Der Wirbelsturm "Sandy" hat an der dicht besiedelten US-Ostküste desaströse Schäden angerichtet. Durch den Sturm kamen allein in New York mindestens zehn Menschen ums Leben, insgesamt waren es in den USA 27.
Der TV-Sender Fox News berichtete sogar von 33 Toten, während nach Angaben des Fernsehsenders CNN mindestens 26 Menschen in Kanada und den USA ums Leben gekommen sein sollen. Allein in der Millionenmetropole New York starben nach Angaben von Bürgermeister Michael Bloomberg zehn Menschen. Sie wurden von umstürzenden Bäumen oder umherfliegenden Ästen getroffen oder kamen mit herunterhängenden Stromkabeln in Berührung.
Mehr als vier Meter hohe Flutwellen
Der Wirbelsturm ist in der Nacht auf Dienstag mit voller Wucht über der Ostküste der USA hinweg getobt und hat Teile der Millionenmetropole New York mit einer mehr als vier Meter hohen Flutwelle überschwemmt. Die Wassermassen fluteten U-Bahnschächte und Straßentunnel, in weiten Teilen der Stadt herrschte in der Nacht auf Dienstag wegen Stromausfällen Dunkelheit. Das öffentliche Leben kam in der Region zum Erliegen. Die New Yorker Aktienbörsen blieben auch am Dienstag geschlossen. Das Unwetter wütete in einem riesigen Gebiet von South Carolina bis Kanda im Norden.
Das Nationale Hurrikan-Zentrum stufte den Sturm zwar vom Hurrikan zum post-tropischen Wirbelsturm ab. Das machte ihn aber nicht weniger gefährlich: Seine Böen hatten immer noch Hurrikan-Stärke.
US-Präsident Barack Obama hat am Dienstag für die schwer getroffenen Bundesstaaten New York und New Jersey den Notstand ausgerufen.
Städte "wie ausgestorben"
An der Südspitze Manhattans in der Nähe der Wall Street stiegen Behörden zufolge die Wassermassen um vier Meter an. Bei Hurrikan "Donna" im Jahr 1960 waren es drei Meter. Überflutet waren mehrere Straßen in der Nähe von Ground Zero, wo bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001 das World Trade Center stand. An der New Yorker Aktienbörse gab es nach Angaben der Betreiberin NYSE Euronext keine Schäden, die den Handel beeinträchtigen könnten.
Aus der Millionenstadt wurden zwei Todesopfer gemeldet: Ein Mann wurde von einem Baum erschlagen, und eine Frau erlitt einen Stromschlag. Todesopfer gab es Medienberichten zufolge unter anderem auch in Maryland, Connecticut, New Jersey, Pennsylvania und West Virginia. In der kanadischen Großstadt Toronto wurde eine Frau von Trümmerteilen erschlagen. Auf dem Weg von "Sandy" durch die Karibik waren bereits 66 Menschen ums Leben gekommen.
New York wirkte wie ausgestorben: Auch Brücken waren unpassierbar, Busse fuhren nicht, und Flughäfen waren geschlossen. Betroffen waren auch zahlreiche Verbindungen nach Europa. Weiterhin gab es am Dienstag keine Flüge von Wien nach New York, dafür eine Wiederaufnahme der Verbindung Wien-Washington. (>>>mehr dazu)
Große Schäden
Nach einer ersten Expertenschätzung könnte Wirbelsturm "Sandy" an der US-Ostküste Gesamtschäden von bis zu 20 Milliarden US-Dollar angerichtet haben. Diese Zahl nannte der auf Risikoanalysen spezialisierte Versicherungsdienstleister Eqecat in der Nacht auf Dienstag in Oakland. Allerdings war das Unwetter zum Zeitpunkt der Schätzung noch nicht vorbei.
Die Wetterbehörde sagte für Dienstag ein lebensbedrohliches Anschwellen des Sturmes, Böen in Hurrikan-Stärke an der Küste und heftige Schneefälle in den Appalachen voraus. Neun US-Staaten riefen den Notstand aus. Der Sturm soll nordwestlich weiter ziehen und auch über die Großstädte Washington, Baltimore und Philadelphia fegen.
6,5 Millionen Menschen ohne Strom
Das öffentliche Leben in Millionenmetropolen wie New York, Washington und Philadelphia kam gestern Abend zum Erliegen. Laut CNN waren 6,5 Millionen Menschen in mehreren US-Bundesstaaten und in der Hauptstadt Washington von Stromausfällen betroffen. Nach Angaben des Stromversorgers Consolidated Edison könnte es bis zu einer Woche dauern, bis alle Verbraucher wieder am Netz sind.
In einem New Yorker Umspannwerk gab es eine Explosion. Bilder zeigten einen gewaltigen Feuerball aus der Anlage in der Lower East Side von Manhattan am späten Montagabend. Von Verletzten wurde dort zunächst nichts bekannt. Allein die Explosion, deren Ursache zunächst unklar war, schnitt 250.000 Menschen vom Strom ab.
Im Stadtteil Breezy Point im Bezirk Queens kämpften mehr als 170 Feuerwehrleute gegen einen Brand, der über 50 Häuser zerstörte. Das Krankenhaus der New York University musste evakuiert werden, weil Notstromaggregate versagten. In Manhattan stürzte auf einer Baustelle eines Wohnhochhauses ein riesiger Kran teilweise ein. Wegen des starken Windes befürchteten die Behörden den kompletten Zusammenbruch und brachten Anrainer in Sicherheit.
Fluten ziehen sich zurück
In den ersten Teilen New Yorks entspannt sich die Lage mittlerweile ein wenig. Die Fluten wichen am Dienstag zurück. In dem weniger vom Unwetter geschädigten Stadtteil Harlem, wo in der Nacht das Wasser des Hudson River in Ufernähe knietief stand, blieb eine dünne Schlammschicht auf den Wegen zurück. Abgeknickte Äste lagen am Rand der Straßen. Anders als in den tiefer gelegenen südlichen Teilen der Insel Manhattan hatten die Menschen im nordwestlichen Teil Strom. Auch die Handynetze funktionierten dort.
Auch die US-Hauptstadt Washington bleibt in Ausnahmezustand. U-Bahn, Busse und andere öffentliche Verkehrsmittel waren zunächst weiterhin außer Betrieb. Zunächst müssten Einsatzteams das Ausmaß des Schadens ermitteln, heißt es von der Verkehrsbehörde. Die Bundesbehörden, die Stadtverwaltung sowie die meisten Schulen blieben am Dienstag einen weiteren Tag geschlossen.
Nach ersten Erkenntnissen hielt sich der Schaden in der Hauptstadtregion im Vergleich zum 350 Kilometer nordöstlich gelegenen New York in Grenzen. Das Wetteramt kündigte für Washington und Umgebung abflauende Böen und vereinzelt Schneefall an.
Am Montag war das Zentrum von Washington in Erwartung des Wirbelsturms wie ausgestorben gewesen. Fast alle Geschäfte, Restaurants und Bars hatten den Tag über geschlossen. Vor dem Weißen Haus blieb die Pennsylvania Avenue praktisch menschenleer - mit Ausnahme von Polizeiwagen auf Patrouille. Als einziges öffentliches Fortbewegungsmittel blieben Taxen, woraufhin die Fahrer nach Medienberichten einheitlich 15 Dollar (11,60 Euro) Risiko-Zuschlag verlangten.
Die U-Bahn steht unter Wasser
Die Nahverkehrssysteme sowie Schulen, Behörden, Theater, Büchereien, Parks und zahlreiche Restaurants und Geschäfte blieben vielerorts geschlossen. Auch die Vereinten Nationen und die Börse an der Wall Street in New York blieben zu. 
In die New Yorker U-Bahn-Stationen strömte das Hochwasser. Sieben U-Bahn-Schächte seien betroffen. Wie die Verkehrsbehörde MTA Dienstagfrüh mitteilte, handelte es sich in diesem Bereich um die schlimmste Katastrophe seit mehr als 100 Jahren. "Die New Yorker U-Bahn ist 108 Jahre alt, aber niemals war sie mit einer derart verheerenden Katastrophe konfrontiert, wie wir sie in der vergangenen Nacht erlebt haben", erklärte Joseph Lhota, der Chef der Metropolitan Transportation Authority.
Die meisten überschwemmten U-Bahn-Tunnel befanden sich unter dem East River, der sich an der Halbinsel Manhattan entlangzieht, auf die heftige Regenfälle niedergingen. "Sandy" verursachte der MTA zufolge im gesamten U-Bahn-Netz "Chaos", führte zu Stromausfällen und überschwemmte Bus-Depots. Die New Yorker U-Bahn hatte ihren Betrieb am Sonntagabend vorsorglich unterbrochen.
Laut Medienberichten wird mit 700 Pumpen versucht, das Wasser aus den U-Bahn-Schächten zu bringen. Dass es sich bei dem eingedrungenen Wasser um Salzwasser handelt, macht die Sache nicht leichter. MTA dementierte Spekulationen, wonach es mindestens eine Woche dauern werde, bis die Metro wieder fahren könne. "Diese Gerüchte sind falsch. MTA kann den Schaden nicht vor Dienstag abschätzen."
Damm in New Jersey gebrochen
Überschwemmungen haben im Norden des Bundesstaates New Jersey am Dienstag einen Dammbruch ausgelöst. Der Deich am Fluss Hackensack brach im Landkreis Bergen, wenige Kilometer von New York entfernt, wie die Polizei von New Jersey mitteilte. Auf ihrer Twitter-Seite erklärte die Polizei, dass der Damm in Moonachie nahe Little Ferry gebrochen sei.
Der Polizeichef von Little Ferry, Ralph Verdi, sagte im Sender CNN, Rettungskräfte brächten Anrainer in Sicherheit. Der Pegel sei mancherorts bis zu 1,8 Meter gestiegen. "Es war eine extrem schwierige Nacht", sagte Verdi. "Wir haben noch immer einen Stromausfall. Wir tun unser Bestes." Seine Stadt sei "in echten Schwierigkeiten".
Alarm im Atomkraftwerk
Die Atomkraftwerke im Sturmgebiet wurden vorsorglich abgeschaltet. Zu einem Alarm ist es im Atomkraftwerk "Oyster Creek" südlich von New York wegen eines bedrohlich ansteigenden Wasserspiegels gekommen, teilte die US-Atomaufsichtsbehörde NRC am späten Montagabend (Ortszeit) mit. Wind, Sturmflut und Regen hätten das Wasser zunächst stark anschwellen lassen. (>>>mehr dazu) Oyster Creek ist seit 1969 am Netz und das älteste laufende Atomkraftwerk der USA.
Bei einer dramatischen Rettungsaktion brachten zwei Hubschrauber der US-Küstenwache 14 Besatzungsmitglieder des Filmschiffs "Bounty" in Sicherheit. Eine Stunden später geborgene Frau starb. Der Kapitän des Schiffes wurde zunächst weiter vermisst. (>>>mehr dazu)
Börse bleibt geschlossen
Tausende Geschäfte bleiben auch am Dienstag geschlossen. Busse und Bahnen blieben vielerorts schon seit Sonntagabend in den Depots, zahlreiche Flüge wurden gestrichen. Die Börsen an der Wall Street machten erstmals seit 27 Jahren wetterbedingt dicht. Auch am Dienstag bleiben sie geschlossen. Zuletzt war der gesamte Handel nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gestoppt worden.
Wegen Sandy haben auch mehrere US-Ölraffinerien ihre Produktion eingestellt. Dies führt dazu, dass die ohnehin hohen amerikanischen Lagerbestände an Rohöl weiter wachsen, was Druck auf die Ölpreise ausübt. Ein entgegengesetzter Effekt ergibt sich bei Ölprodukten wie Benzin. Dort ziehen die Preise wegen der geschlossenen Weiterverarbeitungsanlagen an.
Wahlkampf im Sturm
Der Sturm wirkte sich auch bereits auf den Endspurt zur US-Wahl am 6. November aus. Sowohl Präsident Barack Obama als auch sein Herausforderer Mitt Romney sagten mehrere Termine ab.
Obama warnte seine Landsleute, den Sturm ernst zu nehmen. "Dies ist ein ernster und großer Sturm", sagte Obama, der eine Woche vor der Präsidentschaftswahl auf Kundgebungen verzichtete, um das Krisenmanagement zu übernehmen. Das Land müsse gewappnet sein, sagte er und forderte die Bürger auf, den Evakuierungsanweisungen der örtlichen Behörden Folge zu leisten. Obama stimmte die Amerikaner zudem auf tagelange Stromausfälle ein. Die Aufräumarbeiten würden länger dauern.
Gefährliche Kombination
Meteorologen zufolge handelt es sich bei "Sandy" um einen sehr seltenen Super-Sturm, bei dem arktische Luftströme sich um den aus den Tropen kommenden Wirbelsturm wickeln würden. Die Kombination dieser beiden Wetterphänomene ist schon gefährlich genug. Doch droht über dem Festland der Zusammenschluss mit einem dritten Sturm, der sich aus dem kalten Norden von Kanada aus nähert. Dadurch würde der Sturm sich nur noch langsam bewegen und relativ lange über der Region toben. Die Folge können unter anderem sintflutartige Regenfälle mit bis zu 30 Zentimetern Niederschlag sein. In den Höhenzügen kann bis zu einem Meter Schnee fallen. Vom Auge des Sturms bis zu seinen entferntesten Ausläufern liegen mehr als 800 Kilometer - ein enormes Ausmaß, für das Sandy als einmalig eingestuft wird.
Vor Eintreffen in den USA hatte der Sturm in der Karibik mindestens 66 Menschen den Tod gebracht.
(APA/Reuters/dpa/AFP)









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