämen noch immer auf mehr als den doppelten Preis.
Kein Wunder, dass inzwischen rund 80 Prozent aller in der deutschen Nahrungsmittelindustrie verbrauchten Erdbeeren laut Insidern aus China stammen. Warum das nicht auffällt? Weil sie meist als Marmelade, Gelee oder Geschmackszusatz in Joghurts, Süßigkeiten, Gebäck und Eis auftauchen. Und weil auf der Verpackung nicht angegeben werden muss, woher der Obstanteil kommt. Und so sind Erdbeeren aus China so gut wie aus keinem europäischen Haushalt mehr wegzudenken.
Von wegen steirischer Apfel
Doch damit nicht genug: Ein Großteil des Apfelsaftkonzentrats in Deutschland, Schweiz und Österreich stammt ebenso aus China wie Dosenmandarinen, aber auch Knoblauchzehen und Blattspinat. Chinas Unruheprovinz Xinjiang ganz im Westen des Landes hat sich bereits zum zweitgrößten Tomatenproduzenten der Welt gemausert und ist weltgrößter Hersteller von Ketchup und Tomatenmark. Die Entwicklungshilfeorganisation „Südwind“ schätzt, dass 37 Prozent der weltweiten Obst- und Gemüseproduktion heute aus dem Reich der Mitte stammen.
Dabei kommt es in China immer wieder zu (mitunter tödlichen) Lebensmittelskandalen, mit der Folge, dass die meisten Chinesen Produkten aus ihrem Land nicht mehr trauen. Wer es sich in Städten wie Peking und Schanghai leisten kann, kauft etwa Milch und Joghurt aus dem Ausland. Der chinesischen Führung sind die Probleme an sich durchaus bewusst. Sie hat bereits vor einiger Zeit strenge Lebensmittelverordnungen erlassen, die sich mit denen in den EU-Ländern durchaus messen können. Es hapert allerdings an der Umsetzung.
Nun sind Seuchen wie das Norovirus kein explizit chinesisches Problem. Das Virus kann überall auftauchen. Ein Grund, wieso Agrarwaren aus China allerdings anfälliger sind als Obst und Gemüse aus EU-Anbau: In der Volksrepublik wird noch großteils mit Jauche gedüngt. „Das hängt mit der Struktur der chinesischen Landwirtschaft zusammen“, erklärt Liu Xiaojing von „Orient Agribusiness“, einer Beratungsfirma in Peking, spezialisiert auf Landwirtschaft. Die Obstbauern etwa seien meist Kleinbauern, die sich hochwertige Dünger nicht leisten könnten und weiter auf Fäkalien setzten. Es sei auch für die chinesischen Zwischenhändler meist nicht nachvollziehbar, von wem sie was bekommen haben.
Haftung für Chinas Fehler
Europäischen Nahrungsmittelherstellern, die landwirtschaftliche Produkte aus China beziehen, ist mit solchen Erklärungen indes wenig geholfen. Nach den Produkthaftungsgesetzen, die es in den meisten europäischen Ländern gibt, müssen sie für Fehler in den von ihnen angebotenen Produkten geradestehen, auch wenn der Schuldige in Ostasien sitzt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2012)
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