Wenn das aktuelle System fortbesteht, sind wir schwer besorgt, dass die Anzahl der Familienmitglieder, die den Kaiser in seinen Pflichten unterstützen oder als sein Stellvertreter agieren können, gen null tendiert.“ So lautet der so nüchterne wie düstere Befund eines Papiers der japanischen Regierung.
Ein knappes Jahr haben sich die höchsten Volksvertreter mit dem Fortbestehen ihrer Kaiserdynastie beschäftigt. Ernste Probleme wie die Staatsverschuldung von mehr als 200 Prozent des BIPs, eine schon länger anhaltende Deflation und nun auch noch ein Territorialkonflikt mit China konnten die Politik nicht davon abhalten, sich dem Thema intensiv zu widmen. Schließlich hatte das Kaiserliche Hofamt gebeten, dass schnellstmöglich eine Lösung gefunden werde.
Japans Kaiserhaus steht vor einem Existenzproblem. Der Familie mangelt es nach offizieller Auffassung schon länger an Thronfolgern und darüber hinaus sogar an genug Mitgliedern, um die ihr zugeteilten staatsmännischen Aufgaben zu erfüllen. Wenn sich dies nicht auf natürlichem Wege durch eine höhere Reproduktionsrate ändere, so die Einschätzung der Verwaltung, dann müssten eben neue Erbregeln her.
Nur 22 Personen in direkter Linie
Außer dem aktuellen Kronprinzen Naruhito (Jahrgang 1960) und dessen jüngerem Bruder Fumihito (1965) gab es bis vor sechs Jahren keinen jüngeren möglichen Thronfolger, bis Prinz Fumihitos Ehefrau im September 2006 den Buben Hisahito gebar. Er steht seitdem auf Rang drei der Thronfolge, ist aber der einzige Kandidat seiner Generation.
Sollte ihm etwas zustoßen oder er keine männlichen Nachkommen zeugen, würde das Ende der Kaiserfamilie nahen. Ein schon gegenwärtiges Problem ist, dass weibliche Familienmitglieder nach einer Heirat mit einem Bürgerlichen ihren königlichen Status verlieren. Die direkte kaiserliche Familie besteht nur aus 22 Personen. Um der Lage Herr zu werden, hat die Regierung um Premier Yoshihiko Noda vorgeschlagen, weiblichen Nachkommen in jedem Fall, auch nach Heirat mit bürgerlichen Männern, ihren königlichen Status zu lassen. Zudem schwelt die Diskussion, ob nicht schließlich auch Frauen wieder für die Thronfolge zugelassen werden sollten.
Tatsächlich gab es Situationen, in denen eine Frau den Thron bestieg, wenn auch meist nur vorübergehend, bis ein männlicher Nachfolger das nötige Alter erreicht hatte. Mit den Meiji-Reformen im späten 19. Jahrhundert, die viele Historiker als Japans Eintritt in die Moderne verstehen, änderte sich die Lage. Das preußische Erbfolgemodell wurde übernommen, das sowohl ein striktes Verbot weiblicher Staatsoberhäupter vorsah als auch das Verbot von Polygamie. Nach der Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg, als die Verfassung des Staates neu geschrieben wurde, wurde der Kreis potenzieller Thronfolger weiter eingeschränkt, sodass heute nur noch Söhne, männliche Enkel, Brüder oder deren männliche Nachkommen als Kaiser infrage kommen.
Regierung drängt auf Lösung
In den Augen der Bevölkerung ist die Einbeziehung der weiblichen Blutlinien eine gute Idee. Im Parlament freilich stößt die regierende Demokratische Partei Japans (DPJ) mit dem Vorschlag, bürgerlich verheiratete Frauen in der Kaiserfamilie zu bewahren, auf Widerstand. Insbesondere die konservativen Liberaldemokraten (LDP), die derzeit größte Oppositionspartei, wollen verhindern, dass durch so einen Schritt womöglich einmal Frauen Kaiser werden könnten.
Was der Kaiser selbst dazu sagt, interessiert bisweilen wenig. Durch Artikel 4 der japanischen Verfassung ist es ihm verboten, Einfluss auf regierungspolitische Angelegenheiten zu nehmen. So wurden auch seine Verwandten nicht befragt. Das macht die Lage für die Regierung um Yoshihiko Noda und die weiteren Parteien im Parlament noch ernster.
„Die Regierung muss weiterhin die Diskussionen vorantreiben, um das kaiserliche Hausrecht zu reformieren“, kommentierte die Tageszeitung „Yomiuri Shimbun“. Zwar rückte das Thema bei den letzten Plenarsitzungen zunächst wieder in den Hintergrund, weil die Reform des Steuersystems und der sozialen Sicherung dringlicher erschien. Aber als der Befund der Regierung samt ihren Vorschlägen veröffentlicht wurde, schaffte es die Kaiserfrage gleich in mehreren Zeitungen auf die Titelseiten. Und der sonst viel kritisierte Premier Noda erhielt Lob dafür, die Sorgen des Kaiserhauses mit so viel Dringlichkeit zu behandeln.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2012)
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