Washington. Womöglich ist „Frankenstorm“ die „Oktober-Überraschung“, die noch jeden US-Präsidentschaftswahlkampf der jüngeren Geschichte prägte. Der Kurs des „Monstersturms“ wirbelte jedenfalls die Marschroute der Kandidaten im Wahlkampf-Finish gehörig durcheinander. Er zwang zu einer Änderung der Reisepläne durch die Swing States, und er könnte die vorzeitige Stimmabgabe erheblich beeinträchtigen.
Seit Tagen beherrscht der heranziehende Hurrikan „Sandy“ die Schlagzeilen und drängt die politischen Botschaften in den Hintergrund. Angesichts möglicher Stromausfälle könnten zudem die TV-Schirme in den Vorstädten von New York, Philadelphia, Baltimore oder Washington tagelang schwarz bleiben. Die Wirkung der Werbespots, konzipiert als Schlussoffensive, würde somit verpuffen.
Obamas Doppelrolle
Mitt Romney sagte am Sonntag seine Kundgebungen in Virginia ab und wich stattdessen auf Ohio aus. Präsident Barack Obama reiste verfrüht nach Florida, wo er am Montag an der Seite von Ex-Präsident Bill Clinton auftreten wollte. Zuvor hatte er im Stundentakt Interviews absolviert. Auf MTV buhlte er um die Jungwähler, im Frühstücksfernsehen, der MSNBC-Show „Morning Joe“, um seine linksliberalen Anhänger.
In seiner Doppelrolle als Krisenmanager und Wahlwerber balanciert Obama auf schmalem Grat. Er kann in den kommenden Tagen seinen Amtsbonus nutzen, ihn aber auch durch ein Stakkato von Wahlauftritten aufs Spiel setzen. Die blamable Vorstellung George W. Bushs in den Wirren des Hurrikans Katrina 2005 ist allseits noch in lebhafter Erinnerung.
Im Vorfeld von „Franken-storm“, dem „Monstersturm“ am Vorabend von Halloween, geisterten Katastrophenszenarien umher. Wie üblich trotzten die „Wetterfrösche“ des US-Fernsehens der aufschäumenden Gischt an den Stränden der Atlantikküste, die Stromversorger warnten in automatisierten Telefonanrufen vor bevorstehenden Stromausfällen. Gouverneure riefen in mehreren Bundesstaaten prophylaktisch den Notstand aus, die Nationalgarde war in Alarmbereitschaft versetzt.
Am Sonntag zogen dann Windböen und Regenschauer, die Vorboten des Hurrikans „Sandy“, über die US-Ostküste. Der Sturm sollte nach letzten Prognosen in der Nacht auf Dienstag bei Vollmond in Delaware und New Jersey, auf halbem Weg zwischen Washington und New York, auf Land treffen – und den Alltag der Amerikaner aus den Fugen bringen.
Flugverkehr beeinträchtigt
In der Region von 60 Millionen Einwohnern werden zwei Wettersysteme mit Wucht aufeinanderprallen: der Tropensturm „Sandy“ und eine arktische Kaltfront aus Kanada, die Überschwemmungen, Schneefälle, tagelange Stromausfälle, die Schließung von Schulen und ein Verkehrschaos auslösen könnten. Bereits in der Nacht auf Sonntag stellte Amtrak die Zugverbindungen zwischen Washington und New York ein. Die Flughäfen in beiden Städten bereiteten sich auf eine Einstellung des Flugbetriebs vor, New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg erwog die Sperre der U-Bahn wegen möglicher Überflutungen – wie vor einem Jahr im Zuge des Hurrikans „Irene“. „Sandy“ könnte deren Verheerungen noch übertreffen.
In der Nacht auf Sonntag wandelten bei Halloween-Feiern in Washington derweil Hunderte, kostümiert als Catwoman oder als Scheichs, leicht geschürzt und unverdrossen durch die Straßen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2012)
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