Fleischskandal: Armut führt zu Pferdeschlachtungen

19.02.2013 | 18:22 |  THOMAS ROSER (Belgrad) UND GERHARD HOFER (Die Presse)

Jetzt ist der größte Lebensmittelhändler der Welt, Nestlé, vom Pferdefleischskandal betroffen. Der Betrugsskandal wird von billigem Pferdefleisch aus Rumänien genährt.

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Belgrad/Wien. Was vor knapp einem Monat mit einem Hamburger in Irland begann, ist spätestens seit Dienstag ein Fleischskandal ungewissen Ausmaßes. Denn nun wurde auch der größte Lebensmittelkonzern der Welt, Nestlé, vom Pferdefleischskandal erwischt. Das Unternehmen mit Sitz in Zürich teilte am Dienstag mit, dass in Fertigprodukten der Marke Buitoni ebenfalls Pferde-DNA gemessen wurde, obwohl 100 Prozent Rindfleisch auf der Verpackung steht. Der Anteil des Pferdefleisches sei höher als ein Prozent, hieß es. Ein Wert, der nicht mehr mit Verunreinigung oder Schlamperei, sondern nur noch mit Betrug argumentiert werden kann.

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Wo auf kriminelle Weise aus billigem Pferdefleisch teures Rindfleisch wird, ist vorerst noch nicht aufgeklärt. Im Zentrum der Ermittlungen steht ein holländischer Fleischhändler, der bereits zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, weil er seinen Handelspartnern Pferd statt Rind andrehte. Nun soll er munter weitergewurstet haben.

Der europaweit aufgezogene Millionenbetrug profitiert vor allem von der Armut tausender rumänischer Kleinbauern. Immer mehr Karpatenbauern verscherbeln ihren Ackergaul aus Geldnot. Die Auswirkungen sind enorm: Rumäniens Pferdefleischexport hat allein in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres um neun Prozent zugelegt. Seit 2008 ist die Zahl der Pferde in Rumänien von 800.000 auf 600.000 geschrumpft. Und der Exodus geht rasant weiter.

 

Pferdefleisch wird immer billiger

Mit jährlichen Ausfuhren im Wert zwischen zehn und zwölf Millionen Euro gilt Rumänien als einer der wichtigsten Pferdefleischexporteure Europas. Der Preis für Pferdefleisch verfällt, und skrupellose Großhändler machen sich dies zunutze. Pferdefleisch, selbst wenn es tiefgefroren um den halben Kontinent gekarrt wird, kostet im Vergleich zu Rindfleisch einen Pappenstiel.

Hauptabnehmer des eisenhaltigen Fleisches sind Italien, Bulgarien und die Niederlande. In rumänischen Restaurants kommen nahrhafte Pferdesteaks oder würzige Pferdewürste so gut wie nie auf den Tisch: Als Nutztiere von den Bauern geschätzt, ist der Verzehr des Fleisches verpönt.

Nationale Pferdefleischskandale kleineren Ausmaßes bereicherten in den vergangenen Jahren jedoch auch die Schlagzeilen von Rumäniens Gazetten. So schlug die Tierschutzorganisation Arca lui Noe (Arche Noah) 2009 wegen des illegalen Abtransports von Wildpferden aus dem Donaudelta mithilfe korrupter Veterinäre in italienische Schlachthäuser Alarm.

Und 2010 flog in der Karpatengemeinde Homocea eine Fleischerbande auf, die selbst geschlachtetes Pferdefleisch als Rindfleisch an Bukarester Supermärkte lieferte. Doch die wegen des europaweiten Pferdefleischskandals veranlasste Überprüfung von Rumäniens großen Exporteuren ergab bislang keine Bestätigung des Verdachts neuer Manipulationen: Deren Pferdefleischexporte waren 2012 allesamt auch als solche deklariert.

(C) DiePresse

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Rumänien fürchtet Imageschaden

Rumänische Fleischexporteure hätten „alle Standards eingehalten“ und ihre Pferdefleischlieferungen ins Ausland „ordnungsgemäß“ etikettiert, beeilt sich der um den Ruf des Landes besorgte Premier Victor Ponta schon seit Tagen zu versichern.

In seinem Blog „Biziday“ fürchtet der Journalist Moise Guran jedoch einen bleibenden Imageschaden: „Das rumänische Pferd ist nun berühmter als die BSE-Kuh. Und am Ende wird der Name ,Rumänien‘ dem Verbraucher in Erinnerung bleiben – ganz gleich, ob nun rumänische Firmen für den Skandal die Schuld tragen oder nicht.“

Auf einen Blick

Rumänische Kleinbauern verkaufen aus Geldnot ihre Gäule. Die Zahl der Pferde ging in dem EU-Land um 200.000 Tiere zurück. Das billige Pferdefleisch gelangt über Italien, Bulgarien und Holland in den Lebensmittelhandel. Nun hat auch Lebensmittel-Multi Nestlé Pferde-DNA in einem Rindfleischprodukt gefunden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2013)

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97 Kommentare
 
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Kann mir jemad sagen

was aus Waldheims Pferd geworden ist? Danke und LG

Re: Kann mir jemand sagen

Sonowatz hat es verspeist!

Die Schweizer haben eine andere Meinung über Pferdle vom Nestle

Gestern in SF1 zu sehen. Nestle kauft geschundene Pferde die nicht mehr richtig laufen können in Kannada und Mexiko, von Tierschützern gefilmt. Viele aus den USA nach Kannada gekarrt, weil es in den USA keine Pferdeschlachthöfe gibt.
Als noch Zoll fällig war, gab es keine solche Herumkarrerei von Tieren und Fleisch und das war auch für die Umwelt besser.
Heute weiß man auch beim Metzger nicht ob das Schwein nicht aus den deutschen Schweine-Konzentrationlagern in Deutschland betrieben von Holländern kommt.
Jeder der glaubt wenn er keine Fertiggerichte isst, ist er nicht beschissen, der irrt gewaltig.

Re: Die Schweizer haben eine andere Meinung über Pferdle vom Nestle

Also bei meinem Fleischhauer (so heisst das bei uns!) hängt immer ein Zettel, von welchen Höfen das Fleisch kommt ... aber ich wohne halt in der tiefsten Provinz und nicht in der Großstadt, wo ja bekanntlich alles viel besser ist!

Kreuzworträtselfrage

Anscheinend dürfte an der Kreuzworträtselfrage - die eigentlich als Scherz gemeint ist - doch etwas wahres dahinter stecken.

Nennen Sie mir eine kriminelle Vereinigung mit 21 Buchstaben: Lebensmittelindustrie

Mir kommen gleich die Tränen

der Grund ist die Armut.

Der Grund ist die Gier der Konzerne und sonstiger Drahtzieher. Die Bauern in Rumänien oder sonst wo bekommen einen Hungerlohn. Den Reibach machen die anderen.

Re: Mir kommen gleich die Tränen

Die Bauern verkaufen ihre Pferde weil sie das Geld brauchen. Deshalb ist so viel Pferdefleisch am Markt

Re: Re: Mir kommen gleich die Tränen

Wieso eigentlich? Die kriegen doch angeblich soviel EU-Förderungen (Landwirtschaft, Regional etc.) ...

Der Schärdinger

Wo ist denn der Aufschrei der Grünen.
Für was setzen die sich ein, sie sind ja auch in diesem Komödienstadl der EU vertreten,
ein Darmwind in der Votivkirche ist anscheinend interessanter für die Grünen als Tierleid!?

Re: Der Schärdinger

Was haben kriminelle lebensmittelproduzenten mit der eu, oder gar mit der votivkirche zu tun?

wer billig kauft, kauft teuer...

...oder: wer mist kauft bekommt mist.

vielleicht sollten wir uns wieder auf die heimischen und auf nicht verarbeitete lebensmittel konzentrieren - also nur beim fleischer unseres vertrauens einkaufen.
dabei wieder die hochwertigkeit von fleisch vor augen führen - und es wieder schmecken indem man es selbst zubereitet.

bei fertigprodukten ist es ohnehin egal was drinnen ist. das schmeckt ja garnicht mehr nach fleisch.

apropos: pferdefleisch schmeckt ausgezeichnet, gesund und hochwertig.

also was soll der terz?!


Re: wer billig kauft, kauft teuer...

Und nicht vergessen (ich meine das jetzt ernst!): sich beim Tier bedanken, denn es hat sein Leben für uns hergegeben ...

Re: Re: wer billig kauft, kauft teuer...

...zumindest mit respekt behandeln und sich bewußt machen, dass man es mit lebewesenzu tun hat die da in stücken am teller liegen.

Re: wer billig kauft, kauft teuer...

Wenn ich Nachts arbeite und am Morgen um 5h beim Metzger meines "Nichtvertrauens" vorbei fahre sehe ich oft holländische LKW.
Das ist der dümmste Spruch den es gibt.

Re: Re: wer billig kauft, kauft teuer...

...gibt der metzger ihres NICHT-vertrauens denn vor dass er ausschließlich heimisches vieh verarbeitet?
...warum kaufen Sie dann trotzdem dort ein?

aber sie haben natürlich recht. gauner gibt es überall - und sicher kann man sich nie sein.

in wien gibt es beispielsweise die fa. hödl, 1230 wien, http://www.hoedl-fleisch.at/presse.html die holen ihre schlachttiere aus dem raum tulln, prüfen den viehbetrieb dort und behandlen die tiere gut - bis zur schlachtung ein paar tage nach transport. sind aber die einzigen in wien.

nur weil sie den "spruch" nicht verstehen oder verstehen wollen ist er nicht dumm - oder sind sie es?!

bitte mitdenken und informieren.
danke

Grauenvolle Transporte

Ein paar Prozent Pferdefleisch werden die Fast Food Junkeys schon überleben. Wenn es auch nicht ok ist.
Viel schlimmer sind die täglichen Transporte lebender Pferde von Rumänien durch Ungarn und Slowenien nach Italien. Auf engstem Raum zusammengepfercht werden hier auf Sattelschleppern halbtote, unterernährte Pferde in Kontainern die nicht dafür geeignet sind transportiert.
Österreich vermeiden sie dabei, da die Kontrollen zu dicht sind. Wer es nicht glaubt braucht nur einen Tag auf der Route Györ-Szombathely zusehen.

Manchmal gibt es Menschen die soch einen LKW stoppen, und die Pferde den Frächtern abkaufen, um sie dann auf alten Bauernhöfen wieder gesund zu pflegen, und anschließend sie gratis an gute Quatiere zu vergeben. Ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Re: Grauenvolle Transporte

Sie haben uneingeschraenkt recht. Auch die tierexporte aus polen und tschechien fahren die route slowakei/ungarn/slowenien/italien. Hier geht es ausschliesslich um profitmaximierung und bei der verschiffung in triest setzt sich das grauen fort,wobei die behoerden untaetig zusehen. Aber zum teil liegt das auch an den (schwachsinnigen) eu-foerderungsrichtlinien fuer fleischexporte in nicht eu-staaten,die dieses "geschaeft" besonders lukrativ machen und daran,dass die bestimmungslaender nur lebendtiere importieren.

eu-foerderungsrichtlinien fuer fleischexporte

Richtig ! Da kommt es gar nicht darauf an, ob die Tiere lebend am Bestimmungsort ankommen. Hauptsache der Stempel ist auf dem EU-Exportschein und die Subventionen fliessen. Krankes System !

Der Absatz von Fertigprodukten steigt und somit

wird dieser Pferdefleischskandal nicht das Ende der Fahnenstange sein.
Sicher ist nur, wer selber kocht. Meiner Meinung nach gehören richtige Ernährung und Kochen in der Schule unterrichtet.
Wer selber kocht lebt besser, gesünder und günstiger. Ausserdem hat man die Möglichkeit die kleineren Bauern zu unterstützen anstatt einem Konzern, der steuerschonend seinen Sitz im Ausland hat, das Geld in den Rachen zu werfen.

Der Konzern, den Sie als Österreicher am meisten unterstützen


heißt Raiffeisen.

Sowohl Agrarsubventionen, als auch diverse Bankenrettungspakete fließen ohne Steuerabzug direkt in den Säckel der Bank. Diese Bank hält sich in Österreich eine eigene Partei (ÖVP), um alle Entscheidungen zu ihren eigenen Gunsten zu beeinflussen; die Genehmigung der ÖVP-Minister ist ein Grundrecht der Gibelkreuzler.

Due tristen Verhältnisse in Rumänien

sind auch darauf zurück zu führen, dass die EU - und somit auch wir - jährlich hunderte Millionen Unterstützungsgelder in dieses Land schickt, aber diese Gelder oft in dunklen Kanälen verschwinden. Die EU wurde schon oft von Mitgliedsländern darauf aufmerksam gemacht, doch die Brüsseler Hohlköpfe reagierten nicht. Warum nicht? Ist da zum wiederholten Mal Korruption im Spiel? Warum hat man Rumänien (und Bulgarien) überhaupt in die EU geholt? Man wusste doch Bescheid über die Zustände in diesen Ländern. Und die Niederlande haben jetzt auch ihren Skandal. Der Importeur des rumänischen Pferdefleisches flog schon einmal auf wegen dunioser Geschäfte und darf trotzdem ungestört weitermachen. Diese EU ist ein Hort der Lobbyisten udn der Korruption und die Geschädigten sind die Steuerzahler, die für alles aufkommen müssen, was in Brüssel vergeigt wird.

Re: Due tristen Verhältnisse in Rumänien

Wo er recht hat, hat er recht ... das Übel sind die Lobbyisten und die unendliche Dummheit der Entscheider in Brüssel. Die hocken dort in ihren Glaspalästen und haben keine Ahnung, wie es in RO u. BG ausschaut! Andernfalls wären diese beiden Länder nicht in der EU!

Rumänien, der Sündenbock


Das bedient die Vorurteile der Österreicher wieder voll und ganz.

Die Ostblockländer sind schuld an allem; des hamm eh imma scho gwust.

Wer versucht sich ein wenig genauer zu informieren wird viele Fragen nicht beantwortet bekommen; wie z.B. :

Wo sind all die Pferde aus Irland und den Niederlanden hingekommen ?

Haben die rumänischen Schlachtbetriebe nicht doch richtig deklariert und waren es deutsche und französische Lebensmittelbetriebe, die betrogen haben ?

Re: Due tristen Verhältnisse in Rumänien

Als das pferdefleisch rumaenien in richtung westen verliess,war es richtig deklariert.Die wundersame mutation zu rindfleisch erfolgte bei grossunternehmen in den alten eu-staaten.Also was werfen sie den rumaenen vor?In schweden und irland raetselt man auch ueber den verbleib von tausenden pferden. Hier gehts ganz alleine um kriminelle handlungen von lebensmittelproduzenten. Aber das duerften sie aufgrund ihrer vorurteile gegen die eu und die neuen mitgliedsstaaten nicht begreifen oder verdraengen.

"Wertvolles" Fleisch

Vielleicht bin ich der Einzige, der überrascht ist, dass Pferdefleisch tatsächlich um so vieles billiger ist als vergleichbares Rindfleisch? Dachte immer, Pferde seien so wertvolle Tiere und viel zu kostspielig, um sie zu billiger Lasagne zu verarbeiten ... wie auch immer: denke, für viele ist es keine große Überraschung, dass die Etiketten auf vielen Produkten nicht alle Details anzeigen, das Ausmaß des Ganzen ist aber zugegebenermaßen bedenklich...

Pferdefleisch aus Irland


Vor kurzem erschien ein Bericht des BBC über zehntausende "verschwundene" Pferde aus Irland.

Als es Irland gut ging (bis ca 2008) war der Besitz von Pferden bei vielen Familien üblich. Dann kam die Krise und die Pferde wurden teilweise um nur 10 Pfund !! pro Tier aufgekauft, hundertweise. Dann verschwanden sie aus dem Blickfeld.

In dem Bericht wird auch darauf hingewiesen, wie einfach es war und ist einen falschen Pferdepass zu bekommen. Dieser ist notwendig, wenn ein Tier zur Fleischproduktion geschlachtet werden soll.

 
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