Worüber man reden muss, wenn Worte fehlen

15.12.2012 | 18:26 |  Ulrike Weiser (Die Presse)

Am Tag nach dem Amoklauf an einer Volksschule in den USA beginnt die Debatte über das Waffengesetz. Die Medien müssen sich aber auch über ihre Berichterstattung Gedanken machen.

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Unsere Herzen sind gebrochen.“ Es war ein Moment, an den man sich erinnern wird: Barack Obama, wie er sich den Augenwinkel wischt. Bei Tragödien wie diesen neidet man den Amerikanern den Hang zur verbalen Emotion. Denn andere Worte als ganz große versagen hier. Nüchtern lässt sich der Mord an 26 Menschen, davon 20 Kinder, nicht beschreiben.

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Und doch gibt es Dinge, die man nun nüchtern diskutieren muss. Es sind die erwartbaren – wobei: Dieses Mal ist es eine Spur anders. Das betrifft zunächst die schon im Gang befindliche Debatte über das für EU-Verhältnisse liberale Waffengesetz in den USA. Die Diskussion gab es zwar bis jetzt noch nach jedem „school shooting“ – aber ohne größere Konsequenzen. Doch so viele so junge Opfer wie jetzt gab es auch noch nie. Dazu kommt, dass sich Obama in seiner zweiten Amtszeit befindet: Er muss keine Wahl mehr gewinnen. Er könnte es wagen, sich mit der National Rifle Association anzulegen. Ob er es macht, bleibt dennoch fraglich. Waffen sind Teil der US-Alltagskultur und ihrer Idee von Freiheit. Jenen, die mit den Konsequenzen der leichten Zugänglichkeit von Waffen argumentieren – Motto: „Gelegenheit macht Mörder“ –, wird entgegengehalten, dass die „Guten“ bewaffnet sein müssen, um sich gegen die „Bösen“ zu wehren, die, legal oder nicht, bewaffnet sind.

Praktischerweise haben beide Seiten Studien über den (Nicht-)Zusammenhang von Waffengesetzen und solchen Verbrechen zur Hand. Was man nicht leugnen kann: Auch in Ländern mit strengen Gesetzen wie Deutschland gab es Amokläufe (dort existieren bereits Routinenotfallpläne an Schulen), aus der liberalen Schweiz hört man weniger. Österreichs Gesetz ist übrigens im Vergleich sehr streng – und das ist gut so.

Trotzdem betrifft die zweite Debatte, die sich auftut, auch uns. Es geht um die prinzipielle Frage, wie man medial mit solchen Ereignissen umgeht. Denn die mediale Aufarbeitung wird von den Tätern beklemmend klar antizipiert: Schon 1999 fand man in den Notizen eines der Schützen des Massakers an der Columbine Highschool sozusagen eine Vorabkorrektur: Alles ist meine Schuld. Nicht die meiner Eltern, .. . nicht die meiner Lieblingsbands, der Computerspiele ...Die Schuld liegt bei mir.“ Vom Täter von Newtown ist (noch) kein Abschiedsbrief bekannt, aber – intelligent, wie er trotz psychischer Krankheit angeblich war – wird er geahnt haben, was nun besprochen wird. Vielleicht – es ist auch nicht allzu schwierig – bis in die Details: dass es immer die auffällig unauffälligen jungen Mittelschichtmänner wie er sind. Die Chance, dass er darüber nachgedacht hat, ist jedenfalls groß. Laut Studien ist die Hälfte aller Amokläufer Nachahmungstäter. Oft findet die nächste Tat sogar binnen zehn Tagen nach den ersten Medienberichten statt. Potenzielle Täter können derzeit den Schock der Gesellschaft – multipliziert auf allen Kanälen –, das fieberhafte Interesse am Täter genau verfolgen. Sie sehen, wie sogar ein US-Präsident um Fassung ringt. In einer Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit die wertvollste Währung ist, ist das – pervertiert, aber trotzdem – eine Form von Macht.

Das Unbehagen der Medien über diesen Umstand ist überraschend neu. Es kam eigentlich erst mit der krassen Selbstinszenierung des Täters von Utøya und nach dem Amoklauf bei der US-Premiere des letzten Batman-Films auf. Auf Initiative der Angehörigen der Opfer, die wütend waren, weil alle bloß über den Täter sprachen, hielt man sich bei der Berichterstattung über diesen zurück. Doch eine „Nennt ihn nicht beim Namen“-Kampagne ist schwer durchzuhalten (diesmal sickerte sogar zuerst der falsche Name, der des Bruders des Täters, durch; gleichzeitig brachen auf Twitter Shitstorms gegen Leute mit dem gleichen Nachnamen aus). Und es ist verständlich: Man ist neugierig, will verstehen, gerade bei einem Thema, das so bewegend ist, wie es nur sein kann. Trotzdem ist das Ringen um die richtigen Grenzen wichtig. Und um die richtigen Worte. Nicht nur für US-Präsidenten. Für alle.



ulrike.weiser@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2012)

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13 Kommentare

Waffengesetz ?

Geschätzte Fr. Weisser!

Sie schreiben sinngemäß, das österreichische Waffengesetz ist im Vergleich sehr streng, und dass ist gut so.
In Vergleich zu welchem ist es streng, zu den US-Amerikanischen (für jeden Staat ein eigenes, also 52, von sehr liberal bis sehr streng ddee ganze Brandbreite), zu englischen, zu deutschen oder zu den schweizerischen Gesetzen? Und warum bitte ist es gut so?!? Damit nur noch Verbrecher bewaffnet sind (siehe England!). Damit alle wehrlos werden und Leben, Haus und Hof nicht mehr verteidigen können ?! Wohin es führt, wenn jeglicher privater Waffenbitz verboten wird, sieht man nach einem Jahrzehnt des Verbotes in England. Da habe ich lieber amerikanische Verhältnisse statt englischer.
Und an diesem Amoklauf den (liberalen) Waffengesetzten die Schuld zu geben, ist keine Lösung. Getötet hat ein Mensch - und da ist nun zu ergründen, warum das passiert ist, um es in Zuknuft zu verhindern. Aber das ist natürlich ungleich schwieriger, als schnell ein Verbot zu erlassen. Dass dieser Amoklauf tragisch ist und die Betroffenen und Angehörigen in Mark und Bein trifft, ist unbestritten. Aber auch mit einem totalen Waffenverbot wird soetwas in Zukunft nicht verhindert werden können.

P.S: Auch ich bin Waffenbesitzer - und ich gehöre damit seit mehr als 15 Jahren zur best überwachten Bevölkerungsgruppe in Österreich.

Unsere Herzen sind gebrochen,

meint der Obama zu den Morden in Newton.

Dies ist ein Tag für Gebete und das Leben geht selbst in dunkelsten Zeiten weiter.
Mit solchen und ähnlichen Floskeln, versuchte der Obama anläßlich der Aurora-Morde im Juli dieses Jahres die Angehörigen zu trösten.

Es scheint für diesen Herren Routine zu werden, wenn er sein Entsetzen medial verbreiten kann.
Nur Worte, keine Taten....

An das Nahe liegende, nämlich an die Verschärfung der Waffengesetze dachte er damals nicht wegen bevorstehender Wahlen und erst jetzt nicht ernsthaft.


Man sollte darüber reden, warum es in den USA regelmäßig Studenten sind, die Blutbäder anrichten!

Die, die da offenbar so verzweifelt sind, dass sie keinen anderen Ausweg als die Massenvernichtung sehen, kommen nicht aus den angeblich vom Kapitalismus unterdrückten Massen, sondern sind fast immer Versager aus dem Bildungssystem.
Man sollte darüber nachdenken, warum gerade dort das Wissen über mögliche Problemlösungen fehlt, so dass es zur Wahnvorstellung kommen kann, dass nur die totale und allgemeine Vernichtung der einzige Ausweg wäre!

pardon, aber diese mediale selbstbespiegelung

ist relativ unnötig und interessiert den leser nicht. wenn man sich selbst eine angst heraufbeschwört, wonach mediale berichterstattung über irgendetwas die gefahr von nachahmungstaten bewirkt, kann man mit demselben argument noch andere berichterstattungsthemen beschneiden. soll man etwa nicht mehr über kriege, aufständische, mörder, grapscher, steuerflüchtlinge oder simple kuperkabeldiebe berichten, weil das andere anspornen könnte?

Vergleichen Sie das Datum!

-der Kinopremiere "Bowling for Columbine" und der Beginn der Erscheinung Schulmassaker in Europa. Kann mich erinnern, dass damals ganze Schulklassen von ihren Lehrern in die Kinos reingetrieben wurden.
Das ORF stimmt bis heute bei jedem Fall in den USA sein triumpfierendes Gejohle an und legt die alte Platte wieder auf.
Solche Leute sind mitverantwortlich an dieser Erscheinung des Verbrechens!

Sehr kluger Kommentar!

Auch wenn man ob einer beschnittenen Pressefreiheit Bauchweh bekommt, so sollten solche Aktionen zwar nicht unterdrückt, aber doch weit weniger Medial aufbereitet werden. Die Gefahr von Nachahmungstaten ist zu groß.

Erinnerung an vergangene Zeiten

Es ist eine fatale Erinnerung an den "Wilden Westen": "Waffen sind Teil der
US-Alltagskultur und ihrer Idee von Freiheit."

Re: Erinnerung an vergangene Zeiten

...und sie werden es auch bleiben, auch wenn das den Europäern nicht passt, weil sie von Eigenverantwortung immer mehr entwöhnt werden.

die Medien

machen sich leider auch diesmal wieder keine
Gedanken.
Dafür aber sicherlich die Medienkonsumenten
die von derartigem Medienrummel immer weniger
halten.
Die US Zeitungen haben ja bekanntlich seit 2007 Und das US Fernsehen verliert auch.
die Hälfte ihrer Werbeeinnahmen verloren weil
es eben einen entsprechenden Schwund an
Lesern gab.
Und in Europa bewegt sich, siehe Deutschland,
auch was. Die Zeiten der Leichenfledderei,
der "schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten" gehen langsam aber sich zu
Ende.
Demnächst ist sicherlich anstatt solcher
Sensationsheischerei wieder mal von der
Medienkrise die Rede. Das diese Fortschritte
macht wegen schwindender Seher und Leser.
Es kann sehr leicht sein, dass gar nicht so
wenigen schlichtweg graust.
Das schindende Publikum, die Medienverdrossenheit, wird den Medien die
Entscheidung abnehmen. Die brauchrn sich
erst gar nicht lange Gedanken machen punkto
Berichterstattung. (Das ist jetzt kein Hieb gegen die Presse, die Autorin dieses Artikels.)

Worüber man reden muss, wenn Worte fehlen

kein Kind wird so gebohren, also was oder wer macht ihn dazu, das ist die Frage. Im Normalfall heißt es, die Gesellschaft selbst macht sie zu dem was sie geworden sind.
Was natürlich sein kann, er war schon ein Psychopath und keiner hat es gemerkt. Ein Sonderling scheint er in jedem Fall gewesen zu sein.
Die Waffengesetze egal in welchem Land haben noch nie etwas verhindert.

die amis...

... sind nicht einfach waffennarren, sondern ihr system beruht auf einer zivilen, bewaffneten miliz, die dafür zu sorgen hat, dass die regierung die grundsätze der verfassung verletzt.
obama beispielsweise setzt sich regelmässig über die verfassung und deren zusätze hinweg und verfassungsmässige freiheiten und rechte werden mehr und mehr beschnitten. daher ist vor allem der demokratische flügel für stärkere beschränkungen beim waffenbesitz. dazu ist ihnen auch kein mittel zu blöd, kein trick zu dreckig.
interessanterweise ist die kriminalitätsrate immer in jenen städten und staaten viel höher, wo schärfere waffengesetze durchgebracht wurden. in typischen miliz-staaten wie texas oder arizona hingegen, gibt es viel weniger gewaltverbrechen mit waffengebrauch.

Re: die amis...

...verfassung NICHT verletzt - muss es natürlich heissen! sorry

der ist wahrscheinlich psychisch krank

aber die wirklichen verbrecher sind die waffenlobbyisten

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