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Neukölln: Bürgermeister Konsens-Sarrazin des Bezirks

12.10.2012 | 18:36 |  Von unserem Korrespondenten KARL GAULHOFER (BERLIN) (Die Presse)

Heinz Buschkowsky, Bürgermeister des Berliner Stadtteils Neukölln, macht Furore mit einem Buch über die Fallen der Integration. Er ist zornig, hat aber auch Lösungen parat.

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Man kann die Welt auch durch ein Buch sehen und sieht sie dann mit anderen Augen. Ein milder Herbstabend im Berliner Stadtteil Neukölln. Die Schatten sind lang. In einer Baracke werden Koran-CDs feilgeboten. Eine Frau im Niqab huscht vorbei. Nur in Arabisch angeschriebene Läden, Schaufensterpuppen mit Kopftuch. Durch die Hermannstraße eilt eine Horde Halbstarker, sie rufen sich auf Türkisch Kommandos zu. Dönerbuden, Spielhallen, Shishabars. Das also ist der soziale Brennpunkt, aus dem die Deutschen fliehen und der sich zum Migrantenghetto wandelt.

In der Karl-Marx-Allee redet ein Bursch mit gutturalem Akzent auf ein blondes Mädchen ein: „Noch mal, und ich mach dich fertig, mach dich kaputt.“ Gegenüber leuchten die Ziegel des neugotischen Rathauses im Abendlicht rot. Dort arbeitet „Deutschlands bekanntester Bürgermeister“, wie sein Verlag tönt. Heinz Buschkowsky hat ein Buch geschrieben, „Neukölln ist überall“. Es handelt vom Kampf um seinen „Kiez“, vom Ringen um Integration. Wie sie gelingen könnte. Woran sie scheitert.

Erst SPD-Politiker, nun Autor – wie Thilo Sarrazin. Als der noch Finanzsenator war, bettelte Buschkowsky bei ihm um Geld für ambitionierte Projekte. Heute kritisiert er Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“: Dessen Schlussfolgerungen seien „daneben“, undifferenziert, ohne Perspektive, die Wortwahl „mitunter verletzend“.

Buschkowsky versteigt sich nicht in krude Theorien über den IQ als Funktion des Kulturkreises. Vom alarmistischen Ton ließ er sich inspirieren, doch tun sich seine Kritiker schwer, weil der 63-jährige Konsens-Sarrazin so nah dran ist an den Menschen. Er erzählt nur, was er erlebte, nennt Statistiken, deren Wahrheitsgehalt er abschätzen kann. Und auch wenn er mit Berliner Schnauze „Klartext spricht“, was teils am Rassismus kratzt, ist seine Analyse von Empathie getragen. Er mag „seine“ Ausländer, will sie aus ihrem Sumpf holen. Notfalls mittels Repression.

 

„Gute“ Hindus, „böse“ Türken

Der Stadtvater schwärmt von „problemlosen Hindus“ und „ehrgeizigen Vietnamesen“, lobt die „toleranten Aleviten“ und lernwilligen Mädchen unter den Muslimen. Bleiben die Machos unter Türken und Arabern: Die kriegen es dick ab. Der Autor zeichnet ein Bild von Schmarotzern, die ins Sozialsystem einwandern und Deutsche hassen. Von Eltern, die westliche Werte ignorieren, Bildung verachten und ihre Söhne zu brutalen, hyperreligiösen Taugenichtsen erziehen. Der hoffnungslose Nachwuchs lasse alle resignieren, die sich um zivilisiertes Zusammenleben bemühen. Lehrerinnen, Polizisten, Beamte beugten sich der Gewalt.

Alle außer Buschkowsky. Er hat viel versucht. Funktioniert haben die Rettung der Rütli-Schule oder das Projekt „Stadtteilmütter“. Andere Projekte scheiterten. Aus den Erfahrungen fließen Forderungen: Kindergartenpflicht ab dem zweiten Lebensjahr (in kleinerer Dosis). Massive Investitionen in Kindergärten und Ganztagesschulen, bezahlt durch Kürzungen beim Kindergeld. Und viele andere Ideen. Sie stammen aus einer Wut, die teils übers Ziel schießt: Neukölln ist nicht überall, sondern in einigen Vierteln einiger Städte. Am Land in Ostdeutschland heißt der Alltagsterror „NPD“, und Neonazis sind auch nicht nett zu ihren Mädels.

Und Neukölln wandelt sich, auch ohne Buschkowsky. In der Weserstraße öffnen stilvolle Bars, Studenten und Kreative ziehen in schmucke Gründerzeithäuser in gepflasterten Alleen. So billig wie hier haben sie's in Kreuzberg nicht mehr. Die wunderbar-wunderliche Berliner Wurschtigkeit hat in diesem Kiez viel angerichtet. Zu lang sahen alle weg. Nun zeigt sie integrative Kraft. Auf dem Schlachtfeld Straße, das Buschkowsky suggeriert, verschwimmen die Fronten. Die Grundstimmung ist friedlich.

 

Tag der offenen Moschee

Am Basketballplatz beim Campus Rütli recken sich deutsche und türkische Burschen dem Korb entgegen. Auf dem Vorplatz ironisiert ein mannshoch gebautes Schwammerl den „Spaltpilz“ Bürgermeister. Eine Moschee lädt zum Tag der offenen Tür. Da erinnert sich der Leser an Buschkowskys kluge Idee, die Einbürgerung von einem Behördengang zur Feier auszubauen. Wo viele Migranten zum ersten Mal bewusst die deutsche Hymne hören, plötzlich mit Tränen in den Augen. Und sich der Bürgermeister denkt: „Na also, geht doch.“

Auf einen Blick

Heinz Buschkowsky (*1948 in Berlin) ist seit 2001 SPD-Bürgermeister des „Problembezirks“ mit seiner Migrantenrate von rund 41 Prozent (Migrantenquote bei Grundschülern: 65 bis stellenweise 86 Prozent). Über seine Erfahrungen schrieb er sein Buch „Neukölln ist überall“(Ullstein, 400 S., € 19,99).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)

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29 Kommentare
 
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Gast: Alex Thon
17.10.2012 19:53
0 0

Kritik

Wer als Journalist über ein derart brisantes Thema berichtet, der sollte sich , wegen des allgemeinen Vorwurfs der "Medienhetze" und der "Unehrlichkeit der deutschen Medien" schon befleißigen, keine Fehler in seinen Texten zu präsentieren.
Die Karl- Marx Allee befindet sich nicht in Neukölln, sondern in Friedrichshain, und hat wahrlich nichts von Neukölln.
Die Straße in Neukölln heißt Karl- Marx Straße und hier findet man genau das, was Buschkowski beschreibt.

mfG

Gast: ZARA
13.10.2012 13:57
0 15

Na, da hat ja der xenophobe Blaunenmob wieder seinen täglichen Ausgang uns macht ungeduldig sein gestiges Pipi!

Unglaublich diese Kommentare. Man muss sich für dieses Medium ja krummschämen.
Woanders würde man derartige Kommentare sofort dem Staatsanwalt schicken.

Re: Na, da hat ja der xenophobe Blaunenmob wieder seinen täglichen Ausgang uns macht ungeduldig sein gestiges Pipi!

Und haben Sie das schon gemacht? Handeln, nicht meckern.

Antworten Gast: Araz
13.10.2012 14:54
11 0

Re: Na, da hat ja der xenophobe Blaunenmob wieder seinen täglichen Ausgang uns macht ungeduldig sein gestiges Pipi!

Lesen sie einmal eine deutsche Zeitung, (eine echte, kein Linkes Hetzblatt), dort wird in den Foren die freie Meinungsäußerung noch hochgehalten.

Gast: historikerin
13.10.2012 12:59
17 0

Perversion hoch zwei

Es war ja schon pervers, dass bis vor 100 Jahren das arbeitende Volk die reichen und arbeitsscheuen Adeligen erhalten musste. Aber die waren immerhin meist gebildet und haben zumindest Kunstschätze und heute als schön geltende Anlagen hinterlassen. Aber es geht noch schlimmer. Heute arbeitet das Volk für die Erhaltung von ungebildeten gewalttätigen potenziellen Ungläubigenmördern. Unfassbar, was wir uns alles gefallen lassen. Es geht uns offensichtlich noch zu gut.

Antworten Gast: vorausschauen
14.10.2012 17:56
0 0

Re: Perversion hoch zwei

In Ö. wäre es erst 5 nach 12. Parallel-gesellschaften sind noch relativ klein. Kurz-als Einziger - trommelt um Aufmerksamkeit, damit endlich hierzulande eine Diskussion der Verantwortungsträger über die Zukunft unseres Landes beginnt. Sachliche Literatur zur Problemlage existiert ausreichend - es fehlt halt an interessierten Lesern in den Parteizentralen. Und es fehlt an Verantwortungsträgern. Bezahlt werden sie ja.

Antworten Gast: Callisto
13.10.2012 13:17
9 0

Re: Perversion hoch zwei

Spitzenkommentar.
Danke.

guter artikel!

gab auch einen bericht im fernsehen dazu. sind diese zustände auch in österreichischen städten vorstellbar? kindergartenpflicht ab zwei finde ich gut, aber für alle kinder aus nicht-deutschprachigen familien! alles andere wäre rassistisch!

Antworten Gast: muraene
13.10.2012 14:48
5 0

Re: guter artikel!

Solche Zustände braucht man sich in Wien und Graz und auch anderen Städten nicht nur vorzustellen. Ähnlichkeiten mit da handelnden Personen sind nicht zufällig und auch nicht frei erfunden.

Realität

Ein Buch und ein Artikel darüber die beide die einfache Realität wiedergeben.
Diese Realität wird auch von Vielen in Wien und anderswo in Österreich wahrgenommen.
Nur ist es nicht opportun dies öffentlich zu sagen und schon gar nicht politisch zu vertreten.
Das merken auch die Vielen hier, in Deutschland, Frankreich und anderswo.

Die Frage ist aber auch warum es nicht zulässig ist dieses Problem im Sinne der jeweils nationalen Bevölkerungen anzugehen, warum es mit Muss glatt gebügelt und totgeschwiegen wird.

Antworten Gast: aufmerksamer
14.10.2012 18:10
0 0

Re: Realität

Da Kurz der Einzige ist, der sich getraut, das Tabuthema anzusprechen: schreibt doch alle an die Partei-zentralen viele Mails und verlangt eine öffentliche Diskussion über die Gestaltung der Zukunft Österreichs. Diese Forum ändert gar nichts - die Politiker gehören an ihre Aufgaben erinnert. Immer wieder.
Die "Wiener Charta" wird nichts bewirken.

das ist mal ein interessanter, ausgewogener artikel...


...der informiert, gut geschrieben ist, und nur eine frage offen lässt:

wie konnte der nur in der "presse" erscheinen? hat der chefredakteur urlaub?

Nur eine Kleinigkeit

Aber die Straße in Neukölln ist die Karl Marx Straße, die K-M Alle ist in Friedrichshain

Die Entwicklung, die dort beschreiben wird war bereits in den 70er erkennbar, aber niemand wollte es sehen und wissen.
Gründe gibt es viele, z. Bsp. preisgünstigen Wohnraum. Und so kamen immer mehr türkische Leute in diesen Bezirk, ebenso wie auch nach damals "SO36" genannte Teil Kreuzberg, die sich den Wohnraum mit Studenten teilten.
Immer wurde gesagt:"Die werden sich integrieren!"
Nun weiß man, dass es nicht so ist, nun ist es zu spät!
Trotzdem ist Berlin eine schöne Stadt. Ich habe zwar keinen Koffer mehr in Berlin, denke aber immer wieder gerne an die Jahre in Berlin zurück!

Antworten Gast: Heimweh
13.10.2012 18:24
1 0

Re: Nur eine Kleinigkeit

Ich auch. Kottbusser Damm 1986 - 1990. Danach 15 Jahre Moabit. Da hab ich aber nicht nur noch einen Koffer, sondern einen ganzen Keller. Ein gutes Gefuehl. Berlin meene Suesse, ich hoffe, es wird noch mal was mit uns zwei.

Aber dafuer musst Du erst mal ein paar Läuse abschütteln.

Gast: um halb zehn
13.10.2012 09:36
8 0

Ich lese es gerade - das Buch wird Ihnen die Augen öffnen!!


Gast: Dullinger A
13.10.2012 09:16
12 1

Psssssst!, .....

Nur hinter vorgehaltener Hand!

ABER NICHT WEITERSAGEN!

In Wien wird es auch bald soweit sein!

Re: Psssssst!, .....

nein, in wien kam gerade ein diversitaetsmonitor heraus.

fakt ist. durch die umsichtige integrationspolitik der stadt wien gibt es hier fast keine probleme mit der Integration, vor allem aus dem orientalischen kulturkreis.

die migranten hier zahlen ins system ein, sind sehr qualifiziert, nutzen die angebote der stadt, lernen deutsch, sind nachweislich weniger kriminell als die osterreicher,

hier integrieren sie sich rasch und steigen bald auf, ihre kinder schicken sie auf bessere schulen.

islamischer fundamentalismus wird von ihnen verachtet, frauen fair behandelt. machogehabe als deplaziert abgelehnt.

(zusammenfassung der aussendungen der presseabteilungen und buntmagazinen der stadt)


Antworten Antworten Gast: Altkater1
13.10.2012 14:01
3 0

Re: Re: Psssssst!, .....

Den letzten Satz ganz unten hättens fett hervorheben sollen!

Weil bis dorthin schaffts fast keiner ohne daß einem die Zehennägel aufrollt!

na - die hose schon voll?


Gast: woku8
13.10.2012 08:35
6 0

sehr lesenswert

Das Buch lebt von der Authentizität. Bei dieser klaren Sprache hat Buschkowsky seine politische Karriere aufs Spiel gesetzt und dafür hat er Respekt verdient. Wer ihm Vorwirft, dass er kein Lösungen anbietet, soll nochmal genauer lesen. Er hält eine konsequentere Vorgehensweise (z.B. nur Geld wenn die Eltern sich ums Kind kümmern...) für angebracht und gibt der Bildung eine zentrale Rolle. Der SPD Bürgermeister ist für die konsequente die Gangart und unser ÖVP Staatssekretär Kunz ist ein Gutmensch.

Gast: Wiener
13.10.2012 08:12
9 1

Wenn wir Multikulti nicht wollen müssen wir uns wehren.

Sonst ändert sich nichts!
Politiker schauen immer nur auf den sie bedienenden Futtertrog.

es darf

natürlich der Verweis auf Neonazis nicht fehlen, während in umgekehrten Berichten der Verweis auf arab. Einwanderer immer fehlt.
Wenn dieses posting durchgeht, dann ist es ein Wunder, weil zwei Reizwörter drinnen sind, die immer verhindern, dass meine postings durchgehen, während andere beleidigen können, was das Zeug hält. Unfaires Forumsdiktat.

Berlin muss in manchen Vierteln aufpassen, dass die deutschen auch politisch dereinst zur absoluten Minderheit werden.

Prag ist zb innerhalb weniger Jahrzehnte von einer deutschsprachigen Stadt zu einer überwiegend tschechischen geworden. am Ende stand sogar die Vertreibung der letzten 30.000 deutschsprachigen Prager 1945 aus der Altstadt.

Re: Berlin muss in manchen Vierteln aufpassen, dass die deutschen auch politisch dereinst zur absoluten Minderheit werden.

Genau. Und nicht vergessen: Davor gab es den 2. WK.

2 0

Re: Berlin muss in manchen Vierteln aufpassen, dass die deutschen auch politisch dereinst zur absoluten Minderheit werden.

was genau wollen sie uns sagen?

Über das Buch hab ich schon vor drei Wochen gelesen. Etwas spät der Artikel.
Die stimmungsmachenden Szeneschilderungen klingen zwar ganz nett. Man muss sich allerdings fragen, ob der Autor das aus einer Sat 1 Reportage hat. Schwer zu glauben, dass das eine "Vor Ort"-Berichterstattung ist.

 
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