Der Weg aus dem Roma-Ghetto

30.11.2012 | 18:29 |  ERICH KOCINA (SOFIA) (Die Presse)

Pater Sporschills Hilfsorganisation Concordia will Roma-Kindern in Sofia die Chance geben, dem Teufelskreis aus Not und Armut zu entkommen.

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Iwan schaut skeptisch. Der Plastikbecher mit klebrig süßer Orangenlimonade, den der Bub in der Hand hält, ist ein ungewohnter Luxus. Und dass sich seine Eltern darum kümmern, dass etwas zu essen im Haus ist, war auch lange nicht der Fall. Sein Vater ist gerade erst aus dem Gefängnis entlassen worden; er war zwei Mal alkoholisiert beim Autofahren erwischt worden. Und seine Mutter, die nach einem Unfall eine Beinschiene tragen muss, hat sich während der Zeit, als ihr Mann nicht da war, „gehen“ lassen.

Iwan und seine fünf Geschwister mussten allein schauen, wie sie zurechtkommen. Jetzt, wo der Vater wieder da ist, geht es vielleicht bald wieder ein bisschen bergauf. Doch leicht wird das nicht werden.

Iwans Familie lebt in Orlandovci, einem der Ghettos in der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Ihnen geht es wie den meisten der fast 40.000 Roma in der Stadt. Abgeschottet von der Bevölkerung leben sie in eigenen Stadtteilen, den Mahalas. Oft wohnen sie in nur aus ein paar Ziegeln und Holzbrettern notdürftig zusammengezimmerten Unterkünften. Eine Chance auf Arbeit gibt es kaum. „Sobald die Leute erfahren, dass ich ein Zigeuner bin, habe ich keine Chance mehr“, erzählt Boris Borisov Matev. Der 49-Jährige lebt mit seiner Frau und sechs seiner acht Kinder in einem kleinen Ziegelverschlag.

So wie für viele im Roma-Ghetto ist für ihn das Sammeln von Müll die einzige Möglichkeit, zu ein bisschen Geld zu kommen. Und Müll gibt es hier im Überfluss: Autoreifen, Metallteile, dazwischen Papier, Plastik und Verpackungen. Hinter den Häusern sieht es aus wie auf einer Deponie. Eine Perspektive auf ein besseres Leben sieht hier kaum jemand, das Lebensgefühl ist Resignation. Und die geht so weit, dass viele Eltern keinen Wert darauf legen, dass ihre Kinder in die Schule gehen – Geld für Unterrichtsmaterial oder Bücher gibt es sowieso keines. Ein Teufelskreis, denn ohne Bildung winkt auch Denislav, mit sechs Monaten der jüngste Sohn der Familie Matev, der in einer Decke eingehüllt auf dem Bett im Eck des Zimmers schläft, keine bessere Zukunft.

 

Teufelskreis aus Armut und Resignation

Den Teufelskreis aus Armut und Resignation zu durchbrechen, das ist die vordringlichste Aufgabe. Und erste Ansätze gibt es bereits. Concordia, die vom Jesuitenpater Georg Sporschill ins Leben gerufene Hilfsorganisation, betreibt seit 2008 das Sozialzentrum „Sveti Konstantin“ nahe dem Zentrum von Sofia. Hier bekommen Kinder und Jugendliche die Möglichkeit, sich zu waschen. Es gibt saubere Kleidung, Mahlzeiten – und für einige Kinder auch Unterstützung, einen Platz in der Schule zu bekommen. Denn viele Schulen weigern sich, überhaupt Kinder aus Roma-Familien aufzunehmen. Für jene, die in besonders schlimmen Verhältnissen leben, gibt es auch die Möglichkeit, länger zu bleiben. Und gemeinsam mit anderen Kindern und betreut von Sozialarbeitern so etwas wie ein geordnetes Leben zu führen.

An die 50 Kinder und Jugendliche können hier betreut werden. Doch der Weg von den Mahalas, in denen die Roma leben, bis zum Sozialzentrum ist weit. Und der nächste logische Schritt ist ein Tageszentrum in unmittelbarer Nähe der Kinder, die Betreuung brauchen. Vor wenigen Wochen hat Concordia ein Grundstück in der Mahala gekauft. Hier soll ein Zentrum errichtet werden – in Fertigbauweise, wie sie sich schon an anderen Standorten von Concordia, in Rumänien und Moldawien, bewährt hat. Damit sollen die Kinder eine Möglichkeit bekommen, aus dem Elend auszubrechen. Essen, Wärme, Hilfe beim Lernen – und eine Perspektive, dass die Zukunft vielleicht auch hinaus aus dem Ghetto führen kann.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2012)

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19 Kommentare

100 Euro vom Weihnachtsgeld


an Pater Sporschill von jedem Poster hier überwiesen und wir können uns selbst beweisen, nicht nur Maulhelden zu sein.

14

alles richtig aber ....

Fast (!) alles das in den Forum-Beiträgen geschrieben wurde ist richtig, aber der Ansatz ist auch richtig: Den "willigen" Roma dort helfen, wo sie seit Jahrhunderten leben und nicht dort, wo sie gerne hingehen würden weil dort ein üppiges Sozialsystem geschaffen wurde, das ursprünglich denjenigen helfen sollte, die nach langjährigen Steuer- und Abgabenzahlungen in Not geraten, aber nun, da auch Wirtschaftsflüchtlingen das erkannt haben, auch allen Neuzuwanderen zugute kommt. Hilfe in Mazedonien, Rumänien, usw. ... statt Werbung für Migration nach A, D, DK, NL, GB, ...

In Österreich werfden die FPÖler ja auch so ausgegrenzt! Weils ihnen nachsagen, dass alles einstecken!

Ist aber in dem Fall kein Vorurteil.........

Wie wäre es denn

wenn die bulgarische Regierung von dem Geld, das aus Brüssel kommt und nicht wenig ist, Sozialleistungen für die Roma erstellt? Bulgarien ist seit vielen Jahren EU-Land und kassiert viel Geld. Doch man sollte in Brüssel auch darauf schauen, dass dieses Geld richtig - also FÜR die Bevölkerung - verwendet wird und nicht, wie unlängst bekannt wurde, in dunklen Kanälen verschwindet. Da ist Brüssel aufgefordert etwas zu unternehmen und zu kontrollieren. Aber nein, man kümmert sich vielmehr darum, dass die Banken und Spekulanten für ihre Fehlinvestitionen Geld der Steuerzahler erhalten. Nicht nur in Sofia herrscht maßlose Korruption, auch in Brüssel!

Re: Wie wäre es denn

roma bekommen in RO und BUL seit mehr als einem Jahrzehnt massiv Geld.
das Geld wird zwar gut gemeint, aber nicht Ideal verwendet.
in RO wurden ganze NEUE Wohnsiedlung gebaut. die roma haben das Interieur samt Kupferkabel verkauft und sind weitergezogen....
deshalb und wegen anderen Dingen sind roma in Rumänien mittlerweile derart verhasst, dass man im Parlament ernsthaft diskutiert das Land umzubenennen, da "Rumänien zu sehr an roma erinnere..."
mich wundert, dass dies hierzulande nicht berichtet wird.

Re: Wie wäre es denn

Was die Roma sowie die Bulgaren allgemein brauchen sind keine Sozialleistungen, sondern Ausbildung und Jobs. Die Bereiche wo Bulgarien verstaerkt investiert teilweise mit EU Geldern sind die Infrastruktur und die Klein- und Start- up Unternehmen. Der bulgarische Staat setzt auf Wettbewerbsfaehigkeit, die nur mit geringen Staatsausgaben erreicht werden kann, daher bleibt fuer Ausbildung wenig uebrig. Das ist eben der einzige Weg neue Arbeitsplaetze zu schaffen.

Die Tatsache dass wir in BGR ein schwaches Sozialnetz haben stoert uns ganz und gar nicht. Das macht uns eben motivierter und flexibler. Da wir die Arbeit respektieren, respektieren wir auch selbsverstaendlich alle Roma die eine Beschaeftigung eingehen (wollen).
LG

rasismous!

????

Re: rasismous!

Was willst uns denn sagen? Sprich dich aus. :-)

Sysypus lässt Grüßen

bei dem Klientel ...

Den Pater

unterstütze ich gerne und regelmäßig! Ein Heiliger!

dem Teufelskreis entkommen

dabei wirksam zu helfen ist Pater Sporschill zu gratulieren. (Ich bin ein regelmäßiger Unterstützer.)

Dennoch tun sich mir Fragen auf.
Ich zitiere aus dem Bericht:

Vater ist gerade erst aus dem Gefängnis entlassen
Mutter hat sich während der Zeit, als ihr Mann nicht da war, „gehen“ lassen
Arbeit gibt es kaum. „Sobald die Leute erfahren, dass ich ein Zigeuner bin, habe ich keine Chance mehr“,
Hinter den Häusern sieht es aus wie auf einer Deponie
viele Eltern keinen Wert darauf legen, dass ihre Kinder in die Schule gehen
viele Schulen weigern sich, überhaupt Kinder aus Roma-Familien aufzunehmen.

Warum ist das so? Und nicht nur in Bulgarien, auch immer noch (abgeschwächt) in Oberwart?
Warum?

Re: dem Teufelskreis entkommen


"Hinter den Häusern sieht es aus wie auf einer Deponie"
Warum sieht es hinter des Häusern nicht so aus, wie bei allen anderen? Ein Gemüsegarten wo das Lebensnotwendige angebaut wird. Ein paar Hendl oder Hasen dazu. Als Selbstversorger - Mehl zum Brotbacken - würde jeder gerne spenden - und es müsste niemand hungern.Eine ordentliche Wasserversorgung - viele unserer Häuslbauer haben ihre Brunnen selber gebaut -und der unsägliche Dreck wäre weg. Sofern man will.

Re: Re: dem Teufelskreis entkommen

Wo in Oberwart sollte das denn sein?
So ein Blödsinn.

Re: warum, warum ....


... weil man helfen will und weil vor der Therapie die Anamnese kommt, liebe Rotstrichler.

Re: dem Teufelskreis entkommen

Nur Forderungen an andere stellen ohne selbst Verantwortung zu übernehmen genügt eben nicht. Neun Kinder und alle sich selbst oder anderen zu überlassen entspricht vielleicht einem Lebensstil, aber im allgemeinem nicht unserem.
Dass es verschiedene Lebensstile gibt sieht man an zwei vergleichbaren Volkswirtschaften: Haiti, Kolonie bis 1813 und Singapur Kolonie bis 1965, beide 4 Mio Einwohner. Wenn man die Einwohner austauschen würde, wäre Haiti innerhalb 5 Jahren in Singapur verwandelt und umgekehrt.

Re: Re: dem Teufelskreis entkommen

lustigerweise bin ich gerade in Singapur.
die Menschen hier sind unglaublich tolerant und hilfsbereit, aber auch vom Staat angehalten, Geschäfte zu machen und Geld zu verdienen.

Re: Re: Re: dem Teufelskreis entkommen

Auch Singapur vor 50 Jahren war Dritte Welt Staat, nur die Leute wollten arbeiten, wurden vom Staat angehalten zu arbeiten und werden, sofern arbeitslos, weiterhin vom Staat zum Arbeiten angehalten. Allerdings möchte dort sowieso kaum jemand arbeitslos sein.

Re: Re: Re: dem Teufelskreis entkommen

Nie gehoert dass Chinesen - Mehrheitsbevoelkerung in S - irgendwo "vom Staat angehalten" werden muessen um "Geschäfte zu machen und Geld zu verdienen"
;-D

Re: Re: Re: Re: dem Teufelskreis entkommen

das war Teil des "erziehungsprogramms" wie auch jenes, wo neben jeder Toilette jemand stand und fragte, ob man sauber gemäht habe :-)

beides sind natürlich Erzählungen von einheimischen, war ja selbst nicht dabei.

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