Man kann die Welt auch durch ein Buch sehen und sieht sie dann mit anderen Augen. Ein milder Herbstabend im Berliner Stadtteil Neukölln. Die Schatten sind lang. In einer Baracke werden Koran-CDs feilgeboten. Eine Frau im Niqab huscht vorbei. Nur in Arabisch angeschriebene Läden, Schaufensterpuppen mit Kopftuch. Durch die Hermannstraße eilt eine Horde Halbstarker, sie rufen sich auf Türkisch Kommandos zu. Dönerbuden, Spielhallen, Shishabars. Das also ist der soziale Brennpunkt, aus dem die Deutschen fliehen und der sich zum Migrantenghetto wandelt.
In der Karl-Marx-Allee redet ein Bursch mit gutturalem Akzent auf ein blondes Mädchen ein: „Noch mal, und ich mach dich fertig, mach dich kaputt.“ Gegenüber leuchten die Ziegel des neugotischen Rathauses im Abendlicht rot. Dort arbeitet „Deutschlands bekanntester Bürgermeister“, wie sein Verlag tönt. Heinz Buschkowsky hat ein Buch geschrieben, „Neukölln ist überall“. Es handelt vom Kampf um seinen „Kiez“, vom Ringen um Integration. Wie sie gelingen könnte. Woran sie scheitert.
Erst SPD-Politiker, nun Autor – wie Thilo Sarrazin. Als der noch Finanzsenator war, bettelte Buschkowsky bei ihm um Geld für ambitionierte Projekte. Heute kritisiert er Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“: Dessen Schlussfolgerungen seien „daneben“, undifferenziert, ohne Perspektive, die Wortwahl „mitunter verletzend“.
Buschkowsky versteigt sich nicht in krude Theorien über den IQ als Funktion des Kulturkreises. Vom alarmistischen Ton ließ er sich inspirieren, doch tun sich seine Kritiker schwer, weil der 63-jährige Konsens-Sarrazin so nah dran ist an den Menschen. Er erzählt nur, was er erlebte, nennt Statistiken, deren Wahrheitsgehalt er abschätzen kann. Und auch wenn er mit Berliner Schnauze „Klartext spricht“, was teils am Rassismus kratzt, ist seine Analyse von Empathie getragen. Er mag „seine“ Ausländer, will sie aus ihrem Sumpf holen. Notfalls mittels Repression.
„Gute“ Hindus, „böse“ Türken
Der Stadtvater schwärmt von „problemlosen Hindus“ und „ehrgeizigen Vietnamesen“, lobt die „toleranten Aleviten“ und lernwilligen Mädchen unter den Muslimen. Bleiben die Machos unter Türken und Arabern: Die kriegen es dick ab. Der Autor zeichnet ein Bild von Schmarotzern, die ins Sozialsystem einwandern und Deutsche hassen. Von Eltern, die westliche Werte ignorieren, Bildung verachten und ihre Söhne zu brutalen, hyperreligiösen Taugenichtsen erziehen. Der hoffnungslose Nachwuchs lasse alle resignieren, die sich um zivilisiertes Zusammenleben bemühen. Lehrerinnen, Polizisten, Beamte beugten sich der Gewalt.
Alle außer Buschkowsky. Er hat viel versucht. Funktioniert haben die Rettung der Rütli-Schule oder das Projekt „Stadtteilmütter“. Andere Projekte scheiterten. Aus den Erfahrungen fließen Forderungen: Kindergartenpflicht ab dem zweiten Lebensjahr (in kleinerer Dosis). Massive Investitionen in Kindergärten und Ganztagesschulen, bezahlt durch Kürzungen beim Kindergeld. Und viele andere Ideen. Sie stammen aus einer Wut, die teils übers Ziel schießt: Neukölln ist nicht überall, sondern in einigen Vierteln einiger Städte. Am Land in Ostdeutschland heißt der Alltagsterror „NPD“, und Neonazis sind auch nicht nett zu ihren Mädels.
Und Neukölln wandelt sich, auch ohne Buschkowsky. In der Weserstraße öffnen stilvolle Bars, Studenten und Kreative ziehen in schmucke Gründerzeithäuser in gepflasterten Alleen. So billig wie hier haben sie's in Kreuzberg nicht mehr. Die wunderbar-wunderliche Berliner Wurschtigkeit hat in diesem Kiez viel angerichtet. Zu lang sahen alle weg. Nun zeigt sie integrative Kraft. Auf dem Schlachtfeld Straße, das Buschkowsky suggeriert, verschwimmen die Fronten. Die Grundstimmung ist friedlich.
Tag der offenen Moschee
Am Basketballplatz beim Campus Rütli recken sich deutsche und türkische Burschen dem Korb entgegen. Auf dem Vorplatz ironisiert ein mannshoch gebautes Schwammerl den „Spaltpilz“ Bürgermeister. Eine Moschee lädt zum Tag der offenen Tür. Da erinnert sich der Leser an Buschkowskys kluge Idee, die Einbürgerung von einem Behördengang zur Feier auszubauen. Wo viele Migranten zum ersten Mal bewusst die deutsche Hymne hören, plötzlich mit Tränen in den Augen. Und sich der Bürgermeister denkt: „Na also, geht doch.“
Heinz Buschkowsky (*1948 in Berlin) ist seit 2001 SPD-Bürgermeister des „Problembezirks“ mit seiner Migrantenrate von rund 41 Prozent (Migrantenquote bei Grundschülern: 65 bis stellenweise 86 Prozent). Über seine Erfahrungen schrieb er sein Buch „Neukölln ist überall“(Ullstein, 400 S., € 19,99).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)
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