Großbritannien: Arzt entfernte Brüste gesunder Frauen

09.11.2012 | 18:38 |  Von unserer Korrespondentin JULIA KASTEIN (LONDON) (Die Presse)

Ein renommierter Mediziner soll in den vergangenen 20 Jahren rund 450 Frauen eine oder beide Brüste amputiert haben – obwohl die Frauen gar nicht an Krebs litten.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Es ist einer der schlimmsten Fälle ärztlichen Fehlverhaltens im Vereinigten Königreich in den vergangenen Jahrzehnten: Ein renommierter Chirurg soll an mehreren Krankenhäusern im Großraum um die mittelenglische Stadt Birmingham in den letzten etwa 20 Jahren rund 450 Frauen unnötig eine oder beide Brüste abgenommen haben – obwohl die Patientinnen gar nicht an Brustkrebs erkrankt waren.

 

Verbotene Methode benutzt

Bei 700 weiteren Frauen führte Ian Paterson, der als ausgewiesener Brustkrebsspezialist galt, offenbar eine umstrittene und auf den britischen Inseln gar nicht zugelassene, „Dekolleté-rettende“ Mastektomie-Methode durch: Dabei wurde möglichst wenig Gewebe am Brustansatz abgenommen, um das Erscheinungsbild der Brüste nach der Operation nicht zu sehr zu beeinträchtigen. Bei mindestens einer Patientin kehrte indes der Krebs zurück, sie musste erneut operiert werden.

Der Mediziner, der für verschiedene Privatkliniken und auch Krankenhäuser des nationalen Gesundheitsdienstes NHS arbeitete, wurde inzwischen suspendiert, die britische Ärztekammer untersucht die Vorwürfe. 100 seiner Opfer haben ihn auf Schadenersatz geklagt, Medien nennen ihn bereits „Schurken-Chirurg“.

Zudem ermittelt die Polizei: Der Arzt soll nämlich Versicherungsbetrug begangen haben, indem er mit Krankenkassen Behandlungen mit höheren Kosten abrechnete, als angelaufen waren.

 

„Fühle mich betrogen“

Eines seiner mutmaßlichen Opfer, eine 54-jährige Hundefriseuse, war sogar zweimal unnötig an der Brust operiert worden: „Ich habe seit 2002 unter dieser dunklen Wolke des Krebses gelebt, und nun zu hören, dass die Eingriffe unnötig waren – also zuerst dachte ich: ,Gottseidank, ich habe keinen Krebs‘. Aber jetzt fühle ich mich wütend und betrogen.“

Einer weiteren Patientin hatte Doktor Paterson anno 1995 die rechte Brust abgenommen und das Anti-Tumor-Medikament „Tamoxifen“ verschrieben, was bei der Frau zur vorzeitigen Menopause geführt hat. Erst im vergangenen Februar, nachdem die britische Ärztekammer nach Hinweisen beunruhigter Ärztekollegen Patersons angefangen hatte, dessen Patientenakten systematisch zu überprüfen, erfuhr die heute 57-Jährige, dass die folgenreiche Behandlung an ihr eigentlich völlig überflüssig gewesen war: „Du fühlst dich ja fast schuldig, weil die Leute gesagt haben: ,Die Arme, sie hat Krebs.‘ Das kann ich jetzt nicht mehr sagen. Aber ich hatte eine Brustamputation. Das bringt einen völlig durcheinander“, sagte sie in Interviews.

 

Rätselraten über Hintergründe

Völlig unklar ist, warum Paterson die unnötigen Eingriffe durchgeführt hat, zumal er als überaus erfahrener und beliebter Chirurg galt. „Er hatte ausgezeichnete Krankenbett-Manieren, er war freundlich, man fühlte sich bei ihm gut aufgehoben“, sagte eine seiner früheren Patientinnen.

Ihre Anwältin, Kashmir Uppal, die auf medizinische Schadenersatzfälle spezialisiert ist, sprach angesichts der hohen Zahl von Opfern von einem der schlimmsten Fälle klinischer Fahrlässigkeit: „Natürlich passieren auch in Krankenhäusern Fehler. Aber das hier ist etwas anderes.“

Patterson selbst verweigerte unter Verweis auf seine ärztliche Schweigepflicht bisher jeden Kommentar.

Auf einen Blick

Dr. Ian Paterson wurde jüngst die Arbeitserlaubnis als Mediziner entzogen, da er in Verdacht steht, rund 450 Frauen an den Brüsten operiert zu haben, obwohl sie gar nicht an Brustkrebs erkrankt waren. Er soll auch verbotene Operationsmethoden benutzt haben. [Internet]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

21 Kommentare

Ein Gott in weiss, also ein göttlicher Irrtum.


1 6

presse?

was hat diese nachricht mit absolutem boulevard character in der presse verloren? kunstfehler und aerztlicher betrug passieren staendig und in jedem land der welt ... von oe24.at abgeschrieben?

Re: presse?

Warum können Sie nicht Deutsch? Zu viel "Österreich" erwischt?

krank

.. ist dieses Verhalten, mehr nicht.
Was ich mich aber frage ist - wie konnte soetwas in all den Jahren unentdeckt bleiben? Irgendwem muss das doch wohl aufgefallen sein! Deswegen bezweifle ich sehr stark, dass er ein Einzeltäter ist, ohne Hilfe muss das schier unmöglich sein oder nicht ?!

Hoffentlich bekommt er das, was er verdient. Solche Menschen verdienen es in meinen Augen ja nicht einmal mehr zu leben.

5 1

uebersetzung

in wien wuerde man es korrekte behandlung nach allen regeln der kunst nennen und die patienten als psychisch krank erklaeren. dazu auch die anfrage im parlament wegen folter.

Rätseln über die Hintergründe ...

schon mal von Geldgier gehört?
amputiert ihm den Penis und die Hände! nein, doch nicht, mein ist die Rache, spricht der Herr.

Re: Rätseln über die Hintergründe ...

lustiger wäre es, ihm seinen Schniedel zu lassen....

So etwas Ungeheuerliches

möchte man am liebsten gar nicht lesen!

Angst hab


Brüste aus Geldgier abschneiden?

Geht's noch tiefer? Spert den Kerl ein, nehmt ihm sein ganzes Geld!

Offenbar fallen die Nachfolger von Frankenstein

in manchen Spitälern kaum auf und so manche Kollegen dürften auch mit ihnen blutsverwandt sein.

Wer zum Arzt geht, wird krank.

Im besten Fall. Im schlechtesten stirbt er schon beim ersten "Eingriff". Nicht zum Arzt gehen hat einen deutlich hoehere Ueberlebensrate.

Re: Wer zum Arzt geht, wird krank.

Krank kann nur jemand werden, der sich bei
schwerwiegenden Problemen nur auf einen Arzt verlässt!

Seelische Hintergründe sieht man nicht

aber dass es hier über Jahre keine wirksame Kontrolle gab - und der Mediziner offenbar ein gestörtes Verhältnis zu Geld hatte, kann man sich denken.

Vielleicht wollte er eine neue Art der Schönheitschirurgie ergründen?

Sehr lange ging der Krug zum Brunnen, bis er bricht.
Ist die Hierarchie so stark, oder die Kompetenz der OP Schwestern und Kollegen so daneben, dass es einem nie auffällt?

Frankensteinmedizin läßt grüßen.

Was geht da wirklich ab, punkto schlechter Qualitätskontrolle, in so einem hochbezahlten Bereich??

auch zu Frauen hatte der ein gestörtes Verhältnis

Der ist zu allererst ein gut getarnter Frauenhasser.

1 0

Re: auch zu Frauen hatte der ein gestörtes Verhältnis

Meinetwegen soll er Frauen hassen, wenn er einen persönlichen Grund dafür hat. Es gibt ja auch Frauen, die Männer hassen und dafür sogar gefeiert werden.

Es geht hier um Verstümmelungen von Menschen. Die Hintergründe dafür sind uninteressant. Dafür muss er zur Verantwortung gezogen werden.

na ist doch nicht so schlimm? beim Zahnarzt passiert das täglich.


Re: na ist doch nicht so schlimm? beim Zahnarzt passiert das täglich.

wollte nur wissen, ob man hier wenigstens antworten kann, weil 2 meiner Posts nicht erschienen.
Ja und einen Zahnarztpfuscher kann man mit seinen Zähnen schon kontrollieren.


Re: Re: na ist doch nicht so schlimm? beim Zahnarzt passiert das täglich.

Leider muss ich mich ihrer Ansicht anschließen. Ich habe 3 Zähne wegen Zahnarztpfusch verloren. Aber versuchen Sie mal zu klagen! Da kommt man aus dem Stauenen nicht heraus.

Re: na ist doch nicht so schlimm? beim Zahnarzt passiert das täglich.

bei manchen artikeln ist man fassungslos.

bei kommentaren wie ihren ebenso.

Re: na ist doch nicht so schlimm? beim Zahnarzt passiert das täglich.

Das ist ja auch sehr gut miteinander vergleichbar. Einfach unglaublich welche "Mitmenschen" es gibt.

Wetter

  • Aktuelle Werte von
    00:00
    Wien
    20°
    Steiermark
    17°
    Oberösterreich
    17°
    Tirol
    17°
    Salzburg
    16°
    Burgenland
    20°
    Kärnten
    17°
    Vorarlberg
    17°
    Niederösterreich
    17°

Jetzt Panorama-Newsletter abonnieren

Der tägliche Überblick mit den wichtigsten Meldungen zu den Themen Chronik, Wien und Umwelt. Kostenlos.

Newsletter bestellen

Code schwer lesbar? » Neu laden

AnmeldenAnmelden