London. Kneipen und Nachtklubs galten schon vor fast 100 Jahren Puritanern und den Verfechtern der Prohibition als sündige Lasterhöhlen, in denen der „Teufel“ Alkohol fließt und Kriminalität sprießt. Dieser Logik folgend hat nun der frisch gebackene Chef der Sondereinheit für Sexualdelikte bei der Londoner Polizei Pubs und Klubs in der Hauptstadt ins Visier genommen.
Kneipen, in deren Räumen oder in deren Umfeld statistisch gesehen besonders viele Sexualstraftaten vorkämen, würden künftig ihre Alkohollizenz verlieren und geschlossen, sagte Michael Duthie in einem Interview mit dem „Guardian“: „Wenn einer nachts auf der Hauptstraße von Lewisham (Stadtteil von London, Anm.) eine Glasflasche in den Hals gerammt bekommt, dann würden wir auch die Lizenzregeln nutzen, um den Laden zu schließen. Nur für Sexualstraftaten haben wir das bislang nicht getan.“
In Großbritannien werden Frauen nach einer Erhebung der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2010 fast dreimal so häufig Opfer einer Vergewaltigung wie etwa in Österreich. Zwar ist die Zahl der gemeldeten Fälle in London im vergangenen Jahr um 15 Prozent gesunken, doch Duthie vermutet, dass viele Frauen schlicht das Vertrauen in die Polizei verloren hätten und gar nicht erst Anzeige erstatten würden.
Ungewöhnliche Methoden
Seine Sondereinheit machte jüngst Schlagzeilen, weil ein Beamter über Jahre ein Dutzend Vergewaltigungsfälle nicht untersuchte, Beweismittel unterschlug und so Verurteilungen verhinderte.
Duthie will nun das Image seiner Einheit aufpolieren und mit ungewöhnlichen Methoden auch nie überführte Sexualstraftäter aus dem Verkehr ziehen: „Das sind ,Al-Capone-Taktiken‘. Wir werden sie vermutlich wegen etwas anderem als Vergewaltigung verurteilen. Aber wir wollen sie nicht da draußen haben und zulassen, dass sie Sexualstraftaten verüben – und wenn sie den Führerschein entzogen bekommen oder wegen Waffenbesitzes eingesperrt werden, dann hilft das auch, Vergewaltigungen zu verhindern.“
Die „British Beer and Pub Association“ reagierte verstört auf die Pläne: „Wir sind schon etwas verwundert“, erklärt Sprecher Neil Williams im Gespräch mit der „Presse“. „Schließlich gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass solche Verbrechen besonders häufig in Kneipen und Bars stattfinden. Außerdem klingt das ja fast so, als ob die Polizei die Kneipenbetreiber mitverantwortlich machen würde.“ Der Branchenvertreter weiter: „Aber bei einer Vergewaltigung ist schließlich nur der Täter selbst verantwortlich.“
„Frauen wird nicht geglaubt“
Auch die Opferorganisation „Women Against Rape“ wies die neue Strategie als „Ablenkungsmanöver“ zurück. Frauen scheuten sich, zur Polizei zu gehen, weil ihnen zu oft nicht geglaubt und in 90 Prozent der Fälle die Täter nicht verurteilt würden. „Die Opfer wollen, dass die Täter wegen Vergewaltigung verurteilt werden und nicht wegen irgendetwas anderem“, sagt eine Sprecherin.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2012)
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