Wien/Dubai. Eugen Adelsmayr wirkt gefasst. Er nimmt sich Zeit, erklärt in Ruhe seine Situation und spricht über seine Erwartungen für das Urteil in einem Prozess, der bereits 461 Tage andauert. Dem 53-jährigen Oberösterreicher und einem indischen Kollegen wird vorgeworfen, im Februar 2009 einen Patienten in Dubai, Vereinigte Arabische Emirate (VAE), durch unterlassene Hilfeleistung und eine erhöhte Dosis Opiate getötet zu haben. In seiner Anklage forderte der Staatsanwalt die Exekution des Bad Ischlers. Das Urteil soll am Sonntag in Abwesenheit Adelsmayrs verkündet werden (Chronologie des Falles).
Herr Adelsmayer, was erwarten Sie sich von dem Urteil?
Ich wäre überrascht, wenn es ein Urteil gibt. Bisher kam immer alles anders als erwartet oder vorhergesagt. Ich kenne das System und weiß mittlerweile, wie die denken und reagieren. Es hat auch vom Mitangeklagten kein Plädoyer gegeben. Als hätte jemand gesagt: Macht jetzt Schluss, und die Notbremse gezogen. Das ergibt rein rechtlich überhaupt keinen Sinn.
Sie sagen, nie die Anweisung zur Unterlassung einer Reanimation gegeben zu haben und sprechen von einer Krankenhaus-internen Intrige gegen Sie. Wie ist das Ihrer Ansicht nach abgelaufen?
Der Auslöser war die Mitarbeiterbeurteilung des Jahres 2008. Zwei Ärzte waren extrem unzufrieden mit meiner Beurteilung. Die haben sich dann zusammengetan und gegen mich intrigiert.
Haben Sie konkrete Drohungen gegen Sie ausgesprochen?
Mit dem Oberarzt hat es schon lange gekriselt. Jetzt fand er eine verwandte Seele in dem zweiten Arzt, sie grüßten mich nicht mehr und saßen immer beisammen. Einmal sagte Hassan F. zu mir: „Wenn ich dich absteche, kriegst du nichtmal mit, dass ich es war". Mittlerweile hat er sich nach Australien abgesetzt, nachdem er merkte, dass es auch für ihn brenzlig werden könnte.
Und dieser Arzt hat auch die Klage gegen Sie eingereicht?
Beide. Ein Patient starb, eine medizinisch völlig unspektakuläre Geschichte, aber die beiden Ärzte fingen an, einen Fall zu konstruieren. Sie sagten, ich hätte mündlich angeordnet, dass der Patient nicht wiederbelebt werden soll und ich durch einige Therapieanweisungen den Tod herbeigeführt hätte. Meine Berufung wurde schon vom Higher Committee for Medical Liability behandelt, da haben die beiden Ärzte in Vertretung der Dubai Health Authority (DHA) parallel zu den laufenden Untersuchungen Anzeige bei der Polizei erstattet. Keiner kannte sich mehr aus, wie das rechtlich überhaupt möglich ist, denn die höchste Bundesinstanz untersuchte ja bereits den Fall und sprach mich später auch von allen Vorwürfen frei.
Was geschah als nächstes?
Mir wurde der Pass abgenommen, die Sache landete beim Staatsanwalt. Anfang Juli 2011 wurde der Akt ans Gericht weitergegeben. Während die Untersuchungen sich vorher mit Fahrlässigkeit beschäftigte, hieß es dann, es wäre geplanter Mord gewesen.
Aber Sie wurden entlastet: Die Krankenschwestern sagten, so eine Anweisung dürfe gar nicht mündlich erfolgen. Dann wurde klar, dass die Anklage auf einem manipulierten Dokument beruht. Wie erklären Sie sich, dass all das nichts genutzt hat?
Das kann ich nicht erklären. Wir durften diesen Untersuchungsbericht der DHA, auf dem der Staatsanwalt seine Anklage aufbaute, nicht sehen. Es war eine private Übersetzung vom Englischen ins Arabische, nicht autorisiert, die mit dem ursprünglichen Dokument nichts mehr zu tun hatte. Wir haben bewiesen, dass das Gutachten eine massive Fälschung ist und dass der Arzt Ashraf H., ein guter Freund von Hassan F., es manipuliert hatte. Aber das Gutachten wurde im Auftrag der DHA gemacht und gegen die darf als staatliche Behörde per Erlass vom Herrscher nicht ermittelt werden. Das Original hält fest, ich nichts mit dem Tod des Patienten zu tun hatte, in der Übersetzung heißt es dann plötzlich, dass ich die Anweisung gegeben hätte, nicht zu reanimieren. Die Zeugen der Anklage sagten auch, dass ich die Anweisung nicht gegeben hätte, dass sie nur davon gehört hätten, auf der Station. Das einzige, was blieb, ist das gefälschte Dokument.
Was für einen Eindruck bekamen Sie von der Justiz der VAE?
Das Justiz zu nennen, ist fast eine Übertreibung. Es war nicht möglich, auch nur eine Prozessordnung zu erfragen. Da wird nach Gutdünken, völlig freihändig agiert. Das ist nicht so wie bei uns, wo oben der Richter sitzt und unten Staatsanwalt und Verteidigung sich Duelle liefern. Der Richter ist nichts anderes als der verlängerte Arm des Staatsanwaltes. Die arbeiten ganz eng zusammen und sitzen auch auf der Richterbank neben einander. Der Zugang ist der, dass man primär schuldig ist und beweisen muss, dass man unschuldig ist.
Glauben Sie, es wäre auch soweit gekommen, wenn Sie Einheimische gewesen wären?
Nie, das ist völlig undenkbar. Das ist eine zwei Klassen Gesellschaft. Die Herrenrasse sind die Emiratis und der Rest muss sich unterordnen. Sie stehen in einer extremen Abhängigkeit von ausländischen Arbeitskräften. Das ist ihnen bewusst, daher kommt diese Hass-Abhängigkeit. Sie halten sich die Experten, wie man sich ein exklusives Haustier halten würde.
Was war der größte Schockmoment für Sie?
Nach meiner Einvernahme sagte der Staatsanwalt, ich sei der vorsätzlichen Tötung angeklagt. Anfangs hatte er gesagt, ich werde einvernommen wegen Vorwurfs auf Fahrlässigkeit. Meine Anwältin sackte in sich zusammen. Draußen sagte sie mir, darauf stehe der Tod. Das war ein schwerer Schock, ich brauchte drei Tage, um wieder halbwegs zu funktionieren. Dann kam heraus, dass meine Frau todkrank ist. Zuvor hatte ich gedacht, ich kann selbst auf mich aufpassen und dass meine Frau daheim schon über die Runden kommt. Ich dachte also: Das war's, erschießt mich jetzt, wenn ihr wollt. Ich fand mich damit ab. Durch das Akzeptieren des möglichen Todes schaffte ich Abstand und konnte wieder agieren. Durch die Sache mit meiner Frau haben diese Überlegungen aber nicht mehr gepasst. Die Ärzte gaben meiner Frau noch sechs bis 12 Wochen zu leben. Ich dachte, ich sehe sie nie wieder.
Wieso kehrten Sie trotz allem drei Mal nach Dubai zurück?
Ich wollte primär meine Unschuld beweisen und auch rechtlich zurück schlagen. Beim dritten Mal knallte meine Anwältin die Fälschung auf den Tisch, daneben das Original. Wir gingen alle davon aus, dass die Fälscher jetzt fällig sind, aber dem war nicht so. Ich will die Verantwortlichen aber auch jetzt nicht davon kommen lassen, ich komme erst zur Ruhe, wenn sie zur Rechenschaft gezogen werden. Das war meine Motivation, immer wieder hinunter zu fahren. Außerdem hatte ich vor der Ausreise mein Wort gegeben, wieder zu kommen.
Ab wann war klar, dass Sie nicht mehr zurück kehren würden?
Das war Ende Jänner. Ich hätte an dem Tag, als meine Frau starb, abfliegen sollen, das kam überhaupt nicht in Frage. Ich blieb dem Verfahren unentschuldigt fern. Wäre ich danach noch geflogen, hätten sie mich noch am Flughafen verhaftet, ich hätte den Prozess als Gefangener mitverfolgt. Nachdem klar wurde, dass die Fälscher des Dokumentes ungeschoren davon kommen, wäre es auch nicht mehr mutig gewesen, sondern nur noch dumm, wenn ich, bei Androhung der Todesstrafe, wieder herunter geflogen wäre.
Was würden Sie tun, wenn Sie freigesprochen werden?
Das ist unwahrscheinlich, aber dann würde ich mit meiner Anwältin besprechen, wie wir zum Gegenschlag gegen Ashraf H. und Hassan F. ausholen können.
Würden Sie im Falle eines Schuldspruches berufen?
Das kann ich nicht, weil ich nicht im Land bin. Meine Anwältin will, dass ich für ein Berufungsverfahren nach Dubai fliege und wenn nötig ein oder zwei Jahre dort im Gefängnis sitze, weil wir ein Berufungsverfahren sicherlich gewinnen würden. Das ist verrückt, das werde ich sicher nicht tun.
Wie zufriedenstellend war die Unterstützung durch die österreichischen Behörden?
Ich habe mir natürlich mehr erwartet, aber sie haben getan, was sie konnten. Sie sind natürlich dort unten auch sehr eingeschränkt, sie haben nicht viel Handlungsspielraum. Elisabeth Ellison-Kramer (Chefin der Rechtsabteilung im Außenministerium, Anm.) hat knallhart für mich verhandelt, damit ich ausfliegen durfte.
Raten Sie jetzt davon ab, in die VAE zu fahren?
Ich rate jedem, beim geringsten Anzeichen von Schwierigkeiten das Weite zu suchen. Vor allem als Österreicher sind wir international unter der Wahrnehmungsgrenze. Für einen Briten oder Amerikaner hätte das anders ausgesehen. Österreich kennt niemand, da hat die Intervention wenig Gewicht. Präsident Heinz Fischer hat ja auch angeboten, mit Scheich Muhammad zu sprechen (Muhammad bin Raschid Al Maktum, Herrscher Dubais und Premierminister der VAE, Anm.). Doch der Scheich ließ ausrichten, Fischers Anruf sei nicht erwünscht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20. Oktober 2012)
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