Berliner Weihnachten sind einfach ehrlicher
Wer über die Weihnachtsmärkte in Wien die saisongerecht verschnupfte Nase rümpft, also der kennt Berlin nicht. Die deutsche Hauptstadt ist dabei nämlich viel ehrlicher: Sie verzichtet auf das ganze verlogene Adventambiente, um den Genuss alkoholischer Heißgetränke ästhetisch zu rechtfertigen. Die Geschmacklosigkeit kommt hier einfach und ungeschminkt daher, etwa als Rummelplatz und Hüttengaudi. Von der Achterbahn schallt und kracht es, schön laut, „Leise rieselt der Schnee“. Dazu röhrt ein Kunst-Elch Kalauer. Und selbst der Berliner Bettler verkleidet sich als Weihnachtsmann.
Dass es zuweilen aber auch zauberhaft zugehen kann, verdankt Berlin dem Schlendrian der Kommune und der Trägheit der hiesigen Hausmeister. Anders als anderswo wird hier nämlich nicht Schnee geräumt. So verwandelt schon ein moderater Schneefall die urbane Szenerie in ein ländliches Idyll und die Straße wird zur Piste. Alles stapft und schlingert durch eine von der Natur vorübergehend zurückeroberte Stadt. Keuchende Eltern ziehen dann jauchzende Kinder auf dem Schlitten in die Kita (Kindertagesstätte). Das hat, wer will es leugnen, schon seinen Reiz – auch unbetäubt von Glühweinschwaden.
Von Karl Gaulhofer (Berlin)
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