Fleischskandal: Armut führt zu Pferdeschlachtungen

Jetzt ist der größte Lebensmittelhändler der Welt, Nestlé, vom Pferdefleischskandal betroffen. Der Betrugsskandal wird von billigem Pferdefleisch aus Rumänien genährt.

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c AP THOMAS KIENZLE

Belgrad/Wien. Was vor knapp einem Monat mit einem Hamburger in Irland begann, ist spätestens seit Dienstag ein Fleischskandal ungewissen Ausmaßes. Denn nun wurde auch der größte Lebensmittelkonzern der Welt, Nestlé, vom Pferdefleischskandal erwischt. Das Unternehmen mit Sitz in Zürich teilte am Dienstag mit, dass in Fertigprodukten der Marke Buitoni ebenfalls Pferde-DNA gemessen wurde, obwohl 100 Prozent Rindfleisch auf der Verpackung steht. Der Anteil des Pferdefleisches sei höher als ein Prozent, hieß es. Ein Wert, der nicht mehr mit Verunreinigung oder Schlamperei, sondern nur noch mit Betrug argumentiert werden kann.

Wo auf kriminelle Weise aus billigem Pferdefleisch teures Rindfleisch wird, ist vorerst noch nicht aufgeklärt. Im Zentrum der Ermittlungen steht ein holländischer Fleischhändler, der bereits zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, weil er seinen Handelspartnern Pferd statt Rind andrehte. Nun soll er munter weitergewurstet haben.

Der europaweit aufgezogene Millionenbetrug profitiert vor allem von der Armut tausender rumänischer Kleinbauern. Immer mehr Karpatenbauern verscherbeln ihren Ackergaul aus Geldnot. Die Auswirkungen sind enorm: Rumäniens Pferdefleischexport hat allein in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres um neun Prozent zugelegt. Seit 2008 ist die Zahl der Pferde in Rumänien von 800.000 auf 600.000 geschrumpft. Und der Exodus geht rasant weiter.

 

Pferdefleisch wird immer billiger

Mit jährlichen Ausfuhren im Wert zwischen zehn und zwölf Millionen Euro gilt Rumänien als einer der wichtigsten Pferdefleischexporteure Europas. Der Preis für Pferdefleisch verfällt, und skrupellose Großhändler machen sich dies zunutze. Pferdefleisch, selbst wenn es tiefgefroren um den halben Kontinent gekarrt wird, kostet im Vergleich zu Rindfleisch einen Pappenstiel.

Hauptabnehmer des eisenhaltigen Fleisches sind Italien, Bulgarien und die Niederlande. In rumänischen Restaurants kommen nahrhafte Pferdesteaks oder würzige Pferdewürste so gut wie nie auf den Tisch: Als Nutztiere von den Bauern geschätzt, ist der Verzehr des Fleisches verpönt.

Nationale Pferdefleischskandale kleineren Ausmaßes bereicherten in den vergangenen Jahren jedoch auch die Schlagzeilen von Rumäniens Gazetten. So schlug die Tierschutzorganisation Arca lui Noe (Arche Noah) 2009 wegen des illegalen Abtransports von Wildpferden aus dem Donaudelta mithilfe korrupter Veterinäre in italienische Schlachthäuser Alarm.

Und 2010 flog in der Karpatengemeinde Homocea eine Fleischerbande auf, die selbst geschlachtetes Pferdefleisch als Rindfleisch an Bukarester Supermärkte lieferte. Doch die wegen des europaweiten Pferdefleischskandals veranlasste Überprüfung von Rumäniens großen Exporteuren ergab bislang keine Bestätigung des Verdachts neuer Manipulationen: Deren Pferdefleischexporte waren 2012 allesamt auch als solche deklariert.

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(C) DiePresse

Rumänien fürchtet Imageschaden

Rumänische Fleischexporteure hätten „alle Standards eingehalten“ und ihre Pferdefleischlieferungen ins Ausland „ordnungsgemäß“ etikettiert, beeilt sich der um den Ruf des Landes besorgte Premier Victor Ponta schon seit Tagen zu versichern.

In seinem Blog „Biziday“ fürchtet der Journalist Moise Guran jedoch einen bleibenden Imageschaden: „Das rumänische Pferd ist nun berühmter als die BSE-Kuh. Und am Ende wird der Name ,Rumänien‘ dem Verbraucher in Erinnerung bleiben – ganz gleich, ob nun rumänische Firmen für den Skandal die Schuld tragen oder nicht.“

Auf einen Blick

Rumänische Kleinbauern verkaufen aus Geldnot ihre Gäule. Die Zahl der Pferde ging in dem EU-Land um 200.000 Tiere zurück. Das billige Pferdefleisch gelangt über Italien, Bulgarien und Holland in den Lebensmittelhandel. Nun hat auch Lebensmittel-Multi Nestlé Pferde-DNA in einem Rindfleischprodukt gefunden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2013)

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