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L'Aquila-Beben: Sechs Jahre Haft für Wissenschaftler

23.10.2012 | 10:05 |  von unserem Korrespondenten Paul Kreiner (Die Presse)

309 Menschen starben beim Beben von L'Aquila. Sechs Seismologen und ein Zivilschützer wurden verurteilt, weil sie die Risiken herunterspielten.

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[ROM] 309 Menschen starben, als im Frühjahr 2009 im mittelitalienischen Bergstädtchen L'Aquila die Erde bebte. Dreieinhalb Jahre später gab es Montagabend ein juristisches Nachbeben, und dessen Erschütterungen sind gewaltig.

Weil sie nicht ausreichend vor dem Beben gewarnt hätten, wurden sechs italienische Spitzenforscher und der Vizechef der Zivilschutzbehörde zu je sechs Jahren Haft und zur Zahlung von 7,8 Millionen Euro Schadenersatz verurteilt. Der Staatsanwalt hatte vier Jahre verlangt, die Verteidigung auf glatten Freispruch plädiert.
Der Richter sah „vielfache fahrlässige Tötung" als erwiesen an. Er befand, die Wissenschaftler hätten mit beschwichtigenden Äußerungen die Bürger allzu sehr in Sicherheit gewiegt. Die Einwohner hätten sich nach der Beruhigung durch die Wissenschaftler vertrauensvoll in ihre Häuser zurückgezogen. Mindestens 29 Menschen seien nur deshalb zu Tode gekommen. Erschlagen von Trümmern, als sich am frühen Morgen des 6. April 2009 jene Erdstöße ereigneten, durch die das historische Zentrum der 70.000-Einwohner-Stadt bis heute verwüstet ist. Die Verteidigung wies darauf hin, dass sich nach wissenschaftlicher Weltmeinung der Zeitpunkt eines Bebens nicht voraussagen lasse.

„Beruhigt ein Glas Wein trinken"

Der entscheidende Punkt: Die sechs Wissenschaftler und der Vizechef der Zivilschutzbehörde hatten sechs Tage vor dem Beben in L'Aquila beraten. Seit Weihnachten hatte die Erde täglich gebebt, die Bürger waren unruhig. Darauf beschloss Guido Bertolaso, Italiens oberster Zivilschützer, in einem „Event für die Medien" sollten Italiens vereinte Spitzenforscher die Leute „beruhigen, Besorgnisse zerstreuen und sofort jedweden Schwachkopf zum Schweigen bringen", der vor einem Großbeben warnte.

Zwar diskutierten die Wissenschaftler bei ihrem einstündigen Treffen - bei dem sie die Daten nur oberflächlich beurteilen konnten - die Lage durchaus unterschiedlich, Bertolasos Vize aber trat vor die Fernsehkameras und sagte: „Die Wissenschaftler bekräftigen, dass keine Gefahr besteht." Und: die Bewohner sollten ruhig in ihre Häuser zurückkehren „und ein Glas Rotwein trinken." Sechs Tage später waren L'Aquila und fünfzig Gemeinden in der Nähe verwüstet.
Praktisch wurden also nicht wissenschaftliche Aussagen verurteilt, sondern politische - jene der Zivilschutzbehörde. Stellt sich also die Frage, ob in den Wissenschaftlern überhaupt die richtigen Personen vor Gericht standen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2012)

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86 Kommentare
 
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Gast: Sies Mologe
24.10.2012 06:56
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Höher Studien

Sollten einmal versuchen, die Propheten der Wirtschaft in die Pflicht zu nehmen.
.
Mehrere hundert Jahre Haft wären den verschiedenen Schwätzern in den "Instituten" sicher; ganz zu schweigen von den Meinungsforschern und -machern!

Gast: phj
23.10.2012 15:00
0 0

Bevor ein Politiker zur Verantwortung gezogen wird

müssen vorher alle alle Anderen ran.

Die Wissenschaftler bekräftigen ...

Leider sind wir wieder auf dem Weg der 60er und 70er Jahre, als die Aussagen der Wissenschafter als alleine gültig und sie selber als heilige Kuh erachtet wurden. Später in den 80ern wurde gehörig an der Kompetenz den wissenschaftlichen Voraussagen gekratzt. Trotz Tschernobil und Fukushima wird heute die Wissenschaft wieder als die allwissende Institution angesehen, ohne daß sie ernsthaft hinterfragt oder gar Kritik daran geübt wird. Und die Politik verweist in ihren Entscheidungen immer mehr auf "wissenschaftliche" Ergebnisse, obwohl von einer unabhängigen Wissenschaft nur mehr selten die Rede sein kann.

Daher ist die Wissenschaft maßgeblich an unserer jetzigen allgemeinen Misere mitschuldig. Nur einige wenige Beispiele wo Wissenschaft eine zweifelhafte, volkswirtschaftlich nicht hinterfragte, Rolle spielt:
Atomphysik (Kerntechnologie),
Molekularbiologie (Gentechnik, Klonen etc.)
Chemie (Umweltgifte),
Geologie (Abbau von Schwermetallen, Schiefergas, Erdölbohrungen in der Tiefsee und am Nordpol)
Medizin (Großmutter wird "Mutter")
Etc. etc. Beispiele gäbe es zum Säuefüttern.

Wohin man schaut wendet sich ein nicht unerheblicher Teil der Wissenschaft - aus fadenscheinigen Fortschrittsgründen - gegen unsere einzige Welt nur des Geldes wegen.

Diese Erdbebenforscher waren mit ihrer überheblichen Meinung am Holzweg. Sie sollten das Geständnis machen, daß sie von ihrer Wissenschaft nichts verstehen. Und es sollte für alle anderen Wissenschafter ein Fingerzeig sein.

italienische Justiz


Wahrscheinlich wurden hier aus Eitelkeit Frühwarnungen unterlassen. Daher finde ich diese Bestrafung sehr gerecht. Schnelles Urteil! warum geht das beim Berlusconi nicht genauso schnell?

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Der italienische Staat

hat in Aquila derart massiv versagt, dass es kein Wunder ist, dass man "Verantwortliche" - natürlich außerhalb der Politik - sucht und findet.
Schuldig an einem Elementarereignis - lächerlich!

Gast: moralos
23.10.2012 11:41
3 1

Als Wissenschafter sollte

man keine öffentlichen Kommentare mehr abgeben. Die Gerichte werden die Aussagen gegen sie verwenden. So ein schwachsinniges Urteil.

Gast: Berl Usconi
23.10.2012 11:13
2 0

Schlussfolgerung: Politiker, deren Versprechungen nicht wahr werden, ebenfalls einsperren!


Antworten Gast: moralos
23.10.2012 11:41
2 0

Re: Schlussfolgerung: Politiker, deren Versprechungen nicht wahr werden, ebenfalls einsperren!

dann gibt es keine mehr

Antworten Antworten Gast: gast1984
23.10.2012 12:34
1 0

Re: Re: Schlussfolgerung: Politiker, deren Versprechungen nicht wahr werden, ebenfalls einsperren!

Das wäre super!

1 0

Ein Signal, oder doch eine Abschreckung?

Leider steht nicht all zu viel über die Urteilsbegründung und es gibt auch keinen Link auf die Italienische Presse.
Werde mich jedenfalls heute spät nacht mit meinen spärlichen Italienischkenntnissen auf die Suche machen.
War das Urteil gerecht, ist es eine Abschreckung, seine Meinung als Wissenschafter dem Wunsch der Brotgeber anzupassen. Ein Hinweis auf einen starken unabhängigen Richter, der sich nicht pflanzen lässt.
War das Urteil ungerecht, wird es Seismologen wohl davor abschrecken, für Italien zu arbeiten. Und was dann reinkommt, muss nicht seriös sein, sondern warnt vor jedem Pipifax.
In dem Fall ein Hinweis auf einen unberechenbaren, willkürlichen Richter, der in der Folge unendliche Bürokratie erzeugt, wo jede Meinung noch 5 Mal überprüft und genehmigt werden muss.

Kann man jetzt

nicht eingehaltene Wahlversprechen auch einklagen?

Gast: MSt24
23.10.2012 10:13
4 1

Bitte die Kommentare etwas schärfen!

Offensichtlich kann niemand große Erdbeben voraussagen.

Niemand weiss das besser als die "Experten".

Hätten sie genau das gesagt, statt den Kommentar des abwiegelnden Kommentators abzunicken, wären sie unschuldig.

Es ist halt so, dass man als "Experte" mal auch Zivilcourage zeigen muss. Ein für Österreicher schier unglaublicher Gedanke, sicher auch neu für Italien.

ein Paradigmenwechsel

Wissenschaftler sind gewohnt, dass ihre Arbeiten auf ihre Existenz keinen Einfluss haben. Meist haben sie ein sicheres Einkommen vom Staat und können dieses durch Gefälligkeitsgutachten etwas aufbessern. Bei unterschiedlichen Gutachten oder Expertenmeinungen muss der Richter oder die Bevölkerung eine eigene Meinung suchen. Für den Wissenschaftler oder Gutachter ist das konsequenzenlos.
Oder nun nicht mehr. Das wird viel verändern.

Italienische Gerichte

sind Spaghetti und Pasta, Pasta und Pasta.
Basta.
Sonst nichts.

und was passiert mit guido bertolaso?

es liest sich hier schließlich so, als wäre er der initiator gewesen.

Super Urteil jeder hat seine Verantwortung und Konsequenzen zu tragen.


Antworten Gast: Peter M.
23.10.2012 10:00
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Re: Super Urteil jeder hat seine Verantwortung und Konsequenzen zu tragen.

Ganz schön anspruchsvoll zu verlangen dass Erdbeben, Hochwasser, Lawinen usw. richtig vorhergesagt werden bzw, davor rechtzeitig gewarnt wird. Die Fussnote bzw. der Zusatz "ohne Gewähr" wird in Zukunft wohl auch beim Wetterbericht zu lesen sein.

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Re: Re: Super Urteil jeder hat seine Verantwortung und Konsequenzen zu tragen.

"Ganz schön anspruchsvoll zu verlangen ..."

Richtig!

Diese Irren haben vorausgesagt, dass KEIN Erdbeben kommt, obwohl sie das gar nicht können.

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Hier werden die Seismologen ziemlich einstimmig verteidigt.

Ich sehe das anders.
Nach so einer Bebenserie Entwarnung zu geben und alle Warnungen als Schwachsinn abzutun ist grob fahrlässig.

Noch kann niemand Beben verlässlich prognostizieren.
Aber ebenso kann niemand verlässlich ein Grossbeben ausschliessen.
Und schon gar nicht nach einer vorausgegangenen Bebenserie.

Wer vorgibt, zu WISSEN, dass KEIN Beben kommt macht sich lächerlich.
Wer das aber ein Seismologe ist, macht er sich u.U. strafbar.

Re: Hier werden die Seismologen ziemlich einstimmig verteidigt.

zuerst informieren, dann erst Kommentar schreiben.

4 3

Re: Hier werden die Seismologen ziemlich einstimmig verteidigt.

Damit die Schwachköpfe hier noch eine weitere Möglichkeit für ein "Minus" haben:

Damals gab es ja durchaus drastische Warnungen. z.T. von Seismologen, die andere Methoden als der "Seismologen-Mainstream" verwendeten.
Die wurden von den "Betonkopf-Seismologen" als Unfug abgetan.
Alleine dafür gönnen ich denen die Haft!

Gast: seismograf
23.10.2012 09:04
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wahnsinn mit methode

Möglicherweise haben sich die Wissenschafter durch ihre die Fehleinschätzung der damaligen Situation ins Abseits manövriert, Tatsache ist aber, dass eine sichere, auf Tag und Datum festgelegte Vorhersage von Erdbeben noch immer nicht möglich ist. Auch die heurigen Beben in Norditalien kamen für viele eher überraschend. Eine Tatsache, die niemand bestreiten kann, ist, dass Beben der Stärke von ca. 5-6 in Japan oder Kalifornien kaum Schäden oder Opfer mit sich gebracht hätten. Dass es in Italien immer wieder Erdbeben dieser Art gibt, ist seit Jahrtausenden bekannt. Es stellt sich eher die Frage: Gibt es keine entsprechenden Bauvorschriften? Wer ist dafür verantwortlich, dass es bei Bauten neueren Datums auffälligerweise zu besonders schweren Beschädigungen mit vielen Todesopfern kam. Diese verantwortlichen Leute aus Bauwirtschaft und Politik hat bisher keiner vor Gericht gesehen.

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Re: wahnsinn mit methode

Natürlich hat die keiner vor Gericht gesehen. Die haben die "Macht" und sind ziemlich unangreifbar. Und wenn´s einmal eng wird, sucht man sich halt ein paar Blitzableiter / Bauernopfer.
Dafür spricht ja auch, dass nicht Bertolaso vor Gericht stand, sondern sein Vize.

Gast: Peter M.
23.10.2012 08:51
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Na dann....

Schauen wir einmal was die Lawinenkommissionen diesen Winter machen. Sperrung bei jeder Schneeflocke? Hochwasserwarnung beim nächsten Schnürlregen? Christa Kummer im Gefängnis weil Wetterbericht falsch und vielleicht dadruch jemand zu Scahden gekommen ist?

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Das wird nicht passieren,...

...weil bei unberechtigter Warnung gibt's ja auch "ein paar hinter die Ohren".

Realistischerweise wird es zwar die entsprechenden Kommissionen geben, die werden aber keine Mitglieder haben, weil sich niemand diesem Risiko aussetzt - und niemand gezwungen werden kann, da mitzumachen.

Frau Werlhof

"Das waren keine Naturbeben! Die Wissenschaftler sind unschuldig! Die USA sind nämlich schuld!"

 
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