Nach Vergewaltigung: Revolte der indischen Mittelschicht

03.01.2013 | 18:06 |  Von Susanna Bastaroli (Die Presse)

Bei den Massenprotesten wegen der brutalen Vergewaltigung einer jungen Frau lässt die einflussreiche Minderheit aus gebildeten, jungen Indern ihrem Frust gegen das unfaire, ineffiziente System freien Lauf.

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Wien/Delhi. Bereits in den Morgenstunden standen am Donnerstag die Menschen vor dem Gerichtsgebäude im Bezirk Saket in Neu Delhi Schlange. Sie wollten den Prozessauftakt gegen die Vergewaltiger und Mörder der jungen Studentin verfolgen. Die brutale Tat hatte in ganz Indien wütende Protestaktionen ausgelöst. „Hängt die Mörder!“, skandierten gestern Demonstranten. Aus Angst vor Übergriffen umringten bewaffnete Sicherheitskräfte das Gebäude.

Als ein Beamter die Anklageschrift gegen die fünf Verdächtigen verlas – der sechste mutmaßliche Täter ist minderjährig –, wurde es still im Saal. „Mord, Gruppenvergewaltigung, Entführung und Vernichtung von Beweismaterial“ lautet der Vorwurf. Bei einer Verurteilung droht die Todesstrafe. Die Angeklagten waren nicht anwesend, sie sollen aber am Samstag vor Gericht befragt werden. Aus Angst vor Lynchjustiz beantragte die Staatsanwaltschaft den Ausschluss der Öffentlichkeit. Bisher hat sich kein Anwalt bereit erklärt, die Männer zu verteidigen. Das Verfahren findet vor einem eigens eingerichteten Schnellgericht statt.

Die Studentin war am 16. Dezember nach einem Kinobesuch mit ihrem Freund in einen Bus gelockt worden. Der Mann wurde geschlagen, die Physiotherapeutin eine Stunde lang vergewaltigt, mit einer Eisenstange malträtiert und dann aus dem fahrenden Bus geworfen. Am Samstag war die Frau ihren Verletzungen erlegen.

„Gebildete, urbane Mittelschicht“

In Indien findet alle 20 Minuten eine Vergewaltigung statt, die meisten werden gar nicht gemeldet. Polizei und Justiz reagieren oft zurückhaltend auf Anzeigen. Meist dauert es Jahre, bis es zu einem Prozess kommt. In der Öffentlichkeit war Gewalt gegen Frauen bisher kaum ein Thema. Doch diesmal ist alles anders. Täglich gehen seit Mitte Dezember hunderttausende Inder auf die Straße, demonstrieren für Frauenrechte, fordern harsche Sanktionen für Vergewaltiger. Auch Männer protestieren mit. Auf einmal hat das bisher stark tabuisierte Thema Vergewaltigung ein ganzes Land in Aufruhr gebracht. Regierung, Polizei, aber auch viele politische Beobachter wurden von dieser unerwartet heftigen Reaktion überrascht. Sicher, es handelte sich bei dem Überfall um einen besonders brutalen Angriff. Aber trotzdem fragen sich viele: Wie war es möglich, dass eine Vergewaltigung plötzlich so große Teile der Gesellschaft aufgebracht hat?

„Getragen werden die Proteste von einer jungen, gebildeten, urbanen Mittelschicht“, sagt Sandra Destradi vom Hamburger Giga-Institut für Asienstudien zur „Presse“. Das sei eine Minderheit, betont die Expertin: Zwei Drittel der indischen Bevölkerung leben auf dem Land. Doch es ist eine einflussreiche Minderheit: Es sind Indiens Städte, die die rasante Modernisierung der weitgehend traditionalistischen Gesellschaft vorantreiben: In den größten 100 Städten leben nur 16 Prozent der Inder – sie produzieren aber 43 Prozent des Nationaleinkommens. Der wachsende Wohlstand hat eine breite – und westlich orientierte – Mittelschicht hervorgebracht. Immer mehr Frauen studieren in den Städten, hier gehen mehr Mädchen zur Schule als auf dem Land. Sozialer Aufstieg ist möglich, hier verwischen am ehesten die Grenzen zwischen den Kasten. Und hier können auch Frauen Karriere machen.

„Verachtung für den Staat“

Junge Demonstranten, die die Proteste vor allem über das Internet organisierten, wurden von Kommentatoren mit den ägyptischen Demonstranten am Tahrir-Platz verglichen. Gemeinsam ist ihnen der Frust über ein korruptes, unfaires, inkompetentes System. Die Mittelschicht wird fordernder: Vieles, was lange hingenommen wurde, wird nicht mehr akzeptiert. Die derzeitigen Kundgebungen erinnern an die Massenproteste von 2011 – als hunderttausende Inder gegen Korruption demonstrierten.

Pratap Bhanu Meta, Präsident des Zentrums für Politforschung in Delhi, ist überzeugt, dass es bei den Protesten um mehr geht als um Vergewaltigung: „Die Revolte wird von der im Großen und Ganzen gerechtfertigten Verachtung für den Staat getragen“, sagt er der „Zeit“. Destradi bezweifelt aber, dass diese Bewegung radikale Veränderungen herbeiführen wird. „Diese Proteste sind oft kurzlebig. Fraglich ist, ob sich für die Sicherheit und die gesellschaftliche Position der Frau tatsächlich längerfristig etwas ändern wird.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2013)

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44 Kommentare
 
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... der Kampf der modernen Grossstadtnomaden gegen die archaische Stammesgesellschaft in Indien hat begonnen. Viel Glück!

Ein bisserl von dieser gereten Empörung

könnte Ö.auch gut gebrauchen. Ich erinnere an die U6!

Re: Ein bisserl von dieser gereten Empörung

Vor allem es gibts doch nicht dass da die ganze Zeit niemand am Ubahnsteig gestanden ist. Nachdem die Wiener Linien nach 48h die Aufnahmen löschen, wird allerdings nichts mehr da sein um gegen so manchem dort wegen unterlassener Hilfeleistung vorzugehen.

überlässt

die Täter dem Volk.

Re: überlässt

Auch in diesem schrecklichen Fall, wäre Lynchjustiz wohl das allerletzte. Wo leben wir, im Mittelalter?

Re: Re: überlässt

Das Mittelalter war eine deutlich bessere Zeit als heute.

Re: Re: Re: überlässt

Glauben sie? Wenn dann Herzog Faymandl seinen Vogt Daraposchl mitsamt seinen Landsknechten brandschatzend durch die Grafschaft schickt, um Missstände aufzeigende Oppositionelle und aufmüpfige Bauern der hochnotpeinlichen Befragung zu unterziehen, immer noch?

Re: Re: Re: Re: überlässt

Bauernrevolten gab es damals gegen einen Steuersatz von 10%. Es ware eine bessere Zeit.

Re: Re: Re: Re: Re: überlässt

eine bessere Zeit für Herrscher, der Rest überlebte

Re: Re: Re: überlässt


Na, sicher nicht. Die damaligen Lebensumstände, die in Filmen und Trivialliteratur präsentiert werden, betreffen eine mini kleine Kaste der Superreichen, mit einer riesen Portion Zuckerguss und Verzerrungen.

Stellen Sie sich vor, in den Städten hat jeder seine Fäkalien auf die Straße geleert, deren Mitte eine Kloakenfurche zierte.

Am Land war hinter jedem Haus ein entsprechender Abfallhaufen inkl. Fäkalien.

In den Häusern/Hütten war der gestampfte Lehmboden mit Streu bedeckt, in dem sich Ratten, Mäuse, Flöhe und Wanzen wohlfühlten etc.etc.etc.

Kein Arzt, keine Heizung, kein Fensterglas, eine Kindersterblichkeit von ca. 40%.

etc.etc.etc.




Re: Re: Re: überlässt

Und das wissen Sie woher?

Re: Re: Re: Re: überlässt

ist die Frage ernst gemeint??

Warum schreiben Sie „Frust“ und nicht „Wut“!!! Wäre mit Sicherheit treffender gewesen.


Traurige Tatsache,...

...dass in der hinduistischen Gesellschaft die Frau eine erschreckend niedrige Stellung hat. Die schreckliche Vergewaltigung ist nur eines der vielen Symptome, die die Missachtung der Frau in der hinduistischen Gesellschaft zur Folge hat: So war es im Hinduismus üblich, dass bei Versterben des Mannes die Frau mitverbrannt wurde/wird. Diese schreckliche Sitte wurde zwar offiziell verboten, wird aber noch immer in einigen ländlichen Regionen praktiziert.

Re: Traurige Tatsache,...

ja - doch auch die Männer sind dort nur arme Würschteln!

Re: Traurige Tatsache,...

leider nicht nur in der hinduistischen! sie vergessen die orthodoxen ausformungen von judentum und islam. selbst im christentum ist die frau keine vollkommen gleichgestellte spezies mit gleichen rechten.

Re: Re: Traurige Tatsache,...

ja, aber bitte, wer lebt hier noch nach dem Christentum... in Indien werden Menschen getötet, weil sie jemanden aus der falsche Kaste heiraten...

als Frau fühlt man sich in Österreich so viel sicherer...das Christentum ist hier eine komplett erkaltete Religion, die keine Macht mehr hat im Alltag

...

Wann geht der Österreicher auf die Strasse?

Ach ja, dafür is a sich zu schade, er macht sein fpö kreuzerl und dann wird eh alles wieder gut..

Ausserdem machen das ja nur Linke und blöde Gutmenschen..

RESPEKT INDIEN!


Re: ...

in Indien sind solche Gruppen-Vergewaltigungen üblich gewesen, dieser Fall war nur der traurige Höhepunkt einer langen entwicklung....

es geht uns eben viel zu gut... kenne kaum Laute in Österreich die wirklich leiden, außer an privaten Problemen...
und ich rede von ärmeren Schichten

Re: ...

nicht auf die Strasse gehen?
die meisten arbeiten halt.

Entführung, Mordes und Vergewaltigung

nur auf Mord kann - sofern Höchststrafe und nicht mildernde Umstände (Trunkenheit, etc.) berücksichtigt werden müssen - die Todesstrafe verhängt werden

30

Re: Entführung, Mordes und Vergewaltigung

Ich verstehe übrigens überhaupt nicht, warum Trunkenheit überhaupt als Milderungsgrund gilt. Das ist doch absurd. Jeder trinkt doch selbst und ist daher auch selbst dafür verantwortlich.

Re: Re: Entführung, Mordes und Vergewaltigung

Weil der Trinker ja nicht mit der Absicht zu Morden trinkt, sondern mit der zu trinken, und weil Alkohol zur Enthemmung und teilweise oder ganzen Ausschaltung des rationale Denken führt.

Re: Re: Entführung, Mordes und Vergewaltigung

Dem kann ich nur zustimmen.
Zudem will ich doch mal stark hoffen, dass Trunkenheit bei einer solch grausamen Tat keinerlei strafmildernden Charakter hat. Dass bei diesen Tätern - unabhängig vom Alkoholspiegel zum Tatzeitpunkt - so ziemlich alles im Kopf schief läuft, wird ja wohl nicht zur Diskussion stehen.

Vater verlangt Tod durch den Strang

vater hat voellig recht

Re: Vater verlangt Tod durch den Strang

Ich finde eigentlich, der Tog durch Erhängen ist noch viel zu wenig brutal.

Die Täter sollten einen Tod sterben, der noch viel schlimmer ist, als der ihres Opfers.
Ihr Tod sollte so grausam sein, dass die anderen Vergewaltiger, die in Indien noch frei herum laufen, es mit der Angst zu tun bekommen.

 
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