Washington. Der beleibte Gouverneur und der dürre Präsident: Chris Christie und Barack Obama gaben ein komisches Duo ab, als sie auf Inspektionstour auf den „Jersey Shore“ gingen, der vom Wirbelsturm Sandy verwüsteten Küste von New Jersey. Da ragte in Seaside Heights das verbogene Wrack einer Achterbahn aus dem Atlantik, dort waren in Atlantic City die Holzplanken des „Boardwalk“, der Strandpromenade, weggebrochen.
Überall offenbaren sich die Verheerungen in den Küstenorten, in denen sich Sanddünen zwischen den Häusern auftürmen, als hätte sich über Nacht wie von Magie eine Wüste ausgebreitet. Sandy bekam solcherart eine neue Bedeutung. Der Tropensturm hat Unrat und Kleinholz angeschwemmt, er hat Autos versetzt und Löcher in Hauswände gerissen, er hat Bäume entwurzelt und alles neu zusammengewürfelt.
Börsenauftritt Bloombergs
Weggefegt waren die politischen Animositäten zwischen dem republikanischen Gouverneur und dem demokratischen Präsidenten. „Ich schere mich keinen Deut um die Wahl“, gab der bullige Republikaner in gewohnt drastischer Wortwahl zu verstehen. Vor wenigen Wochen ist Christie Schulter an Schulter mit Mitt Romney in Ohio im Wahlkampfeinsatz gestanden. Vor zwei Monaten hat er bei der Grundsatzrede am Parteitag in Tampa Obama noch harsch kritisiert. Lief sich da ein Kandidat für den Wahlkampf 2016 warm?, fragten sich die Auguren. Im Vorjahr war er selbst bekniet worden, ehe er sich als einer der ersten für Mitt Romney aussprach.
Jetzt pries der fanatische Anhänger des Obama-Fans Bruce Springsteen, dessen Karriere im „Stone Pony“ in Asbury Park auf dem „Jersey Shore“ vor mehr als 40 Jahren begann, den Präsidenten in höchsten Tönen. Und der retournierte das Kompliment. Während da zwei Politiker jovial die Einheit der Nation in Krisenzeiten demonstrierten, führte Romney seine Kampagne in Florida fort. Auch Obama nahm nach drei Tagen als oberster Krisenmanager am Donnerstag den Wahlkampf in drei Bundesstaaten, unter anderem in Nevada und Colorado, wieder auf. Zuvor sagte er aber den Opfern unbürokratische Hilfe zu.
In New York ließ Bürgermeister Michael Bloomberg dem Präsidenten indessen ausrichten, er sollte auf eine Stippvisite in die Metropole verzichten. Stattdessen agierte der Bürgermeister selbst als Zeremonienmeister: Mit traditionellem Glockengebimmel eröffnete der Milliardär, der Gründer der Finanzagentur Bloomberg News, am Mittwoch wieder die Börse an der Wall Street. Die Halloween-Parade fiel aus, der Marathon am Sonntag soll aber planmäßig, freilich mit erheblichen Erschwernissen, stattfinden.
Erst allmählich kehrt New York zur Normalität zurück. Die Flughäfen sind geöffnet, Busse verkehren teils mit Verspätung, die U-Bahn fährt nur zum Teil – einige Tunnel stehen noch unter Wasser. In New Jersey formieren sich lange Schlangen vor den Tankstellen. In Hoboken, vis-à-vis von Manhattan am Hudson gelegen, sind die Straßen noch überflutet. Immer noch sind rund sechs Millionen von der Ostküste bis zum Mittleren Westen ohne Strom. Der Sturm hat bisher mehr als 80 Menschenleben gefordert, Experten schätzen die Schäden auf 20 Milliarden Dollar. New Yorks Polizeichef Ray Kelly sprach von den schwersten Schäden seit dem 9/11-Terror.
Manhattans zwei Seiten
In Manhattan zeigt sich das Bild einer Stadt mit zwei Gesichtern – einem hellen und glitzernden und einem, das dunkel bleibt. Die Trennlinie zieht sich entlang der 39th Street, südlich davon hat die Wucht des Sturms die Elektrizität ausgeschaltet. Zum Aufladen ihrer Handys und technischer Geräte pilgern die New Yorker in öffentliche Einrichtungen.
Heldensagen machen die Runde, wie die von den Krankenschwestern des NYU Medical Center, die 20 Frühgeborene bei der Evakuierung des Spitals wegen Überflutung in Sicherheit gebracht haben. Und die Tragödie von Breezy Point, wo eine Feuersbrunst 100 Häuser, zumeist von Feuerwehrleuten und Polizisten, verschlang, erschütterte eine eng verbundene Nachbarschaft. Aus den verkohlten Trümmern blieben die Bronzestatue eines Feuerwehrmanns und eine Madonna stehen.
In einer bitteren Pointe bot der Iran, gezeichnet von harten Sanktionen des Westens, den USA seine Hilfe an. Zwei der prominentesten Musiker New Jerseys kündigten derweil ein Benefizkonzert an: Bon Jovi und Bruce Springsteen. Da wird vermutlich auch Chris Christie nicht fehlen. Immerhin hat er in seiner Bilanz mehr als 130 Springsteen-Konzerte zu Buche stehen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2012)
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